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Stempel Seiteneinsteiger? - „Auf Vorbehalte bin ich oft gestoßen“

Lehrer in Sachsen Stempel Seiteneinsteiger? - „Auf Vorbehalte bin ich oft gestoßen“

Lehrer sind Mangelware. An sächsischen Schulen unterrichten deshalb immer mehr Männer und Frauen, die vorher etwas ganz anderes gemacht haben. Der Wechsel ist nicht immer einfach - weiß Julia Beranek aus eigener Erfahrung.

Die beiden Lehrer Julia Beranek und Holm Buchner sitzen in einem Klassenzimmer der 102. Grundschule in Dresden.

Quelle: dpa-Zentralbild

Dresden . Die Schulglocke klingelt, lärmend drängen die Kinder auf den Flur. Julia Beranek entlässt ihre Schützlinge - Unterrichtsschluss für heute. An den Lärm, gibt die 27 Jahre alte Seiteneinsteigerin zu, hat sie sich erst gewöhnen müssen. Vorher arbeitete die studierte Sportwissenschaftlerin bei der Sächsischen Aufbaubank und kümmerte sich um die Sportstättenförderung. „Dort war es so leise, dass man eine Stecknadel fallen hörte.“ Und dennoch möchte Beranek, die seit Februar an der Dresdner Grundschule „Johanna“ Sport unterrichtet, nicht tauschen. „Es war absolut der richtige Schritt“, sagt sie.

Beranek ist eine von mehr als 1100 Seiteneinsteigern, die derzeit an Sachsens Schulen unterrichten. Sie haben nicht auf Lehramt studiert und vorher in einem anderen Beruf gearbeitet. Weil es an Lehrern fehlt, greift der Freistaat zunehmend auf die Quereinsteiger zurück, vor allem an Grundschulen. Im Schnitt wurden zu Beginn des neuen Schuljahres etwa 45 Prozent der freien Stellen mit Quereinsteigern besetzt. Auch wenn Kultusministerin Brunhild Kurth (CDU) immer wieder betont, dass diese eine Bereicherung für den Unterricht seien - Kritiker fürchten, dass die Qualität des Unterrichts sinkt.

„Leute vom freien Markt sind flexibel“

„Auf Vorbehalte bin ich oft gestoßen“, berichtet Beranek. Dabei ist sie sicher, dass die Schulen - und auch die Jungen und Mädchen - profitieren, wenn Lehrer verschiedene Facetten mitbringen. Das hebt auch ihr Kollege Holm Buchner hervor. Der 52-Jährige ist ebenfalls Seiteneinsteiger und unterrichtet Deutsch für Kinder aus dem Ausland. Buchner, der zuvor als Freiberufler in der Erwachsenenbildung tätig war, sieht darin vor allem eine Chance: „Leute, die auf dem freien Markt gearbeitet haben, sind flexibel, müssen Lösungen präsentieren und sich schnell einarbeiten können - das sind Vorteile, die Seiteneinsteiger einbringen in den Betrieb.“

Das Wichtigste ist, sagt Beranek, dass die Neueinsteiger gut auf ihren neuen Job vorbereitet werden. Sie selbst habe die ersten Wochen und Monate erfahrenen Kollegen über die Schulter schauen können, andere haben bei ihr hospitiert. „Das hat mir sehr geholfen.“

Nicht jeder hat so viel Glück, weiß Beranek von anderen Seiteneinsteigern. Manche werden als Klassenlehrer oder sogar stellvertretender Schulleiter eingesetzt, andere von heute auf morgen vor eine Klasse gestellt. „Dann braucht man sich nicht zu wundern, wenn manche den Job wieder aufgeben.“ Der Weg zum Lehrer sei für Seiteneinsteiger hart, härter als sich viele vorstellen.

Ausbildung neben dem Job

Pro Woche steht die junge Frau drei Tage vor den Schülern, an zwei Tagen drückt sie selbst die Schulbank - in einer Fortbildung an der Technischen Universität Dresden. Zwei Jahre dauert die Ausbildung, dann schließt sich ein Jahr Referendariat an. Damit, so Beranek, müssten sie und ihre Kollegen eigentlich „vollwertige Lehrer“ sein. Allerdings stünde nirgendwo schwarz auf weiß, ob der Abschluss auch in anderen Bundesländern anerkannt werde. Das beschäftige viele Kollegen. „Und die Frage, ob man irgendwann den Stempel Seiteneinsteiger ablegen kann“.

Angela Wenk, Schulleiterin der Johanna-Grundschule im Dresdner Stadtteil Johannstadt ist zufrieden mit ihren beiden Seiteneinsteigern und spricht von einem „großem Glück“ für die Schule. „Sie haben zwar die Erfahrung nicht, machen durch ihre Motivation aber vieles wett.“ Von den 16 Lehrkräften an ihrer Schule sind sechs Kollegen älter als 60 Jahre. Zudem sind die Pädagogen an der 102. Grundschule besonders gefordert: Von den knapp 250 Schülern haben rund 150 Mädchen und Jungen einen Migrationshintergrund. Viele sprechen noch nicht gut genug Deutsch, um regulär am Unterricht teilzunehmen und werden in sogenannten DAZ-Klassen - DAZ steht für Deutsch als Zweitsprache - unterrichtet.

Mit der Frage, ob etwa das Kopftuch im Sportunterricht anbehalten werden darf, muss sich auch die junge Lehrerin Julia Beranek beschäftigen. „Die Kleiderfrage ist ein Problem, da sind wir gerade in der Klärung.“ Auf der anderen Seite ist die Verständigung im Sport leichter als in anderen Fächern - und beim Ballspielen, Hüpfen und Rennen ist es egal, aus welchem Land ein Kind kommt. Das mag die 27-Jährige an ihrem Fach.

Schon lange sei die Idee, Lehrerin zu werden, in ihrem Kopf gewesen. „Für mich war klar, wenn Schule, dann Grundschule.“ Die Kinder lassen sich noch motivieren. Sie will die Grundlagen schaffen, damit die Jungen und Mädchen Spaß an der Bewegung haben. Auch, wenn es noch ein wenig dauert, bis Beranek eine Vollzeit-Lehrerin ist: „Ich bin total zufrieden mit dem Beruf. Auch wenn es nicht immer einfach ist.“

Von Christiane Raatz

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