Volltextsuche über das Angebot:

6 ° / 2 ° Regenschauer

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
„Schwarz-Gelb spielt mit bildungspolitischem Feuer“ - Gerold im Interview zu Lehrerstreiks

„Schwarz-Gelb spielt mit bildungspolitischem Feuer“ - Gerold im Interview zu Lehrerstreiks

Seitdem die Lehrergewerkschaften weitere Streikaktionen ins Auge gefasst haben, droht der Zwist mit der schwarz-gelben Staatsregierung zu eskalieren. Koalitionspolitiker vor allem aus der CDU haben den Lehrervertretern in der Leipziger Volkszeitung vorgeworfen, „mit der Brandfackel durch den bildungspolitischen Heuschober“ zu ziehen.

Voriger Artikel
Neue Strategie: Sachsens Polizei will verstärkt gegen Cyberkriminalität vorgehen
Nächster Artikel
Weiterer Abschnitt der Autobahn Chemnitz-Leipzig wird gebaut

Sabine Gerold, Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

Quelle: dpa

Dresden. GEW-Landeschefin Sabine Gerold reagiert im Interview auf die Vorwürfe. Tenor: Die wahren Brandstifter sitzen auf den Bänken der CDU/FDP-Koalition.

Frage: Sie drohen mit Lehrerstreiks ab Schuljahresbeginn, und nun macht das Wort von der Brandfackel die Runde. Fühlen Sie sich als politische Brandstifterin?

Sabine Gerold: Mit dem Feuer spielt vor allem die Regierungskoalition, die sich bildungspolitisch nur einen Heuschober leistet, statt eine zukunftssichere Scheune zu bauen. In vielen Schulen brennt es wegen der verfehlten Personalpolitik bereits lichterloh. Wir kümmern uns um den Brandschutz, wenn wir Entlastung für ältere Kollegen fordern und den Lehrerberuf in Sachsen für junge Lehrer attraktiv machen wollen. Unser Generationenvertrag für Sachsens Schulen ist ein echtes Gesamtpaket, keine Mogelpackung.

Warum kehren Sie nicht an den Verhandlungstisch zurück?

Nicht wir, sondern die Staatsregierung verweigert sich fairen Verhandlungen. Auf Arbeitsebene sind alle Handlungsfelder erörtert worden, die beim Generationenwechsel im Lehrerbereich zu bearbeiten sind – von der Werbung für den Lehrerberuf über die Lehrerausbildung, den Berufseinstieg, die Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen in den Schulen bis hin zur Bezahlung und zur Altersteilzeit. Mitte Juni hat sich die Staatsregierung dazu nicht an den Tisch gesetzt, sondern uns ihr sogenanntes Gesamtpaket via Pressekonferenz präsentiert – während wir am Tisch saßen. Wir sind es also nicht, die zurückkehren müssen.

Der CDU-Finanzpolitiker Jens Michel hält einen Streik auch deshalb für unangemessen, weil Lehrer gar nicht so schlecht verdienten. Stimmt das?

Herr Michel verkennt die Dimension der Aufgabe, den Generationenwechsel in den Schulen zu gestalten. Er reduziert das komplexe Thema plump auf die Höhe der Lehrergehälter. Wenn überhaupt einer zündelt, dann ist er es. Sein Versuch, eine neue Neiddebatte gegen die Lehrer zu schüren, fällt zum Glück nicht auf fruchtbaren Boden. Wir haben hier sehr früh für Transparenz gesorgt. Seit den Warnstreiks im Herbst 2012 weiß jeder, der es wissen will, was man als Lehrer in Sachsen brutto verdienen kann und wie wenig das netto im Vergleich zu verbeamteten Kollegen in anderen Bundesländern ist. Niemand findet es unangemessen, dass heute ein Lehrer nach 10 Semestern Studium und einem Vorbereitungsdienst mit 2800 bis 3300 Euro brutto – je nach Schulart – in einen Beruf einsteigt, der hoch komplex und sehr verantwortungsvoll ist.

Es geht also doch auch um eine bessere Bezahlung?

Die Entgelthöhe ist aber nicht das Streitthema. Die vom Arbeitgeber einseitig verordnete Eingruppierung ist das Problem. Hier gibt es haarsträubende Ungerechtigkeiten, die wir mit einer tariflichen Lehrerentgeltordnung überwinden wollen. Dabei geht es um Gerechtigkeit für unsere schon tätigen Kollegen, um gleichen Lohn für vergleichbare Arbeit und um die Konkurrenzfähigkeit Sachsens bei der Nachwuchsgewinnung. Wir agieren dabei nicht auf dem Rücken der Kinder, sondern für die Zukunft ihrer schulischen Bildung. Wenn Herr Michel etwas nachdenkt, dann versteht er diesen Zusammenhang auch.

