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Sinkender Bierkonsum: Kleine Brauereien kämpfen um ihre Existenz

Sinkender Bierkonsum: Kleine Brauereien kämpfen um ihre Existenz

Die Deutschen trinken immer weniger Bier. Seit Jahren geht der Bierabsatz zurück. Darunter leiden vor allem die kleinen privaten Brauereien, wie etwa die Specht-Brauerei in Ehrenfriedersdorf in Sachsen.

Leipzig. Ans Aufgeben denkt man dort aber nicht.

Schwarzer Specht ist der Renner in der kleinen Brauerei im Oberen Erzgebirge. "Die Leute mögen das Schwarze, weil es nicht so bitter schmeckt", sagt Brauereichef Axel Specht. "Bei uns ist noch viel Handarbeit im Spiel." Viel mehr will er über den Brauprozess nicht verraten. Sechs Wochen dauere es, bis der Gerstensaft in der Flasche oder im Fass landet. Neben der Erfahrung seiner Brauer nennt der 44-Jährige die Zutaten den Garant für die gleich bleibend hohe Qualität der Specht-Biere. "Da haben wir nach der Wende viel ausprobiert und uns für Hopfen aus Hallertau und heimisches Gerstenmalz entschieden. Und dann ist da unser gehaltvolles Felsquellwasser." Das kommt aus einem Brunnen im Greifensteingebiet.

Die Brauerei der kleinen Bergstadt setzt heute im Jahr rund 9000 Hektoliter Bier ab. Damit produzieren die Brauer wieder fast so viel wie vor der Wende. "Das ist vor allem das Verdienst meines Vaters", sagt Axel Specht. "Er hat Jahr für Jahr in neue Technik investiert." Der Juniorchef führt zur modernen Waschmaschine, zeigt auf Bierfüller, Etiketten-Maschine, Flaschen­einpacker. 1998 entstand eine neue Schroterei. Drei Jahre später statteten die Spechts das Sudhaus komplett neu mit Braupfanne, Läuterbottich und Whirlpool aus - alles in Edelstahl.

"Dabei ging es nach der Wende bergab", sagt Axel Specht, der schon früh im Familienbetrieb mitgearbeitet hat und später Brauwesen studierte. "Auf 4000 Hektoliter schrumpfte der Jahresabsatz, weil immer mehr Westbiere auf den Markt drängten, während wir kaum noch irgendwo gelistet waren." Sieben Mitarbeiter mussten die Spechts entlassen. Heute hat die Brauerei wieder zehn Beschäftigte. Da der Pro-Kopf-Verbrauch beim Bier auch in Sachsen weiter im Sinkflug ist, haben es auch die Spechts schwer.

Bundesweit konsumierte 1990 jeder Deutsche im Schnitt 142 Liter. "Heute sind es noch 105 Liter", sagt Renate Scheibner, Präsidentin des Verbandes der privaten Brauereien Deutschland. Im ersten Quartal dieses Jahres sei im Vergleich zum Vorjahreszeitraum erneut weniger Bier getrunken worden. "Klar", sagt sie, "wo es Überkapazitäten gibt, herrscht ein harter Verdrängungswettbewerb, in dem die Kleinen nur dann Chancen haben, wenn sie regional verankert sind und mit Spezialitäten aufwarten können." Wo das nicht gelingt, versiegt der Zapfhahn. Beispiele gibt es zahlreiche. So hat die Heidebrauerei in Colbitz Pleite gemacht - der Eigentümer will die Firma aber aus der Insolvenz holen und weitermachen. Dicht sind auch die Brauereien in Gardelegen und Meiningen. Das Aus kam ferner für Braugold in Erfurt oder für das Torgauer Brauhaus. Gleich nach der Wende schlossen die Betriebe in Halle, Dessau und Magdeburg.

