Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Oschatz Dahlener bereitet Vereinsjubiläum der Sudetendeutschen vor
Region Oschatz Dahlener bereitet Vereinsjubiläum der Sudetendeutschen vor
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:04 23.03.2016
Dietmar Hübler von der Sudetendeutschen Landsmannschaft in Sachsen. Quelle: Dirk Hunger
Anzeige
Dahlen

„Wir waren immer die Flüchtlinge“, sagt Dietmar Hübler. Der 74-jährige Dahlener stammt aus Klösterle an der Eger (tschechischer Name Klasterec), einem Städtchen im Sudetenland. Hübler ist Landesobmann der Sudetendeutschen Landsmannschaft in Sachsen, die kooperatives Mitglied der Sudetendeutschen Landsmannschaft Bayern ist. Die sächsische Landsmannschaft feiert am 9. April im Neuen Rathaus in Leipzig ihr 25-jähriges Bestehen. Im hiesigen Freistaat hat sie noch etwa 250 Mitglieder. Die meisten in der Kreisgruppe Leipzig, zu der auch das Muldental und das Leipziger Land gehören. „Da sind wir 79 Leute“, erklärt Hübler.

Auch um Dahlen und Oschatz gebe es Sudetendeutsche, weiß der 74-Jährige „Die meisten treffen sich privat in kleinen Gruppen und sind nicht organisiert.“ Dabei biete der Verein eine Menge Vorteile. „Wir beraten unsere Mitglieder, helfen bei Fragen und stellen, wenn nötig, Kontakte zu anderen Gruppen und Ansprechpartnern her“, beschreibt Hübler.

Sudetendeutsche sind in die Jahre gekommen

Allerdings sind die Sudetendeutschen in der Region wie anderenorts in Deutschland auch in die Jahre gekommen. „In ganz Sachsen haben wir vielleicht noch zehn Leute, die nicht im Rentenalter sind.“ Das liegt auf der Hand. Schließlich mussten die Bewohner der deutschen Gebiete die Tschechoslowakei nach dem Kriegsende verlassen, vor allem in den Jahren 1945 und 1946. Hübler war damals ein kleiner Junge. Es gibt allerdings Ereignisse, die sich dem Mann, der sein Geld später als Elektriker und Sicherheitsinspektor verdiente, tief ins Gedächtnis eingebrannt haben. Etwa eine Verhandlung auf dem Marktplatz von Klösterle, bei der Tschechen, die nach Kriegsende das Sagen in den fast ausschließlich von Deutschen bewohnten böhmischen Gebieten hatten, über Deutsche zu Gericht saßen. Oder die Exekution zweier junger Deutscher, „bei der das Blut auf die Straße floss“, erinnert er sich.

Tagelange Reise bis nach Dommitzsch bei Torgau

Der Marschbefehl für seine Familie kam im Jahr 1946, am 33. Geburtstag seiner Mutter. „Wir hatten nach dem Kaffeetrinken einen Spaziergang gemacht, als ein Mann die Botschaft brachte, dass alle Deutschen am nächsten Tag abzureisen hatten.“ Über ein Barackenlager, noch in Böhmen, ging es nach Deutschland – eine tagelange Reise. Hüblers Familie landete schließlich in Dommitzsch bei Torgau und damit im heutigen Sachsen, wohin es viele Sudetendeutsche verschlug.

Viele von ihnen gingen davon aus, dass sie ihre Heimat nur für eine kurze Zeit verlassen müssten. Den Inhalt der Benes-Dekrete, benannt nach dem tschechoslowakischen Präsidenten Edvard Benes, kannten die Sudetendeutschen nicht. Hübler: „Die Deutschen mussten ihre Radios abgeben.“ Die Dekrete waren die Begründung für die Umsiedlung von knapp drei Millionen Deutschen. Sachsen lag in der Nähe der alten Heimat. Dorthin kamen so viele, dass es hier nach der Wiedervereinigung wohl an die 300 000 Menschen mit Wurzeln im Böhmischen gab, sagt der Dahlener.