Laut Michel erhält ein sogenannter „Musterlehrer“ in der Mittelschule über 4600 Euro …

Es gibt keinen „Musterlehrer“, wenn es um die Bezahlung geht. Bevor ein Lehrer an der Mittelschule auf ein Bruttogehalt von 4600 Euro kommt, muss er erst mal in die Entgeltgruppe 13 kommen und dort die Endstufe erreichen. Bisher können das lediglich 35 Prozent der Lehrer an Mittelschulen. Die Staatsregierung will diese Quote nun auf 66 Prozent erhöhen. Niemand kann erklären, warum man an ein und derselben Schule, bei völlig gleicher Ausbildung und Tätigkeit, einen Gehaltsunterschied von bis zu 500 Euro akzeptieren soll. Mit Leistung hat das gar nichts zu tun, sondern schlicht und einfach mit der Tatsache, dass der Finanzminister weiter an höherwertigen Stellen sparen will.

Auch die FDP hält das für ein hervorragendes Angebot?

Bei dem „Angebot“ für Mittelschul- und Förderschullehrer geht es nicht um eine bessere Bezahlung, sondern um die Schaffung von Haushaltsstellen für die eigentlich zustehende Bezahlung. Auch hier wird in der Öffentlichkeit ein falscher Eindruck erweckt.

Peter Lorenz, der stellvertretende Vorsitzende des Landeselternrats, kann die Einwände der Gewerkschaften durchaus verstehen. Dennoch meint auch er, ein Streik gehe auf Kosten der Schüler. Wollen Sie das?

Auf Kosten der Schüler geht vor allem der Unterrichtsausfall, der einem Lehrermangel und dem Verschleiß der immer höher belasteten Kollegen geschuldet ist. Zu Beginn des Schuljahres – das zeichnet sich jetzt schon ab – werden sich die Lernbedingungen vieler Schüler wegen der verfehlten Personalpolitik weiter verschlechtern. Vermutlich gehen sogar die Schüler mit ihren Lehrern und Eltern gemeinsam auf die Straße, um bessere Bildungsbedingungen und mehr Lehrer einzufordern. Wir sehen jedenfalls nicht tatenlos zu, wie die jetzige Koalition weiter ehrgeizig spart und dabei Bildungsschulden in Kauf nimmt, die künftige Generationen viel stärker belasten werden als die Zinsen der Staatsschulden, die jetzt als Schreckgespenst für unsere Kinder und Enkel an die Wand gemalt werden. Wir putschen unsere Kollegen nicht auf, das macht die Staatsregierung schon ganz alleine. Wenn Lehrer streiken, dann tun sie das nicht gegen, sondern für ihre Schüler. Alles was wir fordern, macht die Schule in Sachsen besser und zukunftssicherer.

Interview: Jürgen Kochinke

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • Leipzig-Album
    Leipzig-Album

    Welche Ereignisse sind den Bürgern der Messestadt besonders in Erinnerung geblieben, welche Orte oder Gebäude sind verschwunden oder haben sich gew... mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die LVZ in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten LVZ das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr

  • Digital Abo

    "LVZ Digital Abo" heißt das Online-Premiumangebot der Leipziger Volkszeitung, das Sie überall auf der Welt und rund um die Uhr nutzen kön... mehr

  • Panometer Leipzig - Dresden
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Titanic" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zu den Panoramen "Titanic" und "Dresden im Barock" mehr

  • Touristik & Caravaning
    Themen, Tickets, Öffnungszeiten: Die wichtigsten Infos zur Messe Touristik & Caravaning (TC) 2017 im Special auf LVZ.de

    Urlaubsstimmung im Novembergrau: Alle Infos und News zur Reisemesse Touristik & Caravaning (TC) 2017 in unserem Special. mehr

  • Lichtfest Leipzig 2017

    Alljährlich am 9. Oktober erinnert das Lichtfest Leipzig auf dem Augustusplatz an die Ereignisse im Herbst 1989. Hier gibt es alle Infos. mehr

  • Schau! Das Leipziger Museumsportal
    Schau! Das Leipziger Museumsportal

    Alle Informationen zu den Museen in Leipzig, ihren Ausstellungen und Events auf einen Blick im Special der LVZ. mehr