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Mitteldeutschland „Unsere Deponie hält für die nächsten fünf Jahrtausende dicht“
Region Mitteldeutschland „Unsere Deponie hält für die nächsten fünf Jahrtausende dicht“
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22:01 30.05.2018
Auf der Zentraldeponie Cröbern werden aus Italien angelieferte Asbestabfälle eingebaut. Gegen den Staub wird Wasser verteilt. Quelle: Fotos (4): Christian Modla
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Leipzig/Grosspösna

Zu den treuesten Anhängern der größten sächsischen Deponie südlich der Messestadt gehören die Möwen. Seit fast einem Vierteljahrhundert schon picken sie sich die fettesten Happen aus den Bergen von Hausmüll, die täglich in Cröbern landen. Doch anders als noch vor einigen Jahren müssen sich die streitlustigen Flugakrobaten jetzt ranhalten: Kaum abgekippt, wandern täglich bis zu 500 Tonnen Haushaltabfälle der Stadt und des Landkreises Leipzig auf Förderbändern geradewegs in einen stählernen Koloss aus Häckslern, Siebtrommeln, Magnetsuchern und Sortiermaschinen, bis auch noch die letzten verirrten Wertstoffe herausgeholt sind, die eigentlich nicht in die Mülltonne gehören. Der organische Restabfall verrottet unter Mitwirkung von Milliarden Mikroorganismen – und letztlich landet nur ein Zehntel des früher angelieferten Siedlungsabfallvolumens auf dem weithin sichtbaren Deponieberg am Westufer des Störmthaler Sees.

„Wer bei uns stinkende Matschepampe erwartet, ist oft überrascht, wie sauber es auf der Zentraldeponie Cröbern zugeht“, sagt Bernd Beyer. Der Geschäftsführer der Westsächsischen Entsorgungs- und Verwertungsgesellschaft erklärt bei einem Rundgang nicht ohne Stolz, wie auf dem 85 Hektar großen Betriebsgelände Sonnenschein und Deponiegas zu Strom umgewandelt und Sickerwässer restlos gereinigt werden. Auch Elektrofahrzeuge werden mit dem selbst gewonnenen Ökostrom gespeist.

„Diese Basisabdichtung ist bundesweit einzigartig in ihrer Wirksamkeit“

„Aber unser teuerstes Bauwerk kippen wir schnell wieder mit Dreck zu“, sagt der Abfallwirtschaftsfachmann – und lässt eine Kunstpause für Ratefreunde. Gemeint ist eine fünf Meter dicke Basisabdichtung aus mehreren Schichten Ton, Kies und verschweißten Kunststoffplatten, die das Grundwasser vor Versickerungen aus dem Deponiekörper schützen soll. „Diese Basisabdichtung mit geotechnischer Überwachung ist enorm aufwendig, aber bundesweit einzigartig in ihrer Wirksamkeit“, erklärt der 52-Jährige. „Stünde eine meterdicke Wasserschicht darauf, so würde es mindestens 5000 Jahre dauern, bis der erste Tropfen durchkäme.“ Damit sich so viel dreckiges Sickerwasser gar nicht erst ansammeln kann, wird es durch ein ausgeklügeltes System aus Drainagerohren abgeleitet, in einem 800 Meter langen Tunnel unter der Deponie kontrolliert und später gründlich gereinigt. „Studenten und Wissenschaftler kommen von weit her, um unsere hochmoderne Abfallverwertung unter die Lupe zu nehmen“, sagt André Albrecht, der Geschäftsführer des Zweckverbandes Abfallwirtschaft Westsachsen.

Allein mit mineralischen Abfällen aus der Region sei die Deponie aber nicht wirtschaftlich zu betreiben. „Wir brauchen mindestens die zehnfache Abfallmenge, um nachhaltig planen und wirtschaften zu können“, erklärt der 55-Jährige. Schließlich seien auch noch Rücklagen für die Risikovorsorge und De- ponie-Nachsorge bis 30 Jahre nach deren Schließung zu bilden.

Die wiederholt kritisierte Praxis, dass Müll aus anderen Bundesländern, Südeuropa und teilweise sogar aus Afrika im Leipziger Südraum landet, zieht sich der Entsorgungsprofi Beyer nicht auf den Tisch. „Die Dimension der Deponie Cröbern war Anfang der 1990er-Jahre unter Erwartung eines viel höheren Müllaufkommens geplant worden.“ Das genehmigte Deponievolumen wurde seitdem verringert und liegt nun bei 12,8 Millionen Kubikmetern, wofür bislang 160 Millionen Euro investiert wurden. „Ohne Müllimporte nach Sachsen müssten wir die Abfallgebühren in der Region um ein Vielfaches steigern“, gibt Albrecht zu bedenken.

Die von den Kommunen beauftragte Entsorgungsfirma nehme bei Weitem nicht alles an: „Etwa ein Drittel aller Angebote lehnen wir ab, weil die Deklarationen nicht in unser Entsorgungskonzept passen“, sagt Beyer. Kriminelle Machenschaften oder mafiöse Einflüsse bei der Genehmigung schließt er rigoros aus.

„Zwei Drittel der Deponie sind verfüllt“

Ob künftig Bauschutt aus Kernkraftwerken in Cröbern landen wird, verneinen beide Geschäftsführer. „Mögen die angebotenen Abbruchreste chemisch und radiologisch sauber sein, so sind sie emotional doch kontaminiert“, sagt Beyer nach eigenen Testläufen von 2014 bis 2015. „Davon lassen wir die Finger“, fügt Albrecht für den Zweckverband hinzu.

Wie lange noch behandelte Abfälle am Störmthaler See deponiert werden, lasse sich nicht sicher voraussagen. Zwei Drittel der Deponie seien verfüllt, ein Viertel davon provisorisch abgedeckt und begrünt. „Die restlichen vier Millionen Kubikmeter reichen bis 2035“, erklärt Albrecht. „Sie könnten aber auch noch bis zur nächsten Jahrhundertwende oder weiter reichen, falls nur noch Abfälle aus der Region angenommen werden.“

Was zur Daseinsvorsorge der Bevölkerung gezählt werde, hänge von den dann geltenden Vorschriften und vom politischen Willen ab. „Ein Blick in die Zukunft ist schwierig“, so Beyer, „ganz beson- ders in der Abfallwirtschaft.“ Eine völlig müllfreie Gesellschaft, die manch wohlmeinenden Umweltaktivisten vorschwebt, verbannen die Entsorger allerdings ins Reich der Utopie. „Solange bei Recyclingkreisläufen noch zu viele Schadstoffe mitgeführt werden und zum Beispiel asbesthaltige Baustoffe exis- tieren, benötigen wir noch Deponien“, ist Albrecht sicher. Zumindest die Möwen im westsächsischen Neuseenland wird das freuen.

Von Winfried Mahr

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