Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Mitteldeutschland Von Dederon bis zur künstlichen Bandscheibe – nicht nur Mangel macht erfinderisch
Region Mitteldeutschland Von Dederon bis zur künstlichen Bandscheibe – nicht nur Mangel macht erfinderisch
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:44 04.06.2018
Je eine Packung Tempo-Bohnen und Tempo-Erbsen aus früherer DDR-Produktion. Quelle: picture-alliance/ ZB
Anzeige
Leipzig

Warum fehlt Brunolf Baade? Der begnadete Konstrukteur entwickelte in den 1950er-Jahren in Dresden das erste deutsche Passagier-Strahlflugzeug. Und wo ist Werner Hartmann? Der Mikroelektronik-Vordenker – ebenfalls aus der Elbestadt – erfand den ersten Taschenrechner der DDR. Dürfen in einem Buch über Erfindungen im Arbeiter- und Bauern-Staat diese großen Namen fehlen?

Eine Textilmaschine Malimo 500, aufgenommen 1967 in Karl-Marx-Stadt am Institut für Textilgestaltung. Quelle: picture alliance / ZBpicture alliance / ZB

Ja, sie dürfen. Im Buch „Erfindungen der DDR“ geht es dem Autoren-Team nicht um Vollständigkeit. Ohnehin schwer machbar bei rund 130  000 in der DDR gemeldeten Patenten. „Wir wollen an ausgewählten Beispielen zeigen, wie Innovation in Zeiten von Planwirtschaft funktionierte“, sagt Mandy Ganske-Zapf. Die Berlinerin und die beiden Mitautoren Robert Kalimullin (Frankfurt/Main) und Dennis Grabowsky (Berlin), allesamt auf Mittel- und Osteuropa spezialisierte Journalisten, tauchen tief in die Geschichte der DDR ein, erinnern an das betriebliche Vorschlagswesen, an den Aktivisten Adolf Hennecke oder die Messe der Meister von Morgen. „Viele Innovationen aus DDR-Betrieben zeigen, dass sie aus einem Mangel heraus entstanden sind“, so Ganske-Zapf. Der Kunststoff Duroplast ersetzte die Feinbleche im Fahrzeugbau, Persipan das Marzipan. Dederon war das ostdeutsche Perlon. Lebensmittelchemiker verwandelten Äpfel in Sultaninen und grüne Tomaten in Zitronat. Mit sogenannten Umgehungspatenten versuchten Kombinate, Westprodukte legal zu imitieren, um Devisen zu sparen. Der Lebensmitteltechnologe Peter Kretschmer erfand nicht nur das DDR-Kaugummi oder -Erdnussflips, auf sein Konto gehen auch Tempo-Erbsen, Tempo-Bohnen und KuKo (Kurzkochreis im Kochbeutel), die in der Küche Zeit und Energie sparten.

Dederon-Kittelschürzen im Versandhandel-Katalog der DDR Quelle: © Archiv Bild und Heimat

Zu den Ideen von Weltklasse gehört die Multispektralkamera MKF 6 aus der Feinoptikschmiede Carl Zeiss Jena. Sie ging auf sowjetische Weltraummission. Oder Kühltechnik von Dieter Mosemann, genialer Tüftler im VEB Kühlautomat Berlin-Johannisthal. Von ihm stammt das letzte Patent der DDR, das vor acht Jahren ablief. Insgesamt meldete er 71 Patente vor der Wende und 84 weitere danach an. Seine Erfindungen kühlen heute weltweit Flughäfen, Wolkenkratzer und sogar die weltgrößte Skihalle in Dubai. Weiter erinnern die Autoren an die abklappbare Biathlon-Scheibe, das Nähwirkverfahren Malimo, die Krane aus dem Leipziger Kirow-Werk oder die von Joachim Kiesler gebauten Lautsprecher aus Geithain.

Das Buch stellt aber nicht nur Erfindungen vor, sondern auch ihre Erfinder, was sie antreibt und was sie bremst. Entstanden sind einige lesenswerte Kurzporträts. Etwa über die Medizinerin und Weltmeisterin am Stufenbarren Karin Janz, die die erste künstliche Bandscheibe erfand. Oder über die Sonneberger Designerin Renate Müller, deren therapeutisches Spielzeug (Nashörner, Nilpferde) Liebhaber in der ganzen Welt hat.

Prof. Werner Gilde (rechts, unten) signiert in einer Buchhandlung in Halle/Saale 1980 sein Buch "Leben ohne Rückfahrkarte - Erinnerungen an Holstein" . Quelle: picture alliance / ZBpicture alliance / ZB

Wer der DDR nützte, hatte oft Freiheiten, von denen andere nur träumen konnten. Einer von ihnen war der hallesche Schweißtechniker Werner Gilde, der 1948 in den Osten Deutschlands übersiedelte. Obwohl dem gebürtigen Schleswig-Holsteiner eine Stelle bei Siemens sicher war, wählte er als erste Stadion die Maxhütte im thüringischen Unterwellenborn. Der verkommene und dreckige Betrieb habe ihn mehr gelockt als ein „piekfeiner Glaspalast mit einem komfortablen Labor“, schreibt Gilde in einem seiner Bücher. Erzählt wird, wie Gilde das Institut für Schweißtechnik in Halle zu einem Vorzeigebetrieb und Devisenbeschaffer aufbaute, indem er überdurchschnittliche Forschungsleistungen einforderte.

Bucheinband Quelle: Bild und Heimat

Dazu gibt es die ein oder andere Anekdote über den begeisterten Reitsportler und Segler. Nichts hasste Gilde mehr als Unpünktlichkeit. Wer sich mehr als zehn Minuten verspätete, wurde nicht empfangen („niemand habe das Recht, anderen Zeit zu stehlen“). Beliebt waren Gildes belletristische Werke, insbesondere seine Reiseaufzeichnungen, denn der Vorzeigeerfinder war häufig und nicht nur im Ost-Block zu Vorträgen und Privatreisen unterwegs. Im Buch „Dienstreisen mit Augenzwinkern“ lässt er 1984 wissen: „Reisen ist heute nichts Besonderes. Die Düsenmaschinen bringen uns in 60 Minuten 950 Kilometer in irgendeiner Richtung über den Erdball.“ Von derartigen Erfahrungen durfte sein Lesepublikum damals nur träumen.

Von Andreas Dunte

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Von der Öko-Apokalypse zur Tourismus-Perle: 30 Jahre nach der legendären Umwelt-Aktion „Eine Mark für Espenhain“ blickt der ehemalige Röthaer Pfarrer Walter Christian Steinbach in seinem neuen Buch auf die letzten DDR-Jahre und den Wandel im Leipziger Südraum zurück.

04.06.2018

Er wollte sich mit zwei weiblichen Fans nur kurz in einem Dresdner Freibad abkühlen. Jetzt hat Tote-Hosen-Frontmann Campino mit einer Anzeige wegen Hausfriedensbruchs zu kämpfen.

04.06.2018

Ein Foto, das hier in der LVZ erstmals veröffentlicht wird, ist literaturgeschichtlich eine kleine Sensation. Denn der Mann ist Harry Domela – „Der falsche Prinz“, der Thüringen zum Narren hielt. Eine abenteuerliche Jahrhundertgeschichte.

04.06.2018
Anzeige