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Mitteldeutschland "Wir müssen ehrlich werden" - Sachsens Ausländerbeauftragter Martin Gillo im Interview
Region Mitteldeutschland "Wir müssen ehrlich werden" - Sachsens Ausländerbeauftragter Martin Gillo im Interview
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19:10 01.10.2014
Martin Gillo (CDU) ist der neue Ausländerbeauftragte in Sachsen. Quelle: dpa
Leipzig

Der Ausländerbeauftragte des sächsischen Landtags spricht sich im Interview mit LVZ-Online für ein gemeinsames Vorgehen von Bund, Ländern und Kommunen aus. Bei der Integration müsste den Menschen mehr Unterstützung gewährt werden.

LVZ:

Herr Gillo, betreibt das Unternehmen European Homecare noch Heime für Asylbewerber in Sachsen?

Martin Gillo:

Im Freistaat gibt es derzeit insgesamt 54 Einrichtungen; meines Wissens nach werden davon drei durch die European Homecare betrieben.

Wie sind die Erfahrungen mit dem Unternehmen? Gab es bislang Auffälligkeiten?

Wir haben zwei der Heime im vergangenen Jahr besucht und beurteilt. Dabei haben die jeweiligen Häuser ganz gut abgeschnitten. Bloß die Einrichtung in Hoyerswerda konnten wir noch nicht testen. Diese wurde erst Anfang des Jahres eröffnet.

Wie läuft eine solche Überprüfung ab?

Unser Team meldet sich einige Tage vorher an. Vor Ort haben wir dann meist zwei Dolmetscher dabei. Dazu laden wir Behördenvertreter oder auch Mitarbeiter der Bildungsagentur ein sowie den jeweiligen Wahlkreisabgeordneten. Wir sprechen mit den Betreibern, vor allem aber mit den Bewohnern. Diese stehen für uns im Mittelpunkt.

Den Flüchtlingen fehlt es an sozialer Betreuung

Aus Ihrer persönlichen Erfahrung, welche Probleme tragen die Flüchtlinge an Sie heran?

Es mangelt vor allem an sozialer Betreuung. Die Menschen müssen intensiver begleitet werden. Das fängt bei Sachen wie Mülltrennung an und geht bis hin zur Einhaltung der Schulpflicht von Mädchen. Ich verstehe das als Prävention: So beugt man späteren Schwierigkeiten bei der Integration vor. Dies trägt auch zur Sicherheit in der Einrichtung bei.

Wir müssen den Flüchtlingen frühzeitig unsere Vielfalt an Werten und Kultur vermitteln. Das muss auch unter den Bewohnern der Einrichtungen geschehen.

Ist das größte Hindernis bei der Integration nicht die Sprachbarriere?

Der Zugang zur deutschen Sprache ist extrem wichtig. Ich vertrete den Standpunkt: Deutsch vom ersten Tag an. Das darf sich nicht nur auf die Kinder in den Schulen beschränken, auch die Eltern müssen mitgenommen werden. Wenn nur die Kinder deutsch sprechen, und ihren Eltern etwas voraus haben, dann dreht das die Hierarchie in den Familien um. Das kann in Respektlosigkeit gipfeln. Am Ende erreichen die Eltern ihre Kinder nicht mehr. Da müssen wir verstärkt ansetzen, mit einfacherem Zugang zu Deutschkursen oder mit verbilligten Angeboten zum Beispiel in Volkshochschulen.

Die Flüchtlinge sitzen oft tatenlos in den Unterkünften, könnte man die Menschen nicht besser integrieren, wenn sie arbeiten dürften?

In dem Zusammenhang freue ich mich über den Kompromiss, den wir bei den Verhandlungen zum Asylrecht erreicht haben. Nun dürfen Asylbewerber bereits nach drei Monaten arbeiten. Auch soll es Erleichterungen bei den Vorgangsprüfungen geben.

Wichtig ist, dass die Berufsabschlüsse der Menschen anerkannt werden. Es kommen viele Menschen nach Deutschland, die in ihrer Heimat Abschlüsse haben. Doch diese Qualifikationen werden hier nicht anerkannt. Sie werden dann wie ungelernte Arbeitskräfte behandelt. Da liegt viel Potenzial brach.

Die Aufnahme von Flüchtlingen ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe

Immer mehr Menschen suchen derzeit in Deutschland Zuflucht. Wie müssen Staat und Gesellschaft darauf reagieren?

Wir müssen ehrlich werden, was die Trends angeht. Wir sollten die Aufnahme von Flüchtlingen als gesamtgesellschaftliche Aufgabe betrachten. Auch wenn Bundesinnenminister Thomas de Maizière das anders sieht: Der Bund sollte sich da einbringen. Deutschland stünde es gut zu Gesicht, wenn es in der Asylpolitik mit einer Stimme spricht.

Bislang werden die Kommunen bei Einrichtung von Asylbewerberheimen allein gelassen. Braucht es da eine koordinierte Initiative?

Wir müssen alle Beteiligten an einen Tisch bringen: Bund, Länder und Kommunen. Wir müssen auch offener mit Heimen für Asylbewerber umgehen. Die Menschen kommen nun mal. Damit müssen wir offen umgehen.

Zudem brauchen wir verbindliche, bundesweite Standards zum Beispiel für die Unterkünfte. Auch die Behörden müssten die Möglichkeit haben, häufiger zu prüfen. Das kann nicht nur der Ausländerbeauftragte leisten. Zwar gibt es schon Ansätze, diese sind jedoch bislang nicht in verbindliche Vorschriften umgesetzt worden, die einforderbar sind.

Zur Person:

Martin Gillo, 1945 in Leipzig geboren, ab 1946 in Delmenhorst aufgewachsen, ist Ausländerbeauftragter des Sächsischen Landtags. Der CDU-Politiker war von 2002 bis 2004 Wirtschafts- und Arbeitsminister im Freistaat. 2004 und 2009 zog er ins Landesparlament ein. Zur Wahl am 31. August 2014 trat er nicht mehr an. Gillo ist verheiratet und Vater dreier Kinder. Er besitzt sowohl die deutsche als auch die US-amerikanische Staatsbürgerschaft.

Interview: Johannes Angermann

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