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Mitteldeutschland Der Herr der kleinen Flitzer residiert in Sachsen
Region Mitteldeutschland Der Herr der kleinen Flitzer residiert in Sachsen
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20:00 14.03.2019
Eckart Holler (74) mit einem Ferrari Bimbo Racer (gebaut zwischen 1956 und 1967). Mit einer Batterieladung kommt man bis zu 50 Kilometer weit. Quelle: Andreas Dunte
Gelenau

Die Leidenschaft für Kinderautos begann bei Eckart Holler mit einem Oldtimer – keinem Spielzeug, sondern einem echten Jaguar XK 150 aus den 1950er-Jahren. Weinrot der Lack, beiges Leder. Eine Augenweide, dazu 232 PS unter der Haube. Liebhaber legen für solch einen Boliden in Originalgröße und gut erhalten Beträge jenseits der 100.000 Euro hin. Fünf Jahre lang hat Holler gefeilt, geschraubt, lackiert, bis nichts mehr an die Rostlaube erinnerte, die er einmal erworben hatte. Und dann trennte er sich von seinem Schmuckstück. Auch wenn es anfangs schmerzte, bereut habe er diesen Schritt nicht.

Holler beschäftigte sich immer mit Autos

Den Jaguar tauschte der Chemnitzer, der sich seit jeher mit Autos beschäftigt und nach dem Studium in verschiedenen Forschungsabteilungen von Fahrzeugfirmen gearbeitet hat, im weitesten Sinn in eine Flotte von Bugattis, Bentleys, Mercedes, Audis und Rolls Royce ein. Nacheinander erstanden. Entdeckt auf Trödelmärkten, bei Auflösungen, im Internet. Einige angetrieben von Elektromotoren, andere von Miniatur-Zweitaktern. In den meisten muss man strampeln, um voran zu kommen.

In den hohen Räumen einer ehemaligen Strumpffabrik in Gelenau im Erzgebirgskreis haben die Fahrzeuge im Maßstab 1:2 oder 1:3 einen würdigen Platz gefunden.

Miniversionen der echten Autos

Wie etwa die Citroenette, ein elektrisches Kinderauto aus den 1920er-Jahren. André Citroën hat früh erkannt, erzählt Holler, dass die Kinder die Kunden von morgen sind. Die ersten drei Wörter eines Kindes sollten „Mama, Papa und Citroën“ sein. Väter, die sich einen C5 oder C6 kauften, konnten die Mini-Version dazu erwerben. Billig sei die kleinere Ausgabe keineswegs gewesen, weil handgefertigt und in der Spitze bis zu 15 km/h schnell.

Gesammelte Kinderträume

Holler bleibt vor einem Ferrari stehen. Einen in Turin nach Entwürfen des Stardesigners Giovanni Michelotti gefertigten und in den USA vertriebenen Bimbo Racer 12. Mit Platz für zwei kleine Piloten, luftbereiften Rädern, Bremsen, Scheinwerfern und Gangschaltung. 50 Kilometer weit kommt man mit einer Batterieladung. Das Besondere: die Glasfaserkarrosse – nicht lackiert, sondern das Material Comoblau eingefärbt. Einem Freund hat Holler den Wagen abgeluchst – als Gegenleistung dafür gab es ein DDR-Kinderauto, das der Chemnitzer doppelt hatte. „Auf dem Markt kriegst du so etwas nicht mehr, jedenfalls nicht zu einem vertretbaren Preis.“ Sagt´s und streichelt über die gesteppte Rückbank.

Kriminalistisches Gespür nötig

Über Preise spricht Holler nicht gern. Historische Tretautos wechseln für einige Hundert Euro und mehr den Besitzer. Für seltene Wagen zahlen Sammler auch schon vierstellige und fünfstellige Summen. Das Problem sei, dass Fahrzeuge aus den 1920er- und 1930er-Jahren heute nur noch schwer zu finden sind, sagt der 74-Jährige. Um sie aufzutreiben, bedarf es fast schon kriminalistischen Gespürs. Gefragt sind auch Blechmodelle der 1950er-Jahre, obwohl von Firmen wie Ferbedo in Deutschland oder Eureka in Frankreich in großen Stückzahlen gefertigt, sind gut erhaltene heute nur noch selten zu bekommen. Die meisten sind verbastelt oder es fehlen Teile. Für solche Oldtimer in Miniatur einen passenden Scheinwerfer oder die Original-Hupe aufzutreiben, sei die wahre Kunst.

