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Das Strehlaer "Schiffchen"

Das Strehlaer "Schiffchen"

In einer Heimatbeilage der LVZ wurde 1992 unter der Titelbezeichnung "Auf zum Schwof" in 17 Folgen über regionale Vergnügungsstätten und deren Kapellen berichtet.

Region.

Eine Thematik, die geschichtsbezogen viel Aufmerksamkeit erfuhr. In einer Art Nachtrag soll in den folgenden Tanztempelgeschichten an solche Vergnügungsetablissements erinnert werden, die sowohl durch ihre Saal-Einrichtungen als auch durch ihre organisatorischen Eigenschaften zu den anerkanntesten Vergnügungseinrichtungen unserer Region gehörten. Neben dem Thomas-Müntzer-Haus waren das unter anderem die "Alte Post" in Stauchitz, der "Wilde Mann" in Ostrau oder das Döbelner "Staupitzbad". Beginnen wollen wir in unserer monatlichen Abhandlung mit dem Strehlaer "Schiffchen".

 

Die Kleinstadt Strehla stand lange Zeit in dem Ruf, das vergnügungssüchtigste Städtchen mit den schönsten Mädchen zu sein. Sicherlich trugen die 1903 abgebrannte Elbterrasse und der "Lindenhof", welcher, bevor er sich als Kino etablierte, den größten Theater- und Ballsaal beherbergte, zu dieser volksverbundenen Meinung bei.

 

Doch die größte Rolle dürfte dabei das "Schiffchen" gespielt haben. Gustav Benjamin Kohlsdorf ließ sich 1867 ausgangs der Stadt in Richtung Riesa an der oberen Fährstelle gelegen ein Gasthaus bauen, welches er 1885 durch den Anbau eines nahezu 500 Personen fassenden Vergnügungssaales erweiterte. Vor allem als 1898 Hermann Neumann den Besitz übernahm und sich ab 1902 auch durch die Ausübung einer Kraftwagenlinie nach Riesa einen Namen machte, nahm das "Schiffchen" seinen Aufschwung. Durch Fähre und Kraftverkehr günstig gelegen, entwickelte es sich schnell zum anerkanntesten Vergnügungslokal, in dem auch zig Vereine ihre Feste feierten.

 

Ab 1924 sorgten sogar Theater und Stummfilmaufführungen für Furore. Dennoch blieb das Lindenhofkino eine starke Konkurrenz. Nach dem Entfernen der Sitzreihen stand es nach wie vor für größere Feierlichkeiten und Vergnügen zur Verfügung. Dennoch, das "Schiffchen" blieb vor allem im ländlichen Bereich ein Vergnügungstreff erster Güte. Oppitzsch, Großrügeln und Zaußwitz war bei den Anlässen ebenso vertreten, wie die überelbischen Orte Lorenzkirch, Kreinitz oder Zeithain. Die Kontakte waren auch organisatorisch gesehen weitreichend. Eine Stagnierung dieser Entwicklung brachten erst die Kriegsereignisse mit sich. Wie auch anderswo mussten solche Großgaststätten andersweitig genutzt werden.

 

So wurde der Saal ab 1943 ein Wehrertüchtigungslager, 1944 sogar ