Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Mitteldeutschland Zittau kämpft um den Titel 2025
Region Mitteldeutschland Zittau kämpft um den Titel 2025
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:46 25.02.2019
Das Zittauer Rathaus und der Marsbrunnen auf dem Marktplatz spiegeln sich in einem Autodach. Quelle: Foto: Jens Kalaene/dpa
Zittau

Die erste Begegnung in Zittau ist eine junge Mutter mit einem Kinderwagen. Fröhlich unterhält sie sich mit einem Spaziergänger an diesem kalten Morgen in der Altstadt. An den Straßenrändern türmen sich die Schneereste.

Schnell entpuppen sich die Sprachfetzen als Tschechisch. Die junge Frau hält einen kurzen Plausch, um gleich danach weiter ihre Runden zu drehen. Für die Einheimischen ist das Normalität, die Nachbarn sind hier oft Freunde und nicht Fremde. Nur Gäste staunen immer wieder über das alltägliche Miteinander in Deutschlands östlichstem Dreiländereck.

Bewerbung um „Europas Kulturhauptstadt 2025“

Genau diese Stärke wollen Oberbürgermeister Thomas Zenker (Wählerbündnis Zittau kann mehr) und seine Mitstreiter bei der Bewerbung um Europas Kulturhauptstadt 2025 in die Waagschale werfen. „Wir wollen bei unserer Bewerbung das Gebiet der Oberlausitz und unsere angrenzenden Länder Polen und Tschechien einbeziehen – auch, um Identität zu schaffen“, sagt der 43-Jährige, während er ins Kulturhauptstadtbüro in direkter Nachbarschaft zum Rathaus eilt.

Kulturhauptstadt hoch 3“ steht in großen Lettern über dem Türbogen. Die „3“ steht für Zittau, Oberlausitz und das Dreiländereck. In dem ehemaligen Laden sitzen die Zittauerin und Kulturwissenschaftlerin Jenny Böttcher, Viktoria Ruhl, eine gebürtige Ukrainerin, und Oberlausitz-Rückkehrerin Sandra Scheel.

Wissen wie Bewerben geht

Alle sind Kulturmanagerinnen und extra für das Projekt 2025 in die 26 000-Einwohner-Stadt gekommen. Zum jungen Team gehört außerdem Kai Grebasch. Er weiß, wie Kulturhauptstadtbewerbung geht. Als Görlitz sich für das Jahr 2010 um den europäischen Titel bewarb und nur knapp dem Ruhrgebiet unterlag, war er einer, der das Bewerbungsverfahren für die Neißestadt koordinierte. Damals hatte kaum jemand geglaubt, dass eine Industrieregion wie das Ruhrgebiet einmal den Titel „Europäische Kulturhauptstadt“ tragen könnte, sagt er. Auch dieser Fakt macht den Zittauern Hoffnung.

Durch die Tür des Büros tritt ein Mann, er will wissen, wann er seine Gedanken zur Kulturhauptstadtbewerbung loswerden könne. An einer Tafel hängen noch die Zettel vom letzten Workshop mit Bürgern. „Europa“ steht in der Mitte des Papiers, ringsherum Stichwörter wie Einheit, Gemeinschaft, Zusammenarbeit. Auch tschechische Kommentare sind darunter.

Vereine arbeiten eng zusammen

Mit dem Auto brauchen die Zittauer nur 20 Minuten, um ins nordböhmische Liberec zu kommen. „Da passiert kulturell und in der Wirtschaft so viel, da würden die Dresdener schauen“, sagt Zenker. Gleichzeitig arbeiten viele Tschechen und Polen in Zittauer Betrieben. Die Kindertagesstätten seien dadurch gut ausgelastet. Vereine arbeiten beiderseits der Grenzen zusammen – ebenso wie Theater, Feuerwehr und die Stadtverwaltung.

Schnell wird der Mann im Kulturhauptstadtbüro auf den nächsten Workshop verwiesen. Solche Formate wie auch ein Freundeskreis sollen den Bewerbungsprozess begleiten. Bürgerbeteiligung ist für Zenker wichtig.

Sieben Konkurrenten gilt es auszustechen

Im Mai – parallel zur Kommunalwahl – sollen die Zittauer über die Bewerbung abstimmen. „Denn, wenn wir bis Mai unseren Bürgern nicht erklären können, was diese Bewerbung der Region bringt, können wir es bis September auch nicht der EU.“ Dann startet das offizielle Bewerbungsverfahren. In Sachsen werden sich neben Zittau auch Dresden und Chemnitz bewerben. Direkte Konkurrenten sind zudem Magdeburg, Nürnberg, Hannover, Hildesheim und Koblenz.

Die Herausforderung nehmen Zenker und seiner Mitstreiter aber sportlich. „Wir haben nichts zu verlieren. Das Europa der Menschen ist die Basis – und ich wüsste nicht, welcher Bewerber das so gut darstellen kann wie wir“, sagt er. Wer eine Region, wie diese hier – in absoluter Grenzlage und mit Strukturproblemen seit den 1990er-Jahren – entwickeln wolle, könne nicht weitermachen wie bisher.

„Es muss eine Herzensangelegenheit werden“

Der Oberbürgermeister wirbt dafür, eingetretene Wege zu verlassen. „Bei der Bewerbung beschäftigen wir uns doch mit Dingen, die für die Entwicklung Zittaus und der Dreiländerregion sowieso notwendig sind. Es muss eine Herzensangelegenheit für die Zittauer werden“.

Dass die Zittauer Kulturhauptstadtbewerbung gut für die Region im Osten Sachsens ist, glaubt auch Zenkers Amtskollege Siegfried Deinege (parteilos) aus Görlitz. „Gerade beim Aspekt der Wahrnehmung der Grenzregion ist eine Kulturhauptstadtbewerbung ein Zugpferd, um perspektivisch Arbeitsplätze zu schaffen und Folgeinvestitionen zu befördern“, sagt er. „Eine singuläre Betrachtung der Städte bei Wirtschaft, Tourismus und Kultur wäre der falsche Weg, um die Region voranzubringen.“

Geschichte soll greifbar gemacht werden

Unterstützt wird die Bewerbung auch vom Bautzener OB Alexander Ahrens (SPD). Die Kulturhauptstadtbewerbung würde der gesamten Region die Gelegenheit geben, die gemeinsame kulturelle und wirtschaftliche Geschichte als „Terra Hexapolitana“, als Land des Sechsstädtebundes, sichtbar und greifbar zu machen. „Hier entwickelt sich etwas, das auf europäischer Ebene Aufmerksamkeit verdient.“

Für Interesse wollen die Kulturhauptstadtmacher bei der Jury auch mit ihrem Städtependant, Nova Gorica in Slowenien, sorgen. Das südeuropäische Land wird 2025 mit Deutschland die Europäische Kulturhauptstadt stellen. Nova Gorica ist 1947 durch eine neue Grenze entlang der Bahnlinie entstanden. Das italienische Gorizia liegt nur einen Steinwurf entfernt.

Projekte für Bewerbung entwickeln

Wie auch in vielen Städten im Dreiländereck wurde durch den Krieg auseinandergerissen, was eigentlich zusammengehörte. „Zwei Drittel unserer Bevölkerung hier hat einen Vertreibungshintergrund und Beziehungen ins Nachbarland“, sagt der Zittauer OB Zenker. Diesen Trumpf möchte er ausspielen.

Beide Städte wollen nun gemeinsame Projekte für ihre Bewerbung entwickeln. „Hier gibt es genauso viel wie in Metropolregionen. Der Großstädter fährt doch auch eine Dreiviertelstunde, um ins Theater zu kommen“, sagt Zenker. Wenn der Titel im Jahre 2025 vergeben wird, feiert das Dreiländereck seinen 80. Geburtstag. Für Zenker und seine Mitstreiter ist die Kulturhauptstadtbewerbung schon jetzt mehr als eine Herzensangelegenheit.

Von Miriam Schönbach

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die Stadt Hildburghausen wirbt in ihrem Amtsblatt für ein Gedenken an die Opfer des Luftangriffs am 23. Februar 1945. Unkommentiert wird dafür auch eine Anzeige aus der NS-Zeit veröffentlicht. Darin wird ein „Wort des Führers“ angekündigt. Online wurde die Ausgabe inzwischen gelöscht.

25.02.2019

Es ist ein besonders ärgerliches Problem für Deutsche Bahn und Verkehrsverbund Oberelbe: Umstürzende Bäume führten zuletzt immer häufiger zu Sperrungen auf Bahnstrecken in der Region um Dresden. Abhilfe soll nun ein Pilotprojekt schaffen.

25.02.2019

In Sachsen dürfen mehr als 100 Rechtsextreme und Reichsbürger mit Genehmigung eine Waffe besitzen. Die Linken fordern eine Rücknahme der Erlaubnisse.

25.02.2019