Die Sammlung in Gelenau ist voll dieser Raritäten. Hollers Augen leuchten, als er vor einem DKW Blitz stehen bleibt. Stumpf der Lack, aber original, ebenso die Teile vom Lenkrad bis zum Sitz. Auf dem Kennzeichen die Endnummer 30. Das Baujahr, sagt Holler. Die DKW Zschopauer Motorenwerke haben von 1929 bis 1930 Tretautos in Naumburg hergestellt. Sie gelten als Seltenheit. Eine Frau bot Holler das Auto ihres Großvaters an, entschied sich später aber für einen Auftritt bei „Bares für Rares“ im Fernsehen, wo das gute Stück den Besitzer wechselte. Dass es Holler jetzt doch sein Eigen nennen darf, ist seinem Jagdinstinkt und Verhandlungsgeschick geschuldet.

Die Geschichten hinter den Exponaten

Ein weiteres Fahrzeug hat ein 1947 aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrter Soldat aus England mitgebracht. „Für seinen 1941 geborenen Sohn, den er zuvor noch nicht gesehen hatte.“ Das älteste Ausstellungsstück ist ein Pferdedreirad aus Frankreich, entstanden in der Mitte des 19. Jahrhunderts. „Das konnte sich kein normales Kind leisten, so etwas war den Adligen vorbehalten.“ In Deutschland entstanden die ersten Tretautos um 1900.

Es sind diese Geschichten hinter den Sammlerstücken, die den Besuch in Gelenau so reizvoll machen. Zeit muss man allerdings mitbringen. Denn zu den Objekten des Chemnitzers kommt noch die Kinderauto-Flotte des Wiener Sammlers Walter Krögler. „Mit zusammen über 660 Fahrzeugen haben wir vermutlich die weltgrößte Kollektion dieser Art“, sagt Michael Schuster, Depot-Leiter. Nicht Museumschef, denn ein Museum will die Einrichtung nicht sein. „Wir sind ein begehbares Magazin“, sagt Schuster. Noch dazu eines mit allerlei Rekorden. Nicht nur die Autoschau will die größte ihrer Art sein, auch der an der Außenfront des Hauses angebrachte Schwibbogen ist mit einer Höhe von 22 Metern vermutlich der größte weltweit. Und was die Anzahl der im Haus ebenfalls ausgestellten Weihnachtspyramiden angeht, könne es auch keine andere Einrichtung mit der in Gelenau aufnehmen, ist sich Schuster sicher. Von dem größten beweglichen Weihnachtsberg ganz zu schweigen.

Ein Zufall führte zum Museum

Schuster und Holler kennen sich eine Ewigkeit, arbeiteten schon in Annaberg-Buchholz zusammen. Zu dieser Zeit verirrte sich eine ältere Dame in das von Holler damals geführte Antiquitäten-Geschäft, kaufte ein und suchte den Expertenrat des Mannes, zu dem sie schnell Vertrauen fand. Die 2016 verstorbene Dame war die in Wurzen geborene und in Rothenkirchen im Vogtland aufgewachsene Erika Pohl-Ströher, einstige Miteigentümerin des Kosmetikkonzerns Wella und leidenschaftliche Sammlerin handgemachter Kunstwerke wie Puppenstuben, Bauernhöfe, Bergwerke, Nussknacker, Pyramiden, Engel und, und, und. Teile ihrer Schätze sind in der „Manufaktur der Träume“ in Annaberg-Buchholz und im Gelenauer Depot Pohl-Ströher zu sehen. Dank Hollers Kontakte zu den Erben der Sammlerin konnte die Stiftung vor Kurzem auch die historischen Kinderfahrzeuge des Wieners Krögler erwerben.

Nicht jeder Sammlung ist das vergönnt. Die des deutschen Rechtsanwaltes Manfred Klauda aus Hamburg wurde nach seinem Tode über Auktionen zerschlagen. Über Klauda weiß Holler sofort zu berichten, dass dieser selbst leidenschaftlich gern Tretauto fuhr. Im März 1993 reiste er zur Eröffnung einer Ausstellung seiner Objekte in Dresden stilecht von München aus mit einem Morgan-Tretauto an und strampelte dabei 458,8 Kilometer. „Bis heute hält er damit den Weltrekord im Tretautofahren.“

Das Depot öffnet jährlich zu einer Oster-, Sommer- und einer Weihnachtsschau. Zur Osterschau ab 22. März 2019 ist jeweils am Freitag, Sonnabend und Sonntag von 10 bis 18 Uhr geöffnet.<

Von Andreas Dunte

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