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Siemens-Turbomaschinenwerk in Plagwitz droht Schließung – 270 Jobs in Gefahr

Sparpläne Siemens-Turbomaschinenwerk in Plagwitz droht Schließung – 270 Jobs in Gefahr

Nach Görlitz und Erfurt trift es jetzt auch Leipzig: 270 Mitarbeiter des Elektronikkonzerns Siemens bangen um ihre Jobs – und trommeln zum Protest. Vor dem Turbomaschinenwerk in Plagwitz gab es am Mittwoch eine erste Kundgebung. Laut Betriebsrat steht das Werk auf der aktuellen Streichliste des Konzerns.

200 Mitarbeiter protestieren am Mittwoch vor dem Siemens-Werk in Plagwitz

Quelle: Christian Modla

Leipzig. Mit dem Protestieren kennt man sich bei Siemens wirklich aus. „Soll ich noch den Gabelstapler holen und in die Einfahrt stellen?“, fragte der Leipziger Siemensianer, als er punkt 10.50 Uhr zusammen mit seinen 200 Kollegen vors Werkstor trat. Doch Gewerkschaftssekretär Steffen Reißig von der IG Metall bremste den Mann sofort. „Heute blockieren wir noch nicht.“

Die Stimmung war gereizt unter den Protestierern, die mit Fahnen und Transparenten auf dem Bürgerteig protestieren. „Die könne uns doch nicht einfach dicht machen“, schimpfte einer. „Das werden wir uns nicht gefallen lassen“, ein anderer. Erst kurz vor der Protestaktion hatten sie erfahren, wie ernst es offenbar ist. Ab 10 Uhr hatte der Betriebsrat sie in der alten Kantine zur Betriebsversammlung zusammengetrommelt – und ihnen die düstere Botschaft überbracht.

Neben Görlitz und Erfurt stehe auch ihr Werk in Leipzig-Plagwitz auf der jüngsten Streichliste für die Kraftwerkssparte. Und das Werk mit seinen 270 Mitarbeitern könnte es sogar hart treffen, sagte Betriebschef Thomas Clauß. „Das käme einer Schließung nahe.“ Entsprechende Informationen habe er am Montag erhalten – und dann sofort die Versammlung einberufen. Damit wäre Leipzig-Plagwitz einer der 11 Standorte weltweit, die die neue Sparrunde bei Siemens treffen soll. Bisher war vor allem davon die Rede, dass Görlitz geschlossen und Erfurt verkauft werden soll. Dort laufen Gewerkschaft, Betriebsräte und Politik bereits Sturm gegen die Pläne.

Mitarbeiter reagieren geschockt

Bei der Belegschaft in Plagwitz sorgte die Ankündigung für Entsetzen. „Die Leute waren geschockt“, berichtete Clauß. „Da standen einigen die Tränen in den Augen.“ Schließlich blickt das Unternehmen, einst VEB Pumpen und Gebläsewerk (PGW), auf 100 Jahre Maschinenbaugeschichte am Standort zurück. „Wir haben hier Kollegen, die sind seit 47 oder 48 Jahren dabei.“

Schon seit 38 Jahren dabei ist auch Steffi Diez (54), die Service arbeitet und auch im Betriebsrat sitzt. „Mein Großvater war schon hier im Betrieb und mein Vater auch. Das ist bei mir schon Familientradition. Und ich werde kämpfen, damit das Werk erhalten bleibt.“

„Die Nummer, die Siemens fährt, ist dreist, fantasielos und falsch“, schimpfte Leipzigs IG-Metall-Chef Bernd Kruppa. „Wir werden jetzt Druck machen und kämpfen.“ Als Vorlage soll der Kampf um das andere Leipziger Siemens-Werk dienen, den Schaltanlagenbau in Böhlitz-Ehrenberg. Dem drohte 2013 das Aus. Betriebsrat und Gewerkschaft gingen auf die Barrikaden, erarbeiteten zugleich ein eigenes Konzept für den Standort. Und das konnte sich am Ende durchsetzen: Siemens verlagerte die Produktion nur teilweise nach Portugal, statt 325 wurden „nur“ 144 Jobs gestrichen.

Schließung trotz voller Auftragsbücher

Das Plagwitzer Werk, das jetzt in Gefahr ist, gehört erst seit 2006 zu Siemens. Mehr zufällig sei man dann in der jetzt kriselnden Kraftwerkssparte gelandet. Denn eigentlich kommen die Turboverdichter aus Plagwitz in verschiedenen Bereichen zum Einsatz – vom Chemiewerk über Öl- und Gasförderanlagen bis hin zu Kläranlage. Entsprechend überrascht waren die Mitarbeiter, dass die Sparpläne sie jetzt besonders hart treffen sollen. „Es kann doch nicht sein, dass es uns jetzt zum Verhängnis wird, dass wir zu der Sparte gehören“, schimpfte einer.

Denn eigentlich brummt das Geschäft. „Unsere Auftragsbücher sind voll. Wir habe Aufträge bis Ende 2018“, erzählt Betriebsrats-Vize Stefan Schulze (35). „Wir müssen die Kunden schon bremsen, so gut sind wir ausgelastet.“ Erst mit dem Siemens-Einstieg sei man überhaupt ins Kraftwerks-Geschäft eingestiegen. „Das ist inzwischen zwar ein wichtiges Geschäftsfeld für uns – aber längst nicht das einzige.“ Chemiewerke, Öl- und Gasindustrie seien mindestens genauso wichtig – und da brumme das Geschäft. Das aber falle bei Siemens offenbar gar nicht auf. „Wir sind so klein, dass selbst im Konzern die wenigsten wissen, was wir eigentlich machen“, so Schulze .

Erste Antworten erhofft sich der Betriebsrat an diesem Donnerstag in München: Dort tritt um 10 Uhr der Siemens-Wirtschaftsausschuss zusammen. Die Sitzung war eigentlich für den 8. November angesetzt – und wurde jetzt vorgezogen. Dazu eingeladen wurde neben den Betriebsräten aus Görlitz und Erfurt kurzfristig auch der Leipziger Vertreter Clauß. „Ich hoffe, dass wir dann endlich erfahren, was die vorhaben.“

In Konzernkreisen hieß es aber, konkret verkündet werde am Donnerstag nichts. Siemens wolle die Betriebsräte nur über die Lage Informieren. Konkrete Maßnahmen werde der Konzern noch nicht präsentieren. Das dürfte wohl erst Mitte November geschehen, hieß es.

Von Frank Johannsen

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