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Mitteldeutschland Wie die Fürstentümer in Mitteldeutschland hinweggefegt wurden
Region Mitteldeutschland Wie die Fürstentümer in Mitteldeutschland hinweggefegt wurden
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22:21 09.11.2018
Nach Kaiser Wilhelm II. (Mitte) – hier mit Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg (l.) und General Erich Ludendorff – dankten vor 100 Jahren auch die mitteldeutschen Fürsten ab. Quelle: Foto: dpa
Leipzig, Leipzig

Die Novemberrevolution 1918 hat eine scheinbar über viele Jahrhunderte hinweg festgefügte Adelsherrschaft in Deutschland beendet. Die Ausrufung der Republik in München am 7. November 1918 leitete einen regelrechten Dammbruch ein, der die Königs-, Großherzogs-, Herzogs- und Fürstenkronen von den Köpfen der deutschen Bundesfürsten fegte. Nahezu widerstandslos brach das wilhelminische Kaiserreich in wenigen Tagen zusammen – auch in Mitteldeutschland.

In Sachsen unterschrieb König Friedrich August III. (1865 bis 1932) am 13. November seine aus einem Satz bestehende Abdankung: „Ich verzichte auf den Thron.“ Ausdrücklich verzichtete er nicht im Namen seiner Kinder, um ihnen im Falle einer Wiederherstellung der Monarchie die Thronbesteigung zu ermöglichen.

Wappen des Königreiches Sachsen. Quelle: Wikipedia

Mit der Bildung eines Soldatenrates in Großenhain am 6. November hatte der revolutionäre Funke auch das Militär in Sachsen erreicht. In der Landeshauptstadt schien die Lage dennoch ruhig zu bleiben. Noch am Nachmittag des 8. November hatte der König mit seiner Schwester Mathilde eine Spazierfahrt durch die Dresdner Heide unternommen. Als kurz darauf Revolutionäre in der Hauptstadt die politische Führung beanspruchten, verließ Friedrich August III. die Stadt und floh zunächst nach Moritzburg. In Dresden wurde indessen am 10. November im Zirkus Sarrasani vom Arbeiter- und Soldatenrat die Republik ausgerufen. Am 15. November übernahmen sechs „Volksbeauftragte“ die Regierungsgewalt in Sachsen

Sachsens König dankte mit einem Satz ab

Überliefert ist, dass der entthronte König bei den sächsischen Sozialdemokraten ein so hohes Ansehen genoss, dass sie ihn zum ersten Staatspräsidenten des neuen Freistaates Sachsen wählen wollten. Nach seiner Abdankung hatte sich der König am 14. November auf sein Schloss Sibyllenort bei Breslau in Schlesien zurückgezogen. Dort starb er am 18. Februar 1932. Beigesetzt wurde Friedrich August III. fünf Tage darauf in der Katholischen Hofkirche Dresden, in der Familiengruft des königlichen Hauses Wettin – albertinische Linie. Zu den Trauerfeierlichkeiten erwiesen ihm mehr als eine halbe Million Menschen die letzte Ehre. Dass der populäre König angesichts der Revolutionäre verärgert ausgerufen haben soll „macht euren Drägg alleene“, ist indessen nicht verbürgt und lediglich eine gern erzählte Anekdote.

Wappen des Herzogtums Anhalt Quelle: Wikipedia

Mit der Novemberrevolution endete ebenso die jahrhundertelange Herrschaft der thüringischen Herzogs- und Fürstenhäuser. Es entstanden die Frei beziehungsweise Volksstaaten Sachsen-Weimar-Eisenach, Sachsen-Gotha, Sachsen-Coburg (im Jahr 1919 Trennung von Gotha), Sachsen-Meiningen, Sachsen-Altenburg, Schwarzburg-Rudolstadt, Schwarzburg-Sondershausen und Reuß (1919 Zusammenschluss von Gera und Greiz).

