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Mitteldeutschland Vor zehn Jahren: Wie ich den G8-Gipfel von Heiligendamm als Insider erlebte
Region Mitteldeutschland Vor zehn Jahren: Wie ich den G8-Gipfel von Heiligendamm als Insider erlebte
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23:00 02.06.2017
Das berühmte Strandkorbfoto: Die Staats- und Regierungschefs der G8 bei ihrem Treffen 2007 in Heiligendamm. Quelle: Archiv
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Leipzig/Heiligendamm

Der G7-Gipfel Ende Mai in Taormina auf Sizilien ist gerade Geschichte, da kündigt sich der nächste an: Der G20-Gipfel kommt Anfang Juli nach Hamburg. Immer wird Sicherheit ganz groß geschrieben, wenn sich die Großen der Welt treffen, auch wenn die Ergebnisse der Gipfel oft kaum zu greifen sind. Weiß heute noch jemand, was der G8-Gipfel von Heiligendamm brachte? Vor zehn Jahren, vom 6. bis 8. Juni 2007, tagten die Staats- und Regierungschefs der Gruppe der Acht (damals noch mit Russland) in Deutschlands ältestem Seebad – 25 Kilometer von Rostock entfernt. LVZ-Chefredakteur Jan Emendörfer war damals als Reporter der Ostsee-Zeitung und als Einwohner dabei. Hier sein persönlicher Erinnerungsbericht.

Von Jan Emendörfer

Zugeschweisste Gullydeckel, ein kilometerlanger Zaun, Tausende Polizisten und Bundeswehrsoldaten und Sicherheitsstufe Rot: Heiligendamm war im Juni 2007 wohl bundesweit einer der sichersten Orte. Und doch gab es schon zu Beginn des G8-Gipfels in Deutschlands ältestem Seebad eine Panne, die jeden Sicherheitsmann erschrecken musste: Über dem Titelfoto der Ostsee-Zeitung vom 6. Juni stand die Schlagzeile: „19.31 Uhr: Bush als Erster in Heiligendamm“. Das Bild, das den US-Präsidenten zeigt, nachdem er auf einem abgemähten Getreidefeld am Ortsrand mit dem Helikopter gelandet war, hätte nie gemacht werden dürfen. Der Text daneben über die Ankunft auch nicht, denn Presse war für den Termin überhaupt nicht zugelassen. Sportlicher Ehrgeiz hatte meinen alten Schulfreund Gunnar Neumann und mich bis in den Garten von Burkhard und Christel Triebel vordringen lassen und dort, verborgen hinter dicken Hecken, gelang Gunnar der Schuss mit dem Teleobjektiv, den die OZ quasi weltweit exklusiv hatte.

Bush bei der Ankunft in Heiligendamm. Das Foto hätte nie gemacht werden dürfen. Quelle: OZ-Archiv

Ich war zu der Zeit zwar stellvertretender OZ-Chefredakteur, aber zunächst gar nicht für den G8-Gipfel akkreditiert, weil das unheimlich kompliziert war und ich als Einwohner von Heiligendamm ohnehin mehr Bewegungsspielraum hatte. Ich bekam in der Zeitung eine eigene Kolumne “Hinterm Zaun” und ging jeden Tag mit Cocker Spaniel “Archie” - er lebt heute noch - auf Stoffsuche. Wir durchstreiften Heiligendamms Wälder und “enttarnten” die winzigen Überwachungs-kameras, die an den Bäumen installiert waren.

Die Mini-Überwachungskameras im Wald von Heiligendamm. Quelle: OZ-Archiv

Ich beschrieb, wie die Polizisten alle Stromverteiler-Kästen im Ort plombierten und die Fenster der unbewohnten Häuser versiegelten. Schon Tage vor Eintreffen der acht wichtigsten Politiker der Welt war an Europas ältester Galopprennbahn zwischen Bad Doberan und Heiligendamm ein 15 Millionen Euro teurer, zweieinhalb Meter hoher Zaun aus Stahl und Beton aufgestellt worden, um den Ort komplett gegen Terroristen und missliebige Gipfelgegner abzuschirmen. Ein 755 Hektar großes Sicherheitsareal war entstanden. Am Check Point “Aufgalopp” wurden Ein- und Ausreisende kontrolliert wie auf einem Flughafen, der nur mit speziellen Plastikausweisen zugänglich war. Als ich monierte, dass das alles viel zu langsam ginge, wies mich ein Beamter zurecht: “Sie betreiben hier Meinungsmache!” Dann ließen sie einen Bello über meine Autositze hecheln. Der sollte Sprengstoff finden, guckte aber immer so, als ob er Hunger hätte. Frage von mir: “Kriege ich jetzt ´ne Gratisreinigung?” Antwort: “Der hat doch saubere Pfoten.”

Als der 290-Seelen-Ort ab 31. Mai komplett dicht war, blieb zuerst die OZ weg, weil die Zusteller nicht mehr hineinkamen und dann kam auch die Müllabfuhr nicht mehr. Ein Dixi-Klo-Laster blieb auf der Straße vor meinem Gartentor stehen und durfte nicht weiterfahren, obwohl er bei der Bewältigung der Stoffwechselprozesse der Gipfel-Servicekräfte helfen sollte. Die Sicherheitsbeamten waren eben hartleibig.

Jan Emendörfer mit der OZ-Web-Cam am Gartenzaun. Quelle: OZ-Archiv

Am Gartenzaun befestigte ich zum Entsetzen der Polizisten eine Web-Cam, die auf die Kühlungsborner Straße ausgerichtet war und permanent Bilder auf das Portal OZ online sendete. Da fuhr zwar nur ab und an mal eine Promi-Limousine durchs Bild, aber die Seite wurde trotzdem eifrig geklickt. Im benachbarten Kühlungsborn war mit Riesenaufwand ein Medienzentrum eingerichtet worden, in dem Hunderte Journalisten herumlungerten, die alle schon vorab etwas berichten sollten, ohne dass wirklich etwas los war. Ein Kollege aus der Schweiz fragte: “Kann ich dich interviewen, du wohnst doch da, ich hab keine Akkreditierung gekriegt.” Der arme Kerl hat auf der Straße gedichtet und ich hab ein bisschen mitgeholfen (“Lügenpresse”).

Am Nachmittag des 6. Juni waren die Gipfelgegner über Wiesen und Felder bis zum Grenzzaun Galopprennbahn vorgedrungen. Mit Fahnen, Plakaten und Trommeln forderten sie Einlass in den Ort, um den G8-Politikern zu sagen, dass sie das ganze Treffen für eine riesige Verschwendung und für völlig untauglich zur Lösung der Weltprobleme hielten. Die Demonstranten vor dem Sicherheitszaun bewiesen Spielwitz als sie skandierten “Lasst Angela Merkel frei”, den Beamten dahinter war eher mulmig zu Mute, dass die Gipfelgegner mit Gewalt “durchbrechen” könnten. Aber der Zaun und die Sicherheitskette hielten, die großen Acht, die im Grand Hotel tagten und nächtigten, wurden nicht behelligt und so räumte EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso im ZDF auf die Frage nach den Protesten ein: “Wir kriegen nichts mit.”

Was der Gipfel brachte, verstand schon damals niemand so recht, und es ist angesichts der aktuellen politischen Entwicklung auch kaum noch der Rede wert. Nachzutragen bleiben George W. Bushs Magenverstimmung, die seine Frau Laura in ihren Memoiren erwähnt oder die vorzeitige Abreise von Nikolas Sarkozys damaliger zweiter Ehefrau Cécilia Attias; ein Jahr später war er mit Carla Bruni verheiratet. Aus G8 ist inzwischen G7 geworden, weil Wladimir Putin nicht mehr mitmachen darf, und in Heiligendamm geht es heute längst wieder beschaulich zu. Die Kinder des Ortes hatten damals übrigens gipfelbedingt schulfrei und spielten meist auf einer Wiese Fußball, die ein großer Investor zum Bolzplatz für alle herzurichten versprach. Sie ist heute noch unberührt.

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