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Mitteldeutschland Wenn Mama mit den Möbeln redet - Forschung zu Crystal-Konsum in Sachsens Familien
Region Mitteldeutschland Wenn Mama mit den Möbeln redet - Forschung zu Crystal-Konsum in Sachsens Familien
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10:57 22.02.2015
Die Chefärztin an der Klinik für Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin am Krankenhaus St. Georg in Leipzig, Prof. Eva Robel-Tillig (r), spricht während einer Nachsorge-Sprechstunde mit einer Mutter eines drei Monate alten Mädchens. Quelle: dpa
Leipzig

Und inzwischen ist das Problem auch auf der Frühchenstation des Klinikums St. Georg in Leipzig angekommen, die Robel-Tillig leitet.

„Das Problem hat sich massiv verstärkt“, sagt die Neonatologin. „Wir haben permanent zwei bis drei Kinder mit Drogenproblemen der Mutter auf der Station.“ Die Palette reiche von den klassischen Suchtmitteln Alkohol und Nikotin bis hin zu opiatabhängigen Müttern, die mit Methadon oder Polamidon substituiert werden. „Und dann haben wir neue Substanzen wie eben Crystal Meth“, sagt Robel-Tillig. Seien 2009 noch 25 Kinder stationär mit Drogenproblemen behandelt worden, seien es 2013 schon etwa 50 gewesen.

Je nach Droge müssten die Kinder unterschiedlich versorgt werden, sagt Robel-Tillig. Sie hat auf ihrer Station die Nachsorge modellhaft ausgebaut, um die Entwicklung der Kinder länger beobachten und den Familien helfen zu können. Die Crystal-Kinder seien eher ruhig und unauffällig, sie rutschten leicht als „liebe Kinder“ durch, sagt Robel-Tillig. „Meth erzeugt keine physische Abhängigkeit, sondern eine rein psychische.“ Deswegen zeigten die Kinder auch keine Entzugserscheinungen.

Forschungen an vier Orten

Die Probleme begännen später - im Kita- und Grundschulalter. Kinder von Crystal-Eltern bildeten Beziehungsprobleme aus, seien häufig Kandidaten für das Aufmerksamkeitsdefizit ADHS. Allerdings: „Es gibt noch nicht viele Untersuchungen dazu, gerade Langzeitbeobachtungen fehlen“, sagt Robel-Tillig. Eine erste Bestandserhebung versucht jetzt das Deutsche Institut für Sucht- und Präventionsforschung der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen. An vier Standorten in Leipzig, Chemnitz und im Vogtland werde bis zum Sommer untersucht, wie sich Crystal-Konsum der Eltern auf die Kinder auswirkt, erläutert Institutsleiter Prof. Michael Klein. Die Studie wird vom Bundesgesundheitsministerium gefördert. Das Zentrum für Drogenhilfe im St. Georg ist einer der vier Standorte, in denen die Forscher Daten sammeln.  

Aus Amerika sei bekannt, dass dauerhafter Konsum von Crystal Meth Familien zerstöre, sagt Klein. Crystal-Konsumenten zeigten ein stark verändertes Verhalten mit wahnhaften Zügen. Etwa 60 Prozent entwickelten psychotische Zustände, sagt Klein. „Für ein Kind ist es natürlich sehr verstörend, wenn das in der häuslichen Umgebung passiert. Wenn die Mutter zum Beispiel beginnt, mit den Möbeln zu reden.“ Die meisten Kinder von Crystal-Eltern in Deutschland seien bisher im Grundschulalter und jünger. Erst seit 2007/08 sei das Crystal-Problem als solches erkennbar, sagt Klein.

Prof. Robel-Tillig betreut Kinder bis zum Alter von drei Jahren. An vier sogenannten Nachsorge-Terminen pro Jahr prüft sie den Entwicklungsstand. Wenn die Drogenprobleme in der Familie bekannt sind, greife zudem automatisch das Suchthilfesystem und die Familienhilfe. Wenn die Eltern wegen ihrer Drogensucht auf ganzer Linie versagten, würden die Kinder auch aus den Familien genommen.

„Nur etwa ein Drittel der Drogenkinder ist tatsächlich nach einem Jahr noch in den leiblichen Familien“, sagt Robel-Tillig. Die Unterstützung drogenabhängiger Eltern sei immer eine Gratwanderung, sagt Markus Thörmer, Leiter des Fachbereiches Familienhilfe im Zentrum für Drogenhilfe am St. Georg. „Man darf nicht grundlos suchtbelasteten Eltern die Erziehungsfähigkeit absprechen“, sagt Thörmer. Mehr noch: „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass auch suchtbelastete Eltern gute Eltern sein können.“ 

KInder beschützen die Mütter

Ein großes Problem sei immer die „Co-Abhängigkeit“ der Kinder. „Dadurch, dass die Eltern nicht funktionieren, nehmen die Kinder nicht altersgerechte Aufgaben wahr. Sie fangen etwa an, ihre Mütter zu beschützen.“ Das sei eine riesige Belastung für die Kinder - und sie trete häufig erst offen zu Tage, wenn die Kinder in die Schule gingen. „Dann merken die Kinder: Bei mir zu Hause stimmt etwas nicht.“

Aus Sicht von Thörmer und Prof. Klein vom Suchtforschungsinstitut muss vor allem die Prävention gestärkt werden. „Da fehlt eine Menge Geld“, sagt Klein. „Der gesamte Gesundheitssektor ist rund 200 Milliarden Euro schwer. Aber nur 30 Millionen Euro fließen in die Suchtprävention. Das ist ein krasses Missverhältnis.“ Auch Thörmer sagt, es sei mehr Aufklärung über Drogen wie Crystal nötig: „Wir müssen vermeiden, dass die nächste Generation in die Sucht abrutscht.“

Birgit Zimmermann

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