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DDR-Trinkkultur: Hoch die Gläser bei jeder Gelegenheit

DDR-Trinkkultur: Hoch die Gläser bei jeder Gelegenheit

Christi Himmelfahrt gleich Herrentag gleich Sauftag: Das galt zu DDR-Zeiten für den kirchlichen Feiertag, aber auch für den Frauentag, für Betriebsvergnügen und Familienfeiern, bei denen nach dem Kaffeetrinken sofort die Schnapsflaschen auf den Tischen standen.

Einer geht noch: In geselliger Runde wie bei dieser Feier in den 80er Jahren sorgt Hochprozentiges für ausgelassene Stimmung.

Quelle: dpa

Region Oschatz. Statistisch gesehen trank jeder DDR-Bürger 16 Liter reinen Alkohol, das waren 23 Flaschen Weinbrand oder Klarer im Jahr. Dazu noch 143 Liter Bier. Diese Zahlen nennt eine Ausstellung in Nordhausen/Thüringen, die unter dem Titel "trinKultur in der DDR" die Hintergründe des Alkoholkonsums aufzeigt.

 

Zumindest in dieser Statistik war der Arbeiter- und Bauernstaat Weltspitze. Die Folgen dieses Konsums sind auch heute noch deutlich spürbar, sagen Suchtexperten - auch im Kreis Nordsachsen.

 

Kirsch-Whisky ("KiWi"), Kumpel-Tod, Sherry Brandy und eine Flasche "Pfeffi" mit EVP-Preisschildern stehen als Erinnerung in der Gartenlaube von Brigitte Naujoks. Die Wirtin der Oschatzer Gaststätte "Zum Windhuk" weiß, welche Ausmaße die Trinkerei früher in DDR-Betrieben annehmen konnte. "In Brigaden und bei Betriebsvergnügen wurde viel getrunken. Da kamen vor allem harte Sachen auf den Tisch. Wie beim Herdentrieb haben viele mitgemacht. Dann wurde in der Produktion auch schon mal vorgearbeitet. Später konnten die Sachen dann vorgeschoben werden, wenn die Saufrunde begann. Mit Alkohol am Arbeitsplatz wurde locker umgegangen. Wer früher mit einer Standarte zur Arbeit kam, musste kaum Probleme befürchten. Das ist heute zum Glück anders", sagt die Oschatzerin.

 

"Auch die Jahresendprämien wurden am selben Abend noch versoffen, bis das Geld alle war", erinnert sich Klaus Wächtler, seit mehr als 30 Jahren in der Gastronomie tätig und einst Betreiber des Kreiskulturhauses in Oschatz. Früher sei eindeutig mehr getrunken worden, geraucht übrigens auch. "Wein strecken oder Wassergläser den ganzen Abend auf dem Tisch einer Familienfeier, das war zu DDR-Zeiten einfach undenkbar." Über die Gründe hat sich Klaus Wächtler auch seine Gedanken gemacht: "Mancher hat sich die Welt schön getrunken oder den Frust weggespült."

 

Allein mangelnde Freizeitangebote zu DDR-Zeiten will Wirtin Birgit Naujoks nicht gelten lassen. "Da gab es früher schon einige Möglichkeiten." Ihrer Meinung nach lag es auch an den niedrigen Kneipenpreisen. "Man darf auch nicht vergessen, dass es früher gar keine verschiedene Wasser, frische Säfte und nur wenige Mixgetränke gab", sagt der Oschatzer Gastronom Klaus Wächtler. "Unvorstellbar, dass man sich früher einen Orangensaft aus den paar Apfelsinen gepresst hat, die es vor Weihnachten gab." "Jüngere Leute haben ihr Geld früher oft versoffen." Sparen auf eine Sache habe für viele keinen Sinn gehabt. "Heutzutage lohnt es sich ja für die Jugend, auf ein Auto, eine Wohnung oder Urlaubsreisen zu sparen, die Menschen können ihr Geld nicht einfach vertrinken." Und Alkohol gehöre auch nicht mehr zwangsläufig zu jeder Familienfeier dazu, hat Wächtler festgestellt.

 

Begrüßung mit Schnaps, ein Fläschchen als Geschenk, Bier zu jedem Schwatz - "ja, Alkohol hatte eine hohe Akzeptanz und Verfügbarkeit in der DDR", bestätigt Suchtmediziner Dr. Peter Grampp. Seit 1996 arbeitet er im Klinikum Wermsdorf mit Suchtopfern. Den Alkoholkonsum in der DDR und die Unterschiede im Konsumverhalten im Vergleich zu Westdeutschland müsse man historisch und kulturell betrachten. "In den Plattenbauten und Kleingärten entfaltete sich die Arbeiter- und Bauern-Subkultur, da ging es feucht-fröhlich zu. Alkohol war eine Art Parallelwährung unter harten Kerlen. Auch unter Politikern und Kadern galt Alkohol als Verbrüderungskomponente. Entwicklungen, die Soziologen übrigens auch in den 1970er Jahren der alten Bundesrepublik ausgemacht haben." Dort sank der Konsum allerdings mit dem Anwachsen der Angestelltenschicht. Ethnologen wie der Berliner Thomas Kochan meinen, dass mehrere Faktoren die Trinkfestigkeit in der DDR-Kollektivgesellschaft befördert hätten: In einer begrenzten Welt habe es wenig gefördertes Leistungsdenken, viel Zeit, Sorglosigkeit und kaum Existenzängste gegeben.

 

Nach 1989 hat sich das Trinkverhalten im Osten verändert und dem Westen angenähert. Im Jahr 2012 trank jeder Bundesbürger über 15 Jahren 11,8 Liter reinen Alkohol, hat die Weltgesundheitsorganisation erfasst. "Insgesamt diskutieren wir das Thema Alkoholkonsum und -missbrauch bundesweit auf einem hohen Niveau", meint Dr. Peter Grampp (siehe Interview).

Kathrin König

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Landkreis: Nordsachsen

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