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Mitteldeutschland Waffenkontrolleur Ralf Trapp: „Bislang keine eindeutigen Beweise“
Region Mitteldeutschland Waffenkontrolleur Ralf Trapp: „Bislang keine eindeutigen Beweise“
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22:01 24.04.2018
Chemiker und Waffenkontrolleur Ralf Trapp, 65. Quelle: Ralf Trapp/dpa
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Leipzig

Im Fall des Attentats auf den früheren Doppelagenten Sergej Skripal und seine Tochter Julia Anfang März im südenglischen Salisbury hat Russlands Botschafter in Berlin, Sergej Netschajew, kürzlich im LVZ-Interview jegliche Beteiligung seines Landes bestritten. Der Chemiker Ralf Trapp (65) arbeitete in den 80er Jahren an der Forschungsstelle für chemische Toxikologie der damaligen Akademie der Wissenschaften in Leipzig. Mittlerweile ist er als unabhängiger Waffenkontrolleur für internationale Organisationen im Einsatz.

Nach aktueller Nachrichtenlage ist erstens unstrittig, dass Skripal und seine Tochter mit dem in der Sowjetunion entwickelten
Nowitschok vergiftet wurden
. Zweitens scheiden Terroristen oder Kriminelle als Täter vermutlich aus,
weil die das nicht hinkriegen würden
. Liegt da der Verdacht der Briten auf ein Labor des russischen Staates nicht nah?

Nicht zwangsläufig. Es gab auch Untersuchungen anderer Staaten mit Organophosphaten, die den Nowitschok-Kampfstoffen sehr ähneln. In den 90ern wurden etwa Arbeiten aus der Tschechoslowakei veröffentlicht. Wir wissen zudem, dass im Iran dazu geforscht wurde, seit das Land 2016 der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) entsprechende Spektraldaten vorgelegt hat. Allerdings waren das alles Schutzprogramme mit dem Ziel, Gegenmittel zu entwickeln. Die Sowjetunion arbeitete hingegen nach allem, was wir wissen, daran, eine neue Chemiewaffen-Generation zu entwickeln. Ende der 80er, zu Beginn der 90er Jahre wurde die Waffenfähigkeit des Materials getestet.

Der Botschafter Netschajew bringt russische Wissenschaftler ins Spiel, die Mitte der 90er Jahre Formeln für chemische Waffen mit in den Westen genommen hätten. Erst dort sei die Bezeichnung „Nowitschok“ eingeführt worden ...

Das ist richtig. Das besagte russische Programm trug in den späten 80er und frühen 90er Jahren die Bezeichnung „Foliant“. Erst Mirsajanow, ein russischer Wissenschaftler, der Anfang der 90er in die USA auswanderte, sprach von „Nowitschok“, als er im Westen die Chemiewaffen-Pläne seines Landes enthüllte. Mirsajanow hat den Kampfstoff aber nicht entwickelt.

„Da handelt es sich bestenfalls um ein Missverständnis“

Spricht das nicht trotzdem gegen den russischen Staat als Täter?

Das würde ich wiederum auch nicht sagen. Ich kenne bislang weder Beweise, die eindeutig für, noch solche, die gegen eine russische Täterschaft sprechen. Dafür bräuchte man weitere Ergebnisse der kriminalistischen Untersuchungen in Großbritannien, die bislang nicht öffentlich sind. Aus der Probe selbst kann man nur bis zu einem gewissen Grad Schlussfolgerungen ziehen.

Eine der Proben, die das Schweizer Labor in Spiez untersuchte, enthielt offenbar BZ, ein Gift, das in den 50/60er Jahren in den USA entwickelt wurde. Den Fund führt Netschajew ins Feld, um die Unschuld Russlands zu belegen. Zurecht?

Nein, da handelt es sich bestenfalls um ein Missverständnis. Die OPCW hat eine Reihe von kodierten Proben nach Spiez geschickt, darunter Originalproben aus Großbritannien, aber auch Kontrollproben, die das OPCW-Labor hergestellt hat, eine davon offenbar mit einem Vorläufer von BZ. Die Verwendung von solchen ­Kontrollproben gehört zur Qualitätssicherung. Das Spiez-Labor wusste nicht, welche Probe welche ist, und die Ergebnisse aus der Schweiz bedeuten keineswegs, dass man in Salisbury BZ gefunden hat.

Warum muss ein staatliches Labor den Giftstoff im Fall Skripal hergestellt haben? Ist es so schwierig, Nowitschok zu produzieren?