Von einem Brauereisterben in den drei mitteldeutschen Ländern will Vereinspräsidentin Scheibner, zugleich Chefin der Glückauf-Brauerei Gersdorf, aber nichts wissen. Ihr Verein hat in der Region 24 Mitgliedsbetriebe, davon mit der Landsberger Brauerei nur einen in Sachsen-Anhalt, neun in Sachsen. In Thüringen hat der Verein die meisten Mitglieder. Viele regionale Marken sind unter die Fittichen riesiger Konzerne gekommen. Ihnen geht es zumeist gut. Hasseröder in Sachsen-Anhalt oder Radeberger sind da Flaggschiffe. Sie profitieren von der Kraft der Mutter und können viele Unwägbarkeiten abfangen.

Besonders in Sachsen stemme man sich gegen den Trend, meint Reinhard Zwanzig vom Sächsischen Brauerbund. Der Pro-Kopf-Verbrauch im Freistaat sinke zwar, liege aber mit 135 Litern deutlich über dem Bundesschnitt. Sachsen bleibt mit einem Bierabsatz von 8,04 Millionen Hektolitern das Bierland Nr. 1 im Osten und nach Nordrhein-Westfalen und Bayern die Nr. 3 bundesweit. "Die sächsische Biervielfalt ist legendär", sagt der Präsident des Sächsischen Brauerbundes, Steffen Dittmar (Chef von Brauquell Löbau). Aus den insgesamt 55 Braustätten in Sachsen (davon 28 Braugasthöfe) kämen 310 Biermarken der unterschiedlichsten Sorten - vom Weizen über das Bock und Pils bis hin zum alkoholfreien Bier.

Katrin Bartsch, Geschäftsführerin der Lands-kron-Brauerei, sieht es nicht ganz so euphorisch. Ums Überleben müssten nicht nur die Kleinen kämpfen. Das mittelständische Unternehmen aus Görlitz mit einem Jahresausstoß von 165000 Hektolitern lässt sich ständig Neues einfallen, um aufzufallen, so das Credo der Braumanufaktur. Den Vogel schossen die Görlitzer mit der Edition Nr. 1 ab, einem Gourmet-Bier mit Whisky-Geschmack. Das notwendige Whisky-Malz kommt laut Bartsch aus Schottland. Dort werde die Gerste nach dem Keimen nicht normal getrocknet - sondern über offenem Torffeuer. "Das gibt dann diese rauchige Note." Die auf 15000 Flaschen limitierte Edition war trotz des Preises von acht Euro in zwei Wochen ausverkauft.

Auch in Sachsen-Anhalt wachsen in der Nische erlesene Produkte. So geht die kleine Brau-Manufaktur in Wippra mit edlen Kreationen in edlem Gebinde und zu stolzen Preisen ans betuchte, am Experimentieren interessierte Publikum. Die Wippraer rufen für die 0,75-Liter-Flasche schon mal eben 14,99 Euro auf.

Ob Klein- oder mittelständische Brauerei - das größte Problem sind die Individualflaschen der Braukonzerne mit ihren ins Glas geprägten Aufschriften. Weil das Auge angeblich mittrinkt, kommen davon immer mehr in den Handel und landen so im Leergut der anderen. In den Brauereien müssen die Spezialflaschen aus den Kästen sortiert werden. Landskron hat in eine teilautomatische Leerflaschensortierung investiert, bei Spechts in Ehrenfriedersdorf werden die Kästen zeitaufwendig mit der Hand bestückt. Teuer ist es in beiden Fällen. Sachsens Brauerbund hat sich eindeutig in einem Memorandum (Mehrweg statt mehr Wege) positioniert. "Wir brauchen eine Umkehr zurück zur bundesweiten Wiedernutzung der standardisierten Bier-Mehrwegflasche", sagt Präsident Dittmar. Erstmals würden die Brauer in Sachsen - egal ob klein oder groß - an einem Strang ziehen, lobt Landskron-Chefin Bartsch. "Das ist ein Anfang auf dem Weg zum Erhalt der viel beschworenen Vielfalt."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 21.05.2013

Andreas Dunte

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