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Mitteldeutschland Trotz Schumis Zweitakter-Fahrt: Ostmarke Minol beerdigt
Region Mitteldeutschland Trotz Schumis Zweitakter-Fahrt: Ostmarke Minol beerdigt
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11:06 12.02.2018
Michael Schumacher warb für Elf und Minol. Mit dem Trabi fuhr der ehemalige Formel-1-Weltmeister sogar durchs Brandenburger Tor.  Quelle: Minol AG
Leipzig

 Olaf Wagner staunte beim Museums-Besuch nicht schlecht. Er war weg! „Sein“ Elf/Minol-Trabant in den Farben Schwarz und Lila war aus dem Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig verschwunden. Statt dessen steht da jetzt in der Ausstellung zur Geschichte der deutschen Teilung und Wiedervereinigung ein anderer Duroplast-Bomber. Für Wagner, der erst Sprecher bei Minol und später bei der Leuna Raffinerie Mitteldeutschland war, kam das einem mittelschweren Schock gleich. Sollte der Trabi und die Story, die sich um ihn rankt, heute wirklich nie­manden mehr interessieren? „Dabei hat schon Michael Schumacher den Trabi gefahren. Das Gefährt ist Teil der Nachwende-Geschichte.“

Schönste Treuhand-Braut

Weg ist der Trabant natürlich nicht, sondern eingemottet. Aber der Reihe nach: Begonnen hat die Story vor 25 Jahren mit dem Closing Day. Am 18. Januar 1993 wurde der Übernahmevertrag wirksam, den die Treuhand ein Jahr zuvor mit der französischen Mineralölfirma Elf Aquitaine und der Thyssen Handels Union geschlossen hatte. Damit ging die Minol Mineralölgesellschaft mit einem Netz von rund 900 Tankstellen in den Besitz von Elf (98 Prozent) über. Thyssen gab seine zwei Prozent später ab. Die Franzosen, die sich verpflichteten, in Leuna eine neue Raffinerie zu bauen, bekamen sozusagen den ehemaligen Tankstellen-Giganten der DDR als Zugabe mit. Die „schönste Braut der Treuhand“, hieß es damals, sei damit unter der Haube.

Bei der Vertragsunterzeichnung sagte der damalige Elf-Präsident Le Floc-Prigent: „La marque Minol es morte“ (Die Marke Minol ist tot). Übersetzt hatte ihn der Dolmetscher mit den Worten, dass man nach einer Lösung suche, um die Marke Minol in das Elf-Netz zu integrieren. Man wollte keinen Aufschrei in den neuen Bundesländern riskieren, erinnert sich Steffi Schweizer in ihrem vielbeachteten Buch „Minol – Hauptsache Benzin!“. Die Öffentlichkeit sei bewusst getäuscht worden. Zwar hatte die Treuhand immer wieder verkündet, die Marke Minol zu erhalten. Bei Elf dachte daran aber offensichtlich niemand.

Vorschnelle Versuche der Franzosen, in Sachsen einige Tankstellen sofort in das schwarze Elf-Kostüm zu zwängen, missglückten. Die Kunden sprachen irritiert von „Beerdigungsinstituten“ und umfuhren sie, so Buchautorin Schweizer. „Die missglückte Aktion wurde rückgängig gemacht.“ Das Marketing sah sich gezwungen, fortan parallel zu fahren: Bei Elf wurde für Minol und bei Minol für Elf geworben. Geld schien damals eher eine untergeordnete Rolle gespielt zu haben. Mindestens zehn Millionen D-Mark soll die Marketingkampagne gekostet haben, in deren Mittelpunkt Formel-1-Weltmeister Michael Schumacher und die Minol-Tankstellen im Osten standen.

Der zweifarbige Duroplast-Bomber begann seine Karriere mit der Tour ParisBerlin. Und zwar kurz nach der Übernahme von Minol durch den französischen Konzern. „Wir stellten ihn in der gläsernen Konzernzentrale im modernen Pariser Geschäftsbezirk La Défense ab, um den Elf-Angestellten zu zeigen: Seht, was ihr da gekauft habt“, erzählt Wagner. Danach war der 601 S auf diversen Messen – unter anderem auf der Autoshow AAA in Berlin – der Hingucker. Sogar Berlins Regierender Bürgermeister Eberhard Diepgen setzte sich hinters Steuer, stieß sich allerdings beim Einsteigen mächtig den Kopf.

Schumacher hatte hingegen weniger Probleme mit dem ostdeutschen Kultauto. Der siebenfache Weltmeister und damals schnellste Autofahrer der Welt fuhr werbewirksam mit dem Trabant durch die Straßen von Berlin und hielt vorm Brandenburger Tor. Die Schaltung sei etwas gewöhnungsbedürftig, soll Schumacher gegenüber Journalisten gesagt haben. Spritzig sei der Wagen mit seinen 24 PS zwar nicht gerade, fahre sich aber ganz passabel, vergleichbar mit einem Mini-Cooper, so der Formel-1-Pilot. Immerhin soll Schumacher beim Kaltstart den Choke gezogen haben. „Das kam bei Kennern gut an“, so Wagner. Der 49-jährige Schumacher kämpft nach einem schweren Skiunfall vor vier Jahren weiter um seine Rückkehr ins Leben.

Schumi-Aufsteller grüßten damals von jeder Minol-Tankstelle. Man bekam Rubbellose und konnte mit Glück einen von 15 lilafarbenen Golfs, 1000 Mountainbikes oder Geldpreise gewinnen. 20 Millionen Euro nahmen die Franzosen in die Hand, um die Marke weithin bekannt zu machen. Die Hoffnung vieler, dass Minol als elfter Wettbewerber auf dem ge­samtdeutschen Markt bestehen bleibt, erfüllte sich jedoch nicht und war auch nicht gewollt. „Es war die teuerste Beerdigung einer Ostmarke“, berichtet Wagner. Nach und nach wurden die Minol-Tankstellen optisch ins Elf-Lager geholt. Als letzte flaggte im Oktober 2000 die Benzinhalle an der Autobahnraststätte Michendorf um, da war der Trabi schon im Besitz des Zeitgeschichtlichen Forums in Leipzig.

Minol-Pirol grüßt tapfer weiter

In den Jahren danach öffneten wieder vereinzelt Minol-Tankstellen: In Chemnitz, Leipzig, Heidenau bei Dresden, Zeitz oder Wesenberg in Mecklenburg-Vorpommern. Wohl um die Rechte an der Marke nicht zu verlieren, nahm der Total-Konzern, in dem Elf aufgegangen war, vor geraumer Zeit selbst Minol-Tankstellen in Betrieb. Der Minol-Pirol, das Maskottchen des einstigen Tankstellen-Giganten der DDR, grüßt heute an vier lila Stationen.

Und der Schumi-Trabi? Bis zur Umgestaltung der Dauerausstellung 2007 stand er im Zeitgeschichtlichen Forum. „Seither ist er als Dauerleihgabe in unserem Depot eingelagert und steht damit für künftige Ausstellungen jederzeit zur Verfügung“, berichtet Daniel Kosthorst, Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Leipziger Museum. Gut möglich, meint Kosthorst, dass der Trabant bei der nächsten Dauerausstellung in Leipzig wieder im Rampenlicht stehen wird.

Offensichtlich spricht auch Minol-Experte Wagner, der hin und wieder interessierte Besucher über das Gelände seiner alten Wirkungsstätte – der Leuna-Raffinerie – führt, mit dem Museum. Er wolle gern noch einmal mit dem Trabi auf große Tour gehen. Wohin und zu welchem Anlass, will er jetzt allerdings noch nicht verraten.

Von Andreas Dunte

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