Rein chemisch nicht. Wenn man die Endstruktur kennt, ist der chemische Weg dorthin nicht kompliziert. Aber zwei Umstände sprechen gegen ein Chemielabor von Terroristen oder Kriminellen. Erstens steht am Ende der Synthese ein extrem giftiger Stoff. Da müssen Sie über Erfahrungen im Umgang nicht nur mit normalen Organophosphaten verfügen, wie man Sie in der Pestizidindustrie findet, sondern mit Stoffen, die zehn- bis hundertmal giftiger sind. Zweitens hat die OPCW veröffentlicht, dass die gefundene Substanz in sehr hoher Reinheit vorlag. Einige dieser Stoffe sind wärmeempfindlich und können nicht einfach durch Destillation gereinigt werden. Die Expertise, wie man hochtoxische Stoffe reinigen kann, rührt in der Regel aus staatlichen Militärprogrammen, und selbst Staaten wie Syrien oder Irak hatten damit Probleme. Nur ein sehr reiner Stoff bleibt über einen langen Zeitraum stabil und ist somit von militä­rischem Nutzen.

Warum ist die Quelle des Gifts so schwer herauszufinden?

Chemisch-forensisch können Sie die Herkunft entweder über Verunreinigungen bestimmen – aber hier haben wir es eben wie gesagt mit einem hochreinen Stoff zu tun. Oder Sie versuchen, über die Verteilung stabiler Isotopen auf die verwendeten Rohmaterialien zurückzuschließen. Aber dafür bräuchte man Vergleichsdaten aus dem Labor, aus dem das Gift stammt ...

„Es hängt von der Dosis ab“

Botschafter Netschajew fragt sich, warum Skripal und seine Tochter vergleichsweise glimpflich davon gekommen sind, obwohl Nowitschok hochgiftig ist. Wie ist das zu erklären?

Es hängt von der Dosis ab. Die Briten sagen, dass das Gift von einer Türklinke stammt, und wir wissen von anderen phosphororganischen Stoffen, dass die Aufnahme über die Haut und insbesondere die Hand relativ uneffektiv ist. Zudem kamen beide Opfer sehr schnell auf die Intensivstation. Offensichtlich aufgrund der Symptome ging man dort frühzeitig von einer Organo­phosphat-Vergiftung aus. Durch Atropingabe und Intensivtherapie mit Sauerstoff und der Stützung des Kreislaufs bestehen durchaus Überlebenschancen.

Russland ist ein Mitgliedsstaat der OPCW. Warum darf das Land an den Ermittlungen nicht teilnehmen, wie der Botschafter beklagt?

Im Augenblick handelt es sich um eine interne Untersuchung der Briten. Die OPCW leistet lediglich technische Hilfe. Sollte die OPCW selbst ein Verfahren zu Fragen der Vertragstreue einleiten, würden die international vereinbarten Regularien greifen. Dann wäre es Sache des Exekutivrats, den Informationsaustausch zu organisieren. Aber so weit sind wir noch nicht.

Am Wochenende haben OPCW-Experten Ermittlungen im syrischen Duma auf­genommen, ob es dort einen Giftgas- Angriff gegeben hat. Was können die Fachleute dort nach gut zwei Wochen noch fest­stellen?

Das hängt davon ab, welches Gas eingesetzt wurde. Es gab sowohl Berichte über Chlorgas als auch Vermutungen hinsichtlich Nervenkampfstoffen. Bei Chlorgas wäre nicht mehr viel zu finden. Es verflüchtigt sich rasch. Zwar entstehen Reaktionsprodukte mit Materialien aus der Umwelt. Aber Chlor kommt auch in der Natur vor. Es ist fraglich, inwieweit das jetzt noch zu unterscheiden ist. Die Kontrolleure werden zudem versuchen, mit Opfern zu reden und sie medizinisch zu untersuchen. Lungenschäden ließen sich mit einem Chlorgas-Angriff in Verbindung bringen. Einen Nervenkampfstoff nachzuweisen, wäre einfacher, weil man ihn noch über Wochen bis Monate in Gebäuden, Geröll, im Boden finden könnte. Nur wurden mögliche Schauplätze von Giftgas-Angriffen vielleicht mittlerweile gereinigt, so dass sich allenfalls noch Hinweise auf solche Säuberungen finden. Die Frage wird letztlich sein, wie frei die OPCW vor Ort in ihren Untersuchungen ist.

Zur Person

Ralf Trapp, geboren 1953 in Erfurt, hat 1978 an der Technischen Hochschule Leuna-Merseburg promoviert und arbeitete im Anschluss bis 1991 in der Forschungsstelle für chemische Toxikologie der damaligen Akademie der Wissenschaften in Leipzig. 1993 war er daran beteiligt, in Den Haag die Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) zu gründen, in deren Dienst Trapp bis 2006 stand. Seither lebt er mit seiner britischen Ehefrau in Frankreich nahe der Grenze zur Schweiz und erhält als unabhängiger Berater Aufträge unter anderem von den Vereinten Nationen, der Europäischen Kommission, der OPCW und auch des Spiez-Labors. Eine seiner Töchter lebt in Leipzig.

Von Mathias Wöbking

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