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Oschatz Ärzte in Nordsachsen lehnen neues Bereitschaftsdienst-Modell ab
Region Oschatz Ärzte in Nordsachsen lehnen neues Bereitschaftsdienst-Modell ab
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00:38 09.03.2018
Ein Hausarzt misst einer Patientin den Blutdruck (Symbolfoto). Quelle: dpa
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Nordsachsen

Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Sachsen plant eine Neugliederung des ärztlichen Bereitschaftsdienstes im Freistaat. Im Landkreis Nordsachsen soll ab dem Sommer das Pilotprojekt starten. Demnach soll es einen zentralen Hausbesuchsdienst geben und eine Bereitschaftspraxis, die voraussichtlich in Delitzsch an die dortige Klinik angegliedert werden soll. Dr. Klaus Heckemann, Vorsitzender der KV, begründete diesen Schritt mit der Forderung der Politik und des Gesetzgebers, die Notaufnahmen zu entlasten.

Mehrbelastung für Ärzte

Doch die Vorstellungen der KV treffen auf heftige Gegenwehr der niedergelassenen Ärzte. In einem Schreiben an die KV lehnen Mediziner aus dem Raum Eilenburg/Bad Düben einstimmig das geplante Pilotprojekt ab und begründen ihre Entscheidung auch. So führe der angedachte zentrale Hausbesuchsdienst, erreichbar per Telefon über die 116117, für den Dienstarzt zu einer erheblichen Mehrbelastung. „Es werden sechs Dienstbereiche zu einem zusammengefasst und der erstreckt sich dann von Schkeuditz, Taucha, über Delitzsch, Bad Düben bis nach Eilenburg Ost und West“, erklärt Dr. Silvia Wernicke, niedergelassene Ärztin in Eilenburg.

Jens Franke, Arzt aus Bad Düben, ergänzt: „Statt bislang sechs Ärzte einer pro Bereich, sollen künftig nur noch zwei für alle Bereiche zuständig sein.“ Einer in der Praxis und einer im Fahrdienst. Das wiederum könnte dazu führen, dass die Ärzte nach einem straffen Dienstwochenende sich nicht mehr in der Lage fühlen, ihre eigene Praxis zu öffnen. „Die Folge ist, dass die eigentliche Haus- und Facharztversorgung ruhen wird“, erklärt Franke.

Kritik: Entscheidung ohne Absprache

Für Dr. Wernicke sind das Dimensionen, die nicht zu bewältigen seien und überwiegend Nachteile für die Patienten und die Ärzte mit sich bringen. Auch Maike Klaußner, Ärztin aus Eilenburg, sieht im neuen System nur Nachteile. Für die beiden Frauen stellt sich zudem die generelle Frage, warum ein bislang tadellos funktionierendes, kostengünstiges System unbedingt reformiert werden muss. „Die Entscheidung ist ohne Absprache mit uns erfolgt“, bedauern sie. Auch befürchtet Dr. Wernicke, dass die erhoffte Entlastung der Notaufnahmen in den Kliniken nicht eintreten wir.

Katrin Schäfer, die eine Landarztpraxis in Kossa hat, glaubt, dass die Bereitschaftspraxen nicht von den Patienten angenommen werden. „Wer soll dort hinfahren, wenn es ihm schlecht geht?“ Zudem würden die Patienten deutlich länger auf den Hausbesuch eines Arztes warten müssen. Ihrer Meinung nach werde das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient erheblich gestört. „Bislang konnten die Patienten den Kontakt zum diensthabenden Arzt im jeweiligen Bereich direkt herstellen, so auch manches medizinische Problem ohne einen Besuch vor Ort klären“, macht Franke deutlich. Er glaubt, dass die sogenannte Portalpraxis in Delitzsch vielleicht von den Delitzschern angenommen wird, es damit auch zu einer Entlastung der Delitzscher Ärzte kommen könnte. Aber Kranke und in der Regel damit weniger mobile Patienten müssten sich dann beispielsweise von Eilenburg in die Bereitschaftspraxis nach Delitzsch begeben. Fehlende infrastrukturelle Voraussetzungen seien von der KV in der Planung unberücksichtigt geblieben. Für viele Patienten sei es heute schon schwer, zu ihrem Hausarzt zu kommen.

Weite Wege für Patienten

Auf ein weiteres Problem macht Karin Schäfer aufmerksam. Auch die Apotheken hätten ein Bereitschaftssystem. Nach einer Behandlung in der Portalpraxis müsste der Patient dann noch die jeweilige Apotheke aufsuchen. „Die muss nicht in Delitzsch auf haben.“ Also müsse er weiter durch den Landkreis fahren, um seine Medikamente zu bekommen.

Völliges Unverständnis äußerrn die Ärzte über die Finanzierung des neuen Systems. Jens Franke: „Als Dienstleister tragen wir die deutlich höheren Kosten dieser Bereitschaftsdienstreform. Mit einem Teil unseres Honorars von 0,3 Prozent und einer monatlichen Pauschale von 100 Euro finanzieren wir es mit. Eine solche Vorgehensweise ist von keiner anderen Berufsgruppe bekannt.“ Wie sich die Krankenhäuser beteiligen, ist noch offen. Der Bad Dübener Arzt spricht von „völlig abwegigen Verdienstmöglichkeiten“, die der KV-Vorstand offerierte. Silvia Wernicke meint, sie müsse drei bis vier Dienste machen, um die Pauschale als auch den Honoraranteil wieder erwirtschaften zu können. Maike Klaußner bemerkt, dass laut KV die Reform vor allem jüngere Ärztinnen und Ärzte ansprechen sollte, „aber gerade die lehnen sie besonders ab“.

In Nordsachsen gibt es etwa 175 niedergelassene Ärzte, die in das Bereitschaftsdienstsystem integriert sind. Der Altersdurchschnitt liegt bei etwa 55 Jahren.

Von Ditmar Wohlgemuth

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