In der Residenzstadt Weimar zwang der Soldatenrat Großherzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar-Eisenach (1876–1923) am 9. November 1918 zur Abdankung. Die Ereignisse in Weimar sorgten in den Niederlanden bis Anfang der 1920er-Jahre für erhebliche Unruhe, denn der Großherzog war ein Enkel der niederländischen Prinzessin Sophie von Oranien-Nassau und stand in der niederländischen Thronfolge hinter Königin Wilhelmina. Mit einer Verfassungsänderung, die verfügte, dass sich die Thronfolge künftig ausschließlich auf Nachfahren von Königin Wilhelmina beschränkt, wurde schließlich allen Spekulationen ein Ende bereitet.

Regent von Sachsen-Altenburg lebte später als DDR-Bürger

Am 13. November dankte als letzter Regent des Herzogtums Sachsen-Altenburg Herzog Ernst II. (1871–1955) ab. Der einstige Monarch wurde als einziger ehemaliger deutscher Bundesfürst im Jahr 1949 DDR-Bürger und lebte bis zu seinem Tod in seinem ehemaligen Herrschaftsgebiet.

Im Herzogtum Sachsen-Meiningen unterzeichnete zwei Tage nach dem Rücktritt von Fürst Bernhard III. (1851–1928) am 10. November auch der Thronfolger Prinz Ernst (1859–1941) die Abdankungsurkunde. Im Fürstentum Sachsen-Coburg und Gotha hatte der Arbeiter- und Soldatenrat die Gothaer Republik proklamiert und Herzog Carl Eduard (1884–1954) für abgesetzt erklärt. Fünf Tage später, am 14. November, auf der letzten gemeinschaftlichen Landtagssitzung von Sachsen-Coburg und Sachsen-Gotha in Gotha, ließ der Herzog seinen Rücktritt bekannt geben.

Wappen des Herzogtums Sachsen-Altenburg. Quelle: Wikipedia

Heinrich XXVII. (1858–1928), der letzte Regent des Hauses Reuß, dankte am 10. November 1918 für das Fürstentum Reuß jüngere Linie und am 11. November 1918 telegrafisch für das Fürstentum Reuß ältere Linie ab. Am 23. November 1918 legte der in Personalunion regierende Herzog Günther Viktor (1852–1925) die Amtsgeschäfte für Schwarzburg-Ru­dolstadt und zwei Tage später für Schwarzburg-Sondershausen nieder. Der Schwarzburger Herzog war der letzte deutsche Bundesfürst, der dem Thron entsagte.

Bereits am 12. November war das Haus Anhalt den Forderungen der Revolutionäre gefolgt. Da Herzog Joachim Ernst (1901–1947) noch minderjährig war, führte sein Onkel, Prinz Aribert (1864–1933), die Regentschaft. Er verzichtete im Namen des Herzogs und der gesamten anhaltinischen Fürstenfamilie auf den Thron. Joachim Ernst, der 47-jährig im sowjetischen Speziallager Buchenwald starb, war der einzige im 20. Jahrhundert geborene proklamierte deutsche Bundesfürst.

„Bürgerkriegsähnliche Zustände hat es nicht gegeben“

In seinem neuen Buch „Kaisersturz. Vom Scheitern im Herzen der Macht“ (wbg Darmstadt 2018) beschreibt Lothar Machtan das Ende der Monarchie im Deutschen Reich und bezeichnet es als ein Resultat von Unzulänglichkeiten. Der renommierte Historiker ist Autor mehrerer erfolgreicher Werke über die jüngere deutsche Geschichte. Kürzlich zeigte das ZDF zur besten Sendezeit zum Thema ein Doku-Drama – ein Filmprojekt, das Professor Machtan mitentwickelt hat. Machtan (69) ist Emeritus, war früher Professor für Neuere Geschichte an der Universität Bremen. 

Weshalb kommen Sie zur Beurteilung, dass sich die deutsche Monarchie selbst entkrönte ?

