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Mitteldeutschland „Vom Angelsachsen zum Sachsen“: Knatsch um Kampagnen-Idee
Region Mitteldeutschland „Vom Angelsachsen zum Sachsen“: Knatsch um Kampagnen-Idee
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22:33 29.12.2016
In Sachsen gibt es Streit darüber, ob nach dem Brexit gezielt um Fachkräfte von der Insel geworben werden soll. (Symbolbild) Quelle: dpa
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Dresden

Die Idee klingt erst mal gar nicht schlecht: Wenn Großbritannien in absehbarer Zeit die Europäische Union verlässt, dann soll zumindest Sachsen vom Brexit profitieren. Deshalb haben der Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) und Hermann Winkler aus Leipzig, der Sprecher der ostdeutschen CDU-Abgeordneten im Europaparlament, eine Werbekampagne für den Freistaat ausgeklügelt: Unter dem Motto „Vom Angelsachsen zum Sachsen“ soll in Großbritannien um Fachkräfte geworben werden – und zwar vom sächsischen Wirtschaftsministerium.

„Der finanzielle Aufwand ist überschaubar. Die Folgen könnten dagegen enorm sein“, erklärt Winkler. Sachsens Dehoga-Präsident Axel Hüpkes fügt hinzu: „Damit könnte es uns gelingen, vorhandene freie Stellen, für die gegenwärtig keine Bewerber gefunden werden, künftig zu besetzen.“ Beide rechnen vor: Laut britischen Angaben sind derzeit 27.000 Deutsche in der Dienstleistungsbranche und im Verkauf auf der Insel tätig, hinzu kommen 15.000 deutsche Hilfskräfte, die vor allem in der Gastronomie und Hotellerie tätig sind. „Ein enormes Reservoir. Von den Deutschen kommen sicherlich auch einige ursprünglich aus Mitteldeutschland“, meint Winkler, „wenn wir davon ein paar Hundert anwerben könnten, wäre beiden Seiten geholfen.“ Die Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit meldet immerhin mehr als tausend freie Stellen für Tourismus-, Hotel- und Gaststättenberufe in Sachsen.

Dulig gegen Werbekampagnef

Doch der Vorschlag, vor zwei Monaten an den zuständigen Minister und Vize-Regierungschef Martin Dulig (SPD) herangetragen, wird in Dresden nicht goutiert. „Aus Sicht des SMWA (sächsisches Wirtschafts- und Arbeitsministerium – Anm. d. Red.) wäre eine Werbe- und Imagekampagne, die auf Fachkräfte aus dem Hotel- und Gaststättengewerbe in Großbritannien zielt, nicht zielführend“, teilt das Ministerium auf Anfrage mit. Ähnlich lauten Briefe, die sowohl Winkler als auch Hüpkes auf ihre Schreibtische bekamen.

Zur Begründung heißt es: Es gebe bereits  „mehrere Informationsangebote und Werbeaktivitäten“, die sich an im Ausland tätige und rückkehrwillige deutsche Arbeitskräfte beziehungsweise an ausländische Fachkräfte richten. „So wird mit der Kampagne ’So geht sächsisch’ als neue Heimat für Menschen aus aller Welt geworben“, erklärt das Dulig-Ministerium. Was allerdings nicht gesagt wird: Die Mittelstandsvereinigung der CDU wie auch eine Vielzahl von Unternehmen ist mit der Kampagne unzufrieden – genau deshalb soll die millionenteure Werbung überarbeitet werden. Unterstützung erhielt der Wirtschaftsflügel unlängst von Sachsens CDU-Generalsekretär Michael Kretschmer. „Bislang war es eher eine Standortkampagne, auf den Tourismus gerichtet. Jetzt müssen wir nachbessern und unser Land nach außen als das darstellen, was es ist: dynamisch, ein Land, das auch junge Menschen anzieht.“

Dagegen doziert das Wirtschaftsministerium in Bezug auf die Brexit-Initiative: „Darüber hinaus besäße eine solche Kampagne außenpolitische Relevanz und müsste deswegen mit dem Bund abgestimmt werden. Ein sächsischer Alleingang wäre nicht möglich.“ Dass es durchaus anders geht, beweisen Hessen und Rheinland-Pfalz: Beide Bundesländern wollen sich gemeinsam um Unternehmen und Fachkräfte aus Großbritannien bemühen, die eine neue Heimat innerhalb der EU suchen.

Eigene Brexit-Stabsstelle in Hessen

In der hessischen Staatskanzlei ist unter Leitung von Europaministerin Lucia Puttrich (CDU) sogar eine eigene Brexit-Stabsstelle eingerichtet worden. Es gehe unter anderem darum, inwieweit die Region Rhein-Main „von dem Austritt der Briten aus der Europäischen Union profitieren kann“, erklärt Lucia Puttrich, die von einer „passgenauen Steilvorlage“ der Briten spricht. Die Online-Jobbörse Stepstone verweist auf eine hauseigene Untersuchung, wonach der Brexit „dazu beitragen könnte, den Fachkräftemangel in Deutschland zu beheben und den Standort zu stärken“. Laut Stepstone gehöre Deutschland bei den rund 600.000 Fachkräften, die „aufgrund der Isolation neue Arbeitgeber auf dem Festland“ suchen, eindeutig zu den Favoritenländern.

Das sächsische Wirtschaftsministerium  will dagegen weiterhin auf Internetportale statt gezielte und persönliche Auftritte vor Ort setzen. Außerdem gibt man in Dresden sowohl dem erfahrenen Europapolitiker Winkler als auch Dehoga-Chef Hüpkes eine  unternehmerische Weisheit mit auf den Weg: „Eine solche Kampagne kann auch nur dann erfolgreich sein, wenn sächsische Arbeitgeber auch entsprechend attraktive Arbeitsbedingungen bieten. Im nationalen wie auch internationalen Wettbewerb um Fachkräfte spielen attraktive Arbeitsbedingungen eine zentrale Rolle.“ Mit anderen Worten, ärgern sich die Ideengeber, hieße der Umkehrschluss: Sachsen könne nicht in Großbritannien werben, weil Löhne und Arbeitsbedingungen nicht attraktiv seien.

Für die Initiatoren ist die Ablehnung vor allem aus wirtschaftlicher Sicht bedenklich. „Der Freistaat vergibt eine große Chance. Fachkräfte fehlen ja nicht nur im Gastro- und Hotelgewerbe, sondern in vielen Branchen. Andere Bundesländer sind leider wieder einmal schneller“, sagt Winkler, der von 2004 bis 2007 an der Spitze der Staatskanzlei stand. Letztlich kann er sich eine Spitze gegen Dulig nicht verkneifen: „Auch über fremdsprachige Fachkräfte ließe sich eine gewisse Weltoffenheit an den Tag legen.“

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