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Als der Stadtgraben Oschatz belebte

Als der Stadtgraben Oschatz belebte

Das Oschatzer Stadtbild wurde bis Anfang der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts nicht nur von der Döllnitz selbst, sondern zudem vom Döllnitz-Mühlgraben geprägt.

Oschatz.

Seine Entstehung ist nach Ansicht des Stadtchronisten C. S. Hoffmann wohl ursächlich mit der Stadtgründung verbunden. Bereits in einem Zinsregister des Georgen-Hospitals aus dem 14. Jahrhundert wird seine Existenz schriftlich erwähnt.

 

Für die Stadt war der Mühlgraben lebensnotwendig. Er betrieb einst drei Stadtmühlen. Im Bereich der fälschlicherweise mit An der Döllnitz bezeichneten Straße (einst Entengasse) waren zahlreiche Gerber angesiedelt, die sein Grabenwasser zum Einweichen der Felle benötigten. Nicht von ungefähr wird wohl auch die einstige Brauerei in unmittelbarer Nachbarschaft zum Gewässer ihren Standort bekommen haben. Auch das alte Natur-Stadtbad verdankte seine Existenz dem Mühlgraben, denn der sorgte für Speisung mit dem Döllnitzwasser.

 

Aufgrund der geografischen Situation im Döllnitztal vor Oschatz mit dem geringen Gewässergefälle sowie des Standortes der Wassermühle in Altoschatz (zuletzt Capito-Mühle) musste der Mühlgraben schon weit oberhalb der Stadt vom Mutterfluss abgezweigt werden. Das dazu dienende (obere) Stau- und Abschlagwehr in der Döllnitz befand sich in der Neuzeit, gemäß den Gewässerkarten der Amtshauptmannschaft Oschatz von 1916, etwa in Höhe der halben Wegstrecke der Verbindungsstraße vom Ortsausgang Altoschatz bis Ortsbeginn Thalheim - 360 Meter oberhalb der Altoschatzer Mühle. Für den zu diesem Zeitpunkt existierenden Besitzer der Stauanlage, der Mühle sowie des Ober- und Untergrabens - Bauer und Mühlenbesitzer Oskar Capito - wurde hinsichtlich des Benutzungsrechtes im Wasserbuch 1928 Folgendes eingetragen: "Festes Überfallwehr auf Flurstück 65a und 190 mit Grundablass durch einen neben dem Wehr angebrachten Schützen. Länge einschließlich des Schützens 5,90 Meter. Breite des Überfallrückens 1,20 Meter, aus Bruchsteinmauerwerk. Schützen 1,50 Meter hoch, 1 Meter breit, Durchlassweite 0,85 Meter. In beiden Seiten Mauern aus Sand- und Bruchsteinen. Abfluss des Wehres auf 3 Meter Länge mit Steinen abgedeckt, links und rechts etwa 4 Meter durch aufgeführte Holzwand als Uferbefestigung".

 

Erwähnt wird noch ein 35 Meter langer Beigraben (Verbindungsgraben zwischen Mühlgaben und Döllnitz) für Wehrausbesserungen (breiter Freifluter mit einem Holzschützen, dessen Ufer teilweise mit Mauern und Holzwänden befestigt waren). Eine letzte Eintragung vom Mai 1945 besagt, dass dieser zwischenzeitlich rund 70 Meter grabenabwärts verlegt worden ist. Angemerkt sei, dass ein Benutzungsrecht für die Capito-Mühle im Wasserbuch schon 1910 vermerkt ist.

 

Der am beschriebenen Standort beginnende Mühlgraben strebte zunächst - nahezu parallel zur Thalheimer Straße - der Capito-Mühle zu. Vor deren Wasserrad, das sich geschützt in einer Radkammer befand, war der rd. 2,50 Meter breite Obergraben auf fünf Meter Länge mit Stampfbeton ausgelegt und mit Holzbelag überdeckt, am Eingang der Schützenrechen angebracht.

 

Das Ufer war auf neun Meter Länge vor der Radkammer aufwärts beidseitig durch Bruchsteinmauerwerk mit abgedeckten Ziegelsteinen befestigt. Der Einlassholzschützen vor dem Wasserrad, 0,90 Meter hoch und 1,10 Meter breit, konnte mittels Druckhebel bedient werden. Neben diesem befand sich noch ein Freifluter mit einem Holzschützen, 0,70 Meter hoch und 0,95 Meter breit. War er geöffnet, konnte über ein Holzgerinne das ankommende Wasser rechts des Wasserrades direkt in den Untergraben abgeleitet werden. Das Gerinneende war als Aalfang ausgebaut. Hinter der Radkammer wurde der Mühlgraben linksseitig vom massiven Mühlengebäude mit sich anschließendem Seitengebäude und rechtsseitig mit einer 30 Meter langen Bruchsteinmauer abgegrenzt. Nach nur 40 Meter Lauflänge tangierte der Mühlenuntergraben die Döllnitz an der hier befindlichen Stauanlage der Obermühle. Das fünf Meter breite, aus Bruchsteinen errichtete Querbauwerk, mit einem 0,60 Meter breiten linksseitigen Freifluter - erbaut im Auftrag des Mühlenbesitzer Hering 1911 - staute die Döllnitz ein weitere Mal auf, um linksseitig zusätzliches Wasser aus ihr in den vorbeifließenden Mühlgraben abzuleiten.