Weil von den politisch maßgeblichen Kräften im Reich bis November 1918 niemand die Abschaffung der Monarchie gefordert hat. Die Mehrheitsparteien des Parlaments mit der Sozialdemokratie als stärkster Kraft erstrebten eine Übereinkunft von Monarchie und bürgerlicher Demokratie, also eine parlamentarische Monarchie. Aber weder die regierenden Monarchen mit Kaiser Wilhelm II. an der Spitze noch die von ihnen eingesetzten Staatsmänner zeigten sich willens und in der Lage, sich glaubhaft zu öffnen hin zu demokratischen Forderungen und Werten. Unter diesen Bedingungen bewirkte der Matrosenaufstand in den ersten Novembertagen einen zunehmenden Kontrollverlust der Monarchie, der zu politischem Chaos in der Berliner Regierungszentrale führte. Das provozierte den Volksaufstand vom 9. November, und noch bevor überhaupt ein Schuss fiel, war die als unbeugsam geltende monarchische Ordnung bereits eingeknickt, und die Militärmonarchie räumte kampflos das Feld.

Bemühten sich die Könige in den Ländern Sachsen, Bayern und Württemberg, ihre Kronen zu retten?

Nein, das war nicht der Fall. Alle drei Monarchen verabschiedeten sich zwischen dem 8. und 13. November fast lautlos von der politischen Bühne und überließen das Feld widerstandslos den Novemberrevolutionären.

Wieso erfolgte der Sturz der Herrscher so rasant und in einer Art Domino-Effekt?

Der ehemalige Großherzog Ernst-Ludwig von Hessen-Darmstadt hat im Rückblick auf diesen Vorgang einmal gesagt: „Sie wurden hinweggefegt, ohne irgendetwas zurückzulassen, weil sie doch zu große Nullen waren.“ Dieses prominente Zeitzeugnis kollektiven Versagens spricht für sich selbst.

Gab es markante Unterschiede bei der Entmachtung der regierenden Fürstenhäuser in Mitteldeutschland? In welchen Residenzstädten wurde massiver Widerstand gegen die revolutionären Arbeiter und Soldaten geleistet?

So etwas wie bürgerkriegsähnliche Zustände hat es im November 1918 auch in den mitteldeutschen Residenzstädten nirgendwo gegeben. Wohin man blickt: Mehr ein freiwilliger Machtverzicht der Dynasten nebst vermögensrechtlicher Schadensabwicklung als eine revolutionäre Überwältigung von Herrschaftsbastionen.

Wäre, um die Monarchie zu erhalten, eine „englische Variante“ – also eine parlamentarische Monarchie – möglich gewesen?

Ja, bis September/Oktober 1918 hat es diese politische Option gegeben. Und sie hatte viele namhafte Befürworter von Sozialdemokraten wie Friedrich Ebert bis zu Konservativen wie Hans Delbrück. Voraussetzung dafür war jedoch der freiwillige Rückzug insbesondere des Reichsmonarchen aus der operativen Politik. Aber zur Einsicht in diese historische Notwendigkeit waren Wilhelm II. und die anderen gekrönten Häupter in Deutschland partout nicht zu bringen. Auch dieser Plan war da, nur besaß Ende Oktober 1918 niemand das erforderliche Maß an Entschlusskraft, an Mut und Verantwortungsbewusstsein, ihn konsequent durchzuführen. Deshalb hat es in Deutschland 1918 keine politische Transformation der Monarchie gegeben, sondern eine Fürstendämmerung, die sämtliche Throne zum Einsturz brachte.

Hätte der Fortbestand der Monarchie nach 1918 Deutschland die verhängnisvolle Nazi-Herrschaft erspart?

Nach meiner festen Überzeugung hätte Hitler gegen eine demokratisch eingefriedete Monarchie mit einem volksnahen Throninhaber kaum eine Chance gehabt. Eine im Volk auch nur halbwegs beliebte Monarchie hätte seinen politischen Möglichkeitsspielraum ganz sicher begrenzt. Seinen rücksichtslosen Willen zur gewaltsamen Macht konnte dieser „Führer“ ja nur deshalb so wirksam zur Geltung bringen, weil viele Deutsche noch jahrelang unter dem Phantomschmerz des plötzlichen Verfalls von staatlicher Autorität litten, wie sie der kollektive politische Selbstmord der gekrönten Häupter hervorgerufen hatte. Die politische Kultur der Weimarer Demokratie erwies sich als zu schwach und instabil, um dieses Vakuum aufzufüllen.

Von Bernd Lähne

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