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Bordellähnliche Zustände im Weinzimmer

Bordellähnliche Zustände im Weinzimmer

Das Gebäude in der Bahnhofstraße Nr. 31 wurde in den Gründerjahren 1872 erbaut. Sein Besitzer Julius Dünnebier richtete eine Schankwirtschaft ein, nannte sie "Zum Apollo" und erlangte zunächst nur die Schankkonzession.

Oschatz.

Der Name "Apollo" steht in der griechischen und römischen Mythologie unter anderem für das Licht sowie die sittlichen Reinheit und Mäßigung. Diesem Anspruch wurde das Etablissement aber nie gerecht.

 

Die Liste der Besitzer und Pächter wurde mit den Jahren immer länger und deren Vorstellungen über die Nutzung des Grundstückes konnten nicht unterschiedlicher sein. Nach Auseinandersetzungen mit dem Stadtrat, der Amts- und Kreishauptmannschaft sowie dem Gericht gelang es Julius Dünnebier, neben der Schankkonzession auch die Erlaubnis für Tanzveranstaltungen zu erhalten. Wilhelm Töpfer der das Anwesen 1878 gekauft hatte, erwirkte außerdem die Konzession zum Schlachten und nannte seinen Gasthof nun "Deutsches Haus".

 

Die Konzession für die Beherbergung und Ausspannung erhielt der Gasthof erst zum Ende des 19. Jahrhunderts. Vielfältige Baumaßnahmen, der Anbau einer Küche und Garderobe und die Modernisierung der Toiletten, wurden zwischen 1875 und 1896 durchgeführt. Das noch heute längs der Friedensstraße stehende Seitengebäude, einst als Kegelschub erbaut, wollte Louis Wrede 1887 zu Arbeiterwohnungen umbauen. Eigenwillig waren auch die Vorstellungen des Trichinenschauers Hermann Thomas, der 1896 das Grundstück erworben hatte. Er ersuchte neben der Schank-, Tanz- und Beherbergungs-konzession erneut um die Erlaubnis zum Schlachten von Kleinvieh. Das Letztere wurde ihm jedoch versagt. Diese Konzession erlangte dann aber der seit 1898 das Grundstück besitzende Ernst Mönch. Ihm wurde der Einbau einer Schweine- und Kleinviehschlächterei in dem besagten Seitengebäude gestattet.

 

Die 1909 in den Saal eingebaute Gasbeleuchtung und die Beheizung mit sogenannten Füllöfen waren wohl für das Vorhaben des Kinomannes Kurt Pietsch ausschlaggebend, den Saal zu mieten. Er eröffnete hier, weit außerhalb des Stadtzentrums, im Jahre 1919 das dritte Oschatzer Kino, nach den ersten "lebendigen Fotografien" am 30. Oktober 1908 auf dem Altmarkt Nr. 24 und dem 1909 im "Gasthaus goldener Stern" aufgestellten "Kinematographen". Seine "Oschatzer Kammerlichtspiele" in der Bahnhofstraße erlebten aber nur wenige Vorstellungen. Schon 1920 zogen die "Lichtspiele" in den "Amtshof" um. Der Kinosaal wurde 1922 zu einem Kartoffellager und zu Wohnungen umgebaut und zwei Jahre später verlegt der Möbelfabrikant Edmund Wilhelm seine Möbelfabrik in den früheren Tanz-, Konzert- und Kinosaal.

 

Neben den nach außen erkennbaren Aktivitäten der Besitzer und Pächter am Saalgebäude ging es auch im Inneren des Gasthauses sehr abwechslungsreich zu. Der Schutzmann Carl Gustav Curth berichtete dem Stadtrat 1898 über bordellähnliche Zustände im Weinzimmer des Hauses, so nannte man verschämt die Séparées, und 1924 erhob ein Geschäftsmann schwere Vorwürfe wegen Geschlechtsverkehrs gegen Bezahlung, nachgewiesener Geschlechtskrankheit der Kellnerin und Kuppelei der Wirtin. Nun drohte dem Etablissement der Entzug der Konzession.

 

Aber dazu kam es nicht. Man muss davon ausgehen, dass sich die Zustände im "Gasthaus Deutsches Haus" trotz aller Androhungen nicht änderten.

 

Den Vorwürfen wegen Diebstahls 1927 und den erneuten Anschuldigungen wegen Unzucht 1930 wollten die Aufsichtsorgane der Stadt mit mehr Übersichtlichkeit in den Räumen entgegentreten. Dem Wirt wurde allen Ernstes angeraten, die Türen auszuhängen und die Wände teilweise durch Glasscheiben zu ersetzen, um auf diese Weise die "Durchsicht" im Lokal zu verbessern. Ein ungewöhnlicher Vorschlag zur Bekämpfung von Kriminalität und Prostitution.

 

Schon nach dem Tod von Ernst Mönch 1920 war der Niedergang des Gasthofes nicht mehr zu übersehen. Die katholische Gemeinde kaufte 1934 den seit langem leer stehenden "Apollo-Saal". Diesen baute sie innerhalb von fünf Wochen um, so dass sie in der geweihten Christ-König-Kirche am 1. Advent 1934 den ersten Gottesdienst feiern konnte.

 

Weitere Um- und Anbauten sowie stete Verbesserungen der Innenausstattung des Gotteshauses in den folgenden Jahrzehnten führten dazu, dass heute nichts mehr an frühere Bälle, Konzerte und Filmvorführungen erinnert.

 

Der miserable bauliche Zustand des übrigen Grundstückes zu Beginn der 1940er Jahre stand einer weiteren gastronomischen Nutzung entgegen. Fleischermeister Otto Thieme erwarb 1942 das Anwesen, das dann in den frühen Jahren der DDR von der Produktionsgenossenschaft des Fleischerhandwerkes genutzt wurde. Heute befinden sich Wohnungen in dem Gebäude.

Dr. Manfred Schollmeyer

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