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Carolin Richter auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela

Carolin Richter auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela

Santiago de Compostela/Neusornzig. Carolin Richter ist in Neusornzig aufgewachsen, hat bei der OAZ ein Praktikum absolviert und im November die nächste Herausforderung bestanden - 735 Kilometer zu Fuß auf dem Pilgerweg nach Santiago de Compostela.

 

 

 

 

Sonntag, 20. November, 6.30 Uhr. Ich sitze auf der Bettkante meines Doppelstockbettes. Draußen prasselt der Regen in der Dunkelheit auf den Asphalt. Still konzentriere ich mich auf das, was heute geschehen wird. Nach langen 735 Kilometern und vier Wochen Wanderschaft werden wir am Ziel ankommen: Heute erreichen wir Santiago de Compostela.

Für mich war es ein Abenteuer. Am 25. Oktober starteten mein Freund Simon und ich unseren "Camino", wie der Weg auf Spanisch genannt wird. Wir waren nun Peregrinos, spanisch für Pilger, und besaßen einen Pilgerpass, der in jedem Ort abgestempelt wurde. Tag für Tag liefen wir im Morgengrauen mit unseren Rucksäcken los. Jeder Schritt trug uns näher nach Santiago durch kleine Dörfer und Städte. Ich nahm bewusst die Natur und all die Menschen, denen wir begegneten, wahr. Mein Kopf war frei und die Gedanken losgelöst.

Der Jakobsweg öffnete sich wie ein Bilderbuch. Jeder Tag war anders und einzigartig. Lief ich an einem Tag völlig entspannt 30 Kilometer, war meine Motivation vielleicht am nächsten Tag nach fünf Kilometern am Ende. An diesen Tagen fand ich unzählige Gründe, den Camino abzubrechen. Sei es das Wetter, die Herbergen, die immer gleichen Sachen, die ich trug oder der steile Aufstieg in die Berge. Der Tagesablauf war simpel und zeitlos, denn wir pilgerten ohne Uhr.

Am frühen Morgen, wenn die ersten Pilger mit ihren Plastiktüten raschelten, standen wir auf, packten unsere Rucksäcke und liefen nach einem kleinen Frühstück, bestehend aus Müsliriegel und Tee, los. Wir versuchten, täglich 20 Kilometer zu laufen, so dass wir meist am Nachmittag am Etappenziel eintrafen. Dort suchten wir nach einer Herberge, die durchschnittlich fünf Euro pro Person kostete. Manche Unterkünfte waren unter herrlicher Führung der Hospitaleros (Herbergsleitung) zu Schmuckstücken auf dem Camino geworden. In manchen Herbergen schloss man beim Duschen lieber die Augen, um den Schimmel nicht sehen zu müssen. In den Restaurants standen dem Pilger überteuerte Pilgermenüs zur Auswahl. Oft kochte ich in den Herbergen auch selbst. Am Abend sprachen wir mit den anderen Pilgern bei einem Rotwein aus dem Plastikbecher über die Tageserlebnisse. Gegen 19 Uhr lag ich meist schon wieder im Doppelstockbett.

Die Herbergen sind ein Abenteuer für sich. Die schönste Herberge am Camino fanden wir im Dorf Granon. Dort schliefen wir gemeinsam mit 20 anderen Pilgern in der Türmerwohnung der Kirche. Die Herbergsmutter kam aus der Nähe von Venissieux, der Partnerstadt von Oschatz. Aber es gab natürlich auch Herbergen, in denen ich froh war, die Nacht überstanden zu haben. Einmal schliefen wir in einem Raum mit 40 Pilgern bei aufgedrehter Heizung und geschlossenen Fenstern!

Der Camino zeigt sich in vielen einzigartigen Etappen. Der Weg führte uns zum Cruz der Ferro, dem eisernen Kreuz, dem höchsten Punkt auf dem Camino in den Bergen von Leon. Auf 1500 Metern legt der Pilger einen von zu Hause mitgebrachten Stein ab als Zeichen seiner Sünden und Ängste. Der Pilger geht danach als freier Mensch vom Berg hinunter nach Santiago. Mittlerweile hat sich über all die Jahre ein riesiger Steinhaufen angesammelt.

Unser Weg nach Santiago begann am Sonntagmorgen im strömenden Regen. Im Dunkeln wanderten wir mit Stirnlampen los und durchquerten den Wald stetig bergauf. Wir liefen so zügig, dass wir unseren Rekord aufstellten. In drei Stunden schafften wir 17 Kilometer! Als wir vom Berg Monte de Gozo erstmals Santiago erblickten, zeigte sich die Stadt im Sonnenschein. Vor dem letzten Torbogen, der uns nun noch von unserem langersehnten Ziel trennte, flatterten plötzlich mehrere weiße Tauben hoch in die Luft. Als ich den Platz betrat und links von mir die mächtige Kathedrale erblickte, blendete mich die Sonne. Das war ein Moment im Leben, den ich nie vergessen werde. Tränen der Erleichterung, der grenzenlose Freude und der puren Erschöpfung liefen mir über das Gesicht. Wenig später holten wir nach Vorlage unseres Pilgerpasses unsere Pilgerurkunde, die Compostela, ab.

Drei Tage blieben wir noch in Santiago und trafen uns noch einmal mit allen Freunden, die wir auf dem Camino gefunden hatten. Der Abschied fiel uns unsagbar schwer. Der Weg nach Santiago ist ein Lebensweg, der alles von dir fordert und es doppelt zurückgibt. Er kann dich zu Boden reißen, lässt dich aber im neuen Glanz aufstehen. Jeder, der sich zu dieser Reise durchringen kann, dem wünsche ich diese einzigartige Erfahrung. Jeder, der denkt, es sei ein Spaziergang, dem rate ich daheim zu bleiben. Und als Pilgerin im Herzen sage ich zu allen künftigen Pilgern: "Buen Camino, Peregrino!"

Stichwort Jakobsweg

Der Jakobsweg, auch Camino de Santiago oder Sternenweg genannt, ist der Pilgerweg zum Grab des Apostels Jakobus dem Älteren in der Kathedrale zu Santiago. Neben Rom und Jerusalem ist Santiago das dritte Hauptziel der christlichen Pilgerfahrt. Es gibt mehrere Jakobswege, die alle in Santiago de Compostela enden. Jährlich pilgern über 250 000 Menschen aus aller Welt auf dem Camino. Wegbegleiter eines jeden Pilgers ist dabei die Jakobsmuschel, die dem Schutz des Pilgers dient. Seit 1993 gehört der Jakobsweg zum UNESCO- Welterbe.

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