Sudendeutsche Mundart klang eigenartig für Sachsen

Die hatten wie andere Flüchtlinge aus den bisherigen deutschen Ostgebieten mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. Es begann schon mit der sudetendeutschen Mundart. „Die klang für Sachsen eigenartig“, erinnert sich Hübler, der mit Mutter und Großmutter schließlich in Sitzenroda bei Torgau sesshaft wurde. Also bemühte sich Hübler um ein mitteldeutsches Idiom. Das war allerdings im Vergleich zur materiellen Lage der kleinen Familie nur ein Randproblem. „Wir hatten kaum Geld.“ In den ersten Jahren nach der Vertreibung war die Mutter ohne Arbeit, die Familie lebte ausschließlich von der kleinen Rente der Großmutter. Immerhin: Die Fremde schweißte die Heimatvertriebenen zusammen, wozu der katholische Glaube beitrug. Hübler erinnert sich daran, dass es auch Sudetendeutsche waren, Katholiken, die die heruntergekommene evangelische Kirche des Ortes wieder auf Vordermann brachten.

Dietmar Hübler heiratete, gründete eine Familie und wohnt seit 1960 in Dahlen. In der DDR galten Sudetendeutsche wie Ostpreußen und Schlesier nicht als Heimatvertriebene, sondern, politisch eher beschönigend, als Umsiedler. An einen Lastenausgleich, wie er im gleichnamigen Gesetz in der Bundesrepublik für Bewohner der ehemaligen deutschen Ostgebiete festgeschrieben wurde, war hier nicht zu denken. Immerhin, sagt der Landesobmann, gab es nach der Wiedervereinigung für Heimatvertriebene in den neuen Bundesländern 4000 D-Mark.

Menschen mit Wurzeln im Sudetenland sind willkommen

Offiziell organisieren können sich die Flüchtlinge erst seit der Wende, und Dietmar Hübler weist stolz darauf hin, dass die Sudetendeutsche Landsmannschaft einer der ersten größeren Vereine mit diesem Hintergrund war, der vor 25 Jahren aus der Taufe gehoben wurde. Die Gründungsveranstaltung fand in Radeberg statt, seitdem gibt es ein ausgefülltes Vereinsleben. „Zweimal im Jahr finden Mitgliederversammlungen in Dresden statt, und dann gibt es noch die verschiedenen Kreistreffen, bei denen Menschen vor Ort zusammenkommen“, berichtet er. Menschen in der Region, deren Wurzeln ebenfalls im Sudetenland liegen, seien eingeladen, der sächsischen Landsmannschaft beizutreten und könnten sich jederzeit über Dietmar Hübler an den eingetragenen Verein wenden.

Hübler war bereits 1967 zum ersten Mal wieder in seiner alten Heimat und seither immer wieder. Eine Rückkehr ist kein Thema für ihn. Nicht nur, weil er seit Jahrzehnten in der Heidestadt Dahlen wohnt. Dass die Vertreibung ein Verbrechen war, steht für ihn außer Frage. „Aber wir können nicht altes Unrecht durch neues ersetzen.“

Von Nikos Natsidis und Jana Brechlin

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

In Köllmichen wird es am Karfreitag nichts mit lange Ausschlafen. 70 Halter von Hähnen haben sich angemeldet, um ihre Tiere so laut und ausdauernd wie möglich krähen zu lassen. Organisiert hat das Spektakel der Geflügelzüchterverein Mutzschen/Wermsdorf. Ab 8 Uhr beginnt der tierische Wettkampf.

23.03.2016

Wer wissen möchte, wie Oschatz aus mehr als 70 Metern Höhe aussieht, muss keinen Flieger chartern – es genügt ein Aufstieg in den Südturm der St. Aegidienkirche im Stadtzentrum. Nach 199 Stufen erreicht man die Türmerstube. Ostersonnabend startet die neue Saison – mit einem neuen hauptamtlichen Türmer.

23.03.2016

Mügelner Akteure haben jetzt ihr Projekt vom Storchen-TV auf der Mügelner Varia-Esse realisiert und installierten dort eine Kamera, die den Blick in den Storchenhorst ermöglicht. Jetzt warten die Mitglieder des Heimatvereins Mogelin und ihre Mitstreiter auf die Ankunft von Adebar, um die Tiere in ihrem Nest beobachten zu können. Unterstützung gab es von Sponsoren und Experten aus Otterwisch.

23.03.2016
Anzeige