 

Im Zuge der Regulierung der Döllnitz, die in diesem Bereich - wie auch anderenorts - einen neuen, gestreckten Lauf bekam, wurde diese Anlage 1984 beseitigt. Der bis hierhin führende Wasserlauf trug einst im Volksmund die Bezeichnung Altoschatzer Mühlgraben. Der weiterführende Mühlgrabenabschnitt wurde als Oschatzer Mühlgraben bezeichnet.

 

Auf seinem weiteren Lauf, am alten Rittergut vorbei, strebte er nun dem Altoschatzer Gasthof zu. Der hier linksseitig ankommende Stranggraben könnte ursprünglich in den Mühlgraben gemündet haben. In späterer Zeit wurde er jedoch mittels Betonschleuse über den Mühlgraben zur Döllnitz geführt.

 

Der Mühlgaben kreuzte nun die heutige Hermann-Scheibe-Straße, nahm seinen weiteren Weg zwischen Rosenthalgasse und Heinrich-Mann-Straße Richtung Eulensteg und nach Verlassen der Ortslage Altoschatz entlang der nördlichen Wiesengrenze, am heutigen Gelände des Freizeitbades (Freiherr- von-Stein- Promenade) vorbei, bis er schließlich zwischen dem Süd-Bahnhof und dem Elektrobaubetrieb das Oschatzer Stadtgebiet erreichte.

 

Nach Unterquerung der Freiherr-von-Stein-Promenade führte er linksseitig der Straße Am Brühl entlang, kreuzte die Färbergasse und strebte nun, hinter der linken Häuserzeile entlang, zur Breiten Straße. Nach deren Unterquerung nahm er seinen Weg im Abstand von zirka 35 Meter parallel links zur Brauhausgasse, unterkreuzte die Rosmarinstraße und floss nun zum Eckgrundstück Hospitalstraße/Brauhausgasse (Obermühle). Seinen weiteren Weg fand er danach rechts der Straße Am Mühlgraben, passierte hier die ehemalige Mittelmühle, deren Gebäude nicht mehr vorhanden ist, querte die Badergasse, erreichte und durchfloss nun die Straße An der Döllnitz auf der linken Seite.

 

Dies war sein eindrucksvollster Gewässerabschnitt - Motiv vieler alter Postkarten. Etwa ein Drittel der Straßenbreite nahm er hier in Anspruch. Zahlreiche Stege überbrückten ihn, um den Zugang zu den linksseitig anliegenden Häusern zu gewährleisten. Nach Verlassen dieses Bereiches unterquerte er die Strehlaer Straße und verlief nun auf der rechten Seite der Ritterstraße. In Höhe der Schmorlstraße bog er rechtwinklig zur Niedermühle ab. Auf seinem sich anschließenden letzten Abschnitt unterquerte er noch die Körnerstraße und vereinigte sich am dortigen Bahnhaltepunkt, nach einem mühsamen und langen Laufweg von 2545 Metern, wieder mit seinem Mutterfluss, der Döllnitz.

 

Nach 1945 kam die Nutzung der Wasserkraft an den Kleingewässern weitgehend zum Erliegen. Zahlreiche Mühlen stellten ihren Betrieb ganz ein. Eine Ursache war unter anderem die sehr schwankende und rückläufige Wasserführung in den Fließgewässern.

 

Noch verbliebene Mühlen rüsteten auf den sicheren und damals kostengünstigen Elektrobetrieb um.

 

Die Mühlgräben wurden, weil nicht mehr benötigt, kaum noch unterhalten und verlandeten in zunehmendem Maße. Dies war auch in der Stadt Oschatz nicht anders. Der offenliegende Abschnitt des Mühlgrabens erfuhr keine Reinigung mehr und wurde stattdessen zu einer Kloake. Man fand eine einfache Lösung: Er wurde, 1965 beginnend, schließlich Zug um Zug verfüllt.

 

Im Bereich der ehemaligen Niedermühle wurde allerdings ein kurzer Abschnitt zwecks Ableitung anderer Wässer zuvor verrohrt. Noch heute ist diese Rohrleitung in Betrieb und am Mündungspunkt des vormaligen Mühlgrabens am Bahnhaltepunkt Körnerstraße sichtbar.

Siegfried Nowak

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