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Mitteldeutschland „Unter solchem Dauerfeuer trinken wir zu Hause erst einmal einen Kaffee“
Region Mitteldeutschland „Unter solchem Dauerfeuer trinken wir zu Hause erst einmal einen Kaffee“
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22:12 06.03.2019
Antje Hermenau Ansichten aus der Mitte Europas. Wie Sachsen die Welt sehen, Evangelische Verlagsanstalt Leipzig, 176 Seiten, 10 Euro Erstverkaufstag: 14. März 2019 Quelle: Evangelische Verlagsanstalt
Leipzig

„Fragt man in Sachsen danach, wer regieren und was die Regierung machen sollte, kann schon mal die Antwort kommen: „Is mr eechentlich egal, wer ohm den Gassbr machd, aber loofen musses.“ Darin liegt tiefe Weisheit. Vor allem klärt der Spruch eindeutig, wer die Arbeit macht und die Mäuse für alle verdient. Kleiner Tipp: „Der Kasper da oben“ ist es nicht.

Die Sachsen möchten von jemandem regiert werden, der sich als Geschäftsführer der Sachsen GmbH versteht. Der soll den Leuten nicht mit erhobenem Zeigefinger in die Feierabendgestaltung reinquatschen und darf ihnen nicht zu viel vom sauer verdienten Geld per Steuer abknöpfen, sondern möchte bitte einfach dafür sorgen, das alles ruhig und ordentlich läuft. Das hat die letzten 1000 Jahre mal mehr, mal weniger gut geklappt ...

... Die SED-Leute in Leipzig, Plauen und Dresden waren im Oktober 1989 klug genug, den Schießbefehl aus Berlin nicht zu befolgen, als Abertausende auf die Straße gingen. Dafür wurden sie hinterher auch nicht erschossen, sondern gemütlich, aber kühl am Runden Tischen Schritt für Schritt entmachtet. So kann eine Revolution in Sachsen laufen. Wenn man höflich bleibt. Das war die erste Revolution auf deutschem Boden, die nicht nur friedlich, sondern auch erfolgreich war. Darauf sind wir stolz.

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Wesentlich ist: Sachsen haben nicht auf Sachsen geschossen, sondern dafür gesorgt, dass sich etwas ändert. Und wer das nicht wollte, durfte „diggschn“, aber nicht ernsthaft Widerstand leisten. Und schon gar nicht schießen. Heute, wo eher in den „unsozialen“ Netzwerken scharf geschossen wird, ist das schon schwieriger. Und in den Medien, die vom Rohrkrepierer über die Stinkbombe bis hin zum Nebelwerfer alles zur Verfügung haben, sind die Verhältnisse auch nicht ganz ausgeglichen. Sogar Schießbefehle aus Berlin gibt es wieder. Die fetten Kugeln nennen sich „failed state“, „Nazis“ und „Dunkeldeutsche“. Und dann gibt es da noch jede Menge Kleinschrot für die Kartätschen: „abgehängt“ oder „Pack“. Kaum hatte Herr Gabriel das Wort „Pack“ benutzt, gab es wenige Tage später T-Shirts mit dem Aufdruck: „Erst waren wir Eure Helden, nun sind wir Euer Pack“. Unter solchem Dauerfeuer trinken wir zu Hause erst einmal einen Kaffee, denn ohne Kaffee kein Kampf. Das ist ein sächsischer Schlachtruf ...

... Aber sind die gewählten Anführer in diesem Lande noch die Brüder und Schwestern der Einheimischen oder sind sie eher Ausbeuter des guten Willens und des Fleißes ihrer Bürger, um auf deren Kostenglobal auftrumpfen zu können? Diese Frage steht im Raum – besonders laut und herausfordernd gestellt in Sachsen. Aber: Entgegen einer unter Linksliberalen verbreiteten Ansicht hängt sich Sachsen damit nicht ab. Global und europäisch betrachtet isoliert sich nicht das Ländchen im Herzen Europas, sondern Deutschland unter Führung seiner Berliner Traumtänzer und -tänzerinnen tut es.

Wir hatten lange einen Geschäftsführer der Sachsen GmbH, der relativ autark regierte. So hat Kurt Biedenkopf bei der Abstimmung über den Euro im Bundesrat nicht zugestimmt. Er hörte nicht auf Kanzler Kohl. Auch das brachte ihm hier den Beinamen „König Kurt“ ein. Sachsen war lange ein Kurfürstentum, das über die Jahrhunderte hinweg viele Könige hatte. Manche Sachsen neigen ob ihrer tausendjährigen Geschichte zu einer gewissen Nostalgie. Daran haben auch die 40 Jahre DDR nichts geändert, weshalb Sachsen mit der Wiedervereinigung den Status des „Freistaates“ erhielt. Sachsen ist eine Art kleine Nation: Wir haben ein Staatsvolk, eine Staatsgrenze, eine Staatsgewalt, einen Staatsschatz, eine Hochkultur auf Weltniveau (gegenwärtig vor allem in Musik und Malerei) und einen Staatsdialekt.“

Antje Hermenau: Ansichten aus der Mitte Europas. Wie die Sachsen die Welt sehen, Evangelische Verlagsanstalt Leipzig, 176 Seiten, 10 Euro

Das Buch ist ab 14. März auch im LVZ-Shop unter www.lvz-shop.de erhältlich.

Von Antje Hermenau

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