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2005: Aegidien-Kirche ist gerettet

25 Jahre OAZ 2005: Aegidien-Kirche ist gerettet

Die friedliche Revolution im Herbst 1989 war für die St. Aegidienkirche die Rettung. Damit war der Weg frei für den Erhalt des Oschatzer Wahrzeichens. Die Kirchtürme hatten zu DDR-Zeiten unter der starken Umweltbelastung gelitten. Berthold Zehme, Pfarrer in Rente, erinnert sich an die Zeit bis zur Wiedereinweihung des Gotteshauses im Jahr 2005,

Berthold Zehme hat die Rettung der St. Aegidienkirche dokumentiert.

Quelle: Foto: Kristin Engel

Oschatz. Vor 25 Jahren hatten die Leser die erste OAZ in den Händen. Begleitend will die OAZ mit einer Erinnerungs-Serie auf Höhen und Tiefen der vergangenen 25 Jahre zurückblicken. Heute blicken wir auf die Rettung der St. Aegidienkirche zurück.

„Da. Das bin ich auf der Turmspitze bei der Bekrönung. Zwei Lieder spielte ich auf der Trompete. Zum einen ‚Nun danket alle Gott‘ und zum anderen ‚Die Gedanken sind frei‘.“ Berthold Zehme, Pfarrer im Ruhestand, kann sich noch genau daran erinnern, wie er auf den Turmspitzen der St. Aegidien-Kirche saß. Er zeigt auf ein Foto vom Juni 2000. Nur nicht anhalten und nicht nach unten sehen! Und auch wenn er schon mit Höhenangst zu kämpfen hatte, war es für ihn ein einmaliges und natürlich unvergessliches Erlebnis.

Mit der Bekrönung war ein großer Schritt getan. Ein Schritt, um die St. Aegidien-Kirche zu retten. Doch eigentlich begann dieser Schritt schon einige Jahre früher. „1990 fuhr ich mit meinem Trabi von Pillnitz zurück nach Oschatz und kam an der Loschwitzer Kirche in Dresden vorbei. Durch die Bombenangriffe 1945 wurde sie total zerstört. Ein großes Plakat hing an den Umfassungsmauern ,Georg Bähr Kirche Loschwitz – Wiederaufbau’. Das interessierte mich. Auf einem Tisch in einer Nische lagen Flyer aus. Darauf hieß es, dass es einen Verein zur Rettung der Kirche gab. Da kam mir eine Eingebung: Das könnte es sein was uns helfen würde, die St. Aegidien-Kirche zu retten.“

Verein rettet St. Aegidien am 21. Mai 1991 gegründet

Die Idee wurde in die Tat umgesetzt und der Verein am 21. Mai 1991 gegründet. „Wir schrieben regelmäßig Rundbriefe, in denen wir unser Vorhaben und unsere Fortschritte erläuterten. 1992 hatten wir bereits rund 60 Mitglieder. Wir haben enorm viel investiert. Ich habe immer gesagt: ‚Mit Mut und Gottvertrauen schaffen wir das.‘ Dabei musste ich auch bleiben, sonst hätte man gesagt: ,Wir haben es doch gleich gesagt, dass das nicht klappt.‘ Doch ich war zuversichtlich, auch wenn wir die Restaurierung nicht in den angestrebten zehn Jahren, sondern erst in 18 Jahren realisieren konnten.“

In den besten Zeiten hatte der Verein 430 Mitglieder. Heute zählt er 239 Mitglieder und 162 Freunde. „Dass wir unsere St. Aegidien-Kirche so hinbekommen haben, ist ein Wunder von Oschatz. Die Kirchengemeinde hätte es alleine nie geschafft. Das ging nur durch die Unterstützung unzähliger Helfer. Jeder, der für die Kirche etwas gespendet hat, hat von unserer Kämmerin Gudrun Kohlbach auch immer einen Dankesbrief und eine Spendenbescheinigung erhalten.“

An eine Spenderin kann sich der ehemalige Pfarrer noch genau erinnern. An Elisabeth Amecke-Mönnighof. „1991 hat mich eine Frau angerufen. Sie hatte in der Zeitung „Die Monumente“, für die ich geschrieben habe, von den Arbeiten an der St. Aegidien-Kirche gelesen. Sie sagte mir, dass sie uns finanziell unterstützen wollte – und hielt ihr Wort. Innerhalb von vier Jahren flossen von ihr insgesamt 500 000 Mark in die Arbeiten an der Kirche. Zudem stattete sie uns mit neuen Schreibtischen, Heizkörpern und Computern aus. Das hat uns damals Mut gemacht. Einige weitere folgten ihrem Beispiel.“

Der Bau war alles andere als einfach. Mit den Türmen ging es los. Ob die Fialen – also die schmalen, aus Stein gemeißelten, spitz auslaufenden Türmchen neben den großen Türmen – überhaupt wieder errichtet werden sollen, stand lange zur Diskussion. Durch jahrzehntelang eindringende Schadstoffe aus Richtung Bitterfeld, Espenhain waren die dem Wetter zugewandten Seiten der Türme so stark angegriffen, so dass die beschädigten Steine bis zu zwölf Zentimeter abgeschlagen werden mussten. Ein Außenputz war notwendig. Anders hätte man das Problem nicht lösen können, erinnert sich Berthold Zehme.

„Doch wir wollten nicht nur die äußere Hülle erneuern, sondern die Kirche wieder so herrichten, dass viele Menschen gern in das Gotteshaus kommen. Der Bau war nie ein Selbstläufer. Immer wieder mussten wir aktiv sein. Wie gut, dass der alte Vorstand ein eingespieltes Team war.“

Über 16 Millionen Euro wurden investiert

Über 16 Millionen Euro wurden in den Bau investiert. Drei Millionen Euro gab der Verein „Rettet St. Aegidien“ als Eigenmittel dazu. So konnte schließlich die St. Aegidien-Kirche am 8. Mai 2005 eingeweiht werden. Über 400 Besucher nahmen am Festakt teil. Auch die restaurierte Jehmlich-Orgel erklang beim Gottesdienst. Dieser Tag wird noch heute regelmäßig gefeiert. Mit Hochseilakrobaten, die zwischen den Türmen auf einem Seil hin und her balancierten, mit einer Lichtshow, bei der von Kindern gemalte Zeichnungen auf die Kirche projiziert wurden oder durch Konzerte. Auch im Oktober soll wieder ein Höhepunkt zur Erinnerung stattfinden.

„Unsere Aktivität ist auch von vielen anderen Leuten gewertschätzt worden. Ingrid Biedenkopf, Schirmherrin des Oschatzer Musikherbstes, schrieb sogar in ihrem Buch über den Verein ,Rettet St. Aegidien’. Auch Stanislaw Tillich und Georg Milbradt engagierten sich. So wurde die Kirche mehr und mehr ins Licht der Öffentlichkeit gerückt.“

Auf einer Stiftertafel, die sich in der Kirche befindet, werden alle Unterstützer gewürdigt. „Die Aegidien-Kirche ist für mich wie mein Kind und das Türmerteam mit den 36 freiwilligen und ehrenamtlichen Helfern wie eine Familie. Die Türmerwohnung konnte durch Leihgaben gefüllt werden. Sie ist der Balkon, von dem man sich über das Städtchen freuen kann und sieht, wie viel in Oschatz geschaffen wurde. Unsere Stadtväter haben enorme Arbeit geleistet“, so der Oschatzer.

Oft konnte er selbst in der neu sanierten Kirche predigen. Und oft führte er Leute durch diesen Kirchenraum. An vieles kann er sich noch gut erinnern. „Einmal kam eine Mutter mit ihrem Kind hier her. Das Kind wollte wissen, warum die Kirche zwei Türme hat und die Mutter antwortete: ‚Weil das, worum es in der Kirche geht, für die Leute doppelt wichtig ist.‘ Eine sehr gute Antwort. Die Aufgabe der Kirche ist es, die Leute sensibler zu machen. Sie ist ein Ort des Trostes, der Freude, der Ermutigung.“

Weitere Teile der Serie 25 Jahre OAZ:

„Als der Wilde Robert zur Schule fuhr“ (1995)

„Erster Spatenstich für neue Turnhalle in Wermsdorf“ (2011)

„Volle Kanne: Oschatz 2009 auf dem Weg zum Weltrekord“ (2009)

„Wurde das Bernsteinzimmer in Wermsdorf versteckt?“ ( 2007)

„1993: Sowjet-Soldaten ziehen ab und hinterlassen explosives Erbe“ (1993)

„1999: Caroline wird erste Miss Oschatz“ (1999)

„2007: Wermsdorfer Hubertuskapelle esrtrahlt in schönster Rokoko-Pracht“ (2007

Oschgar lädt 2006 zur Landesgartenschau nach Oschatz ein (2006)

„1991: Die LVZ mausert sich zur Heimatzeitung OAZ“ (1991)

Von Kristin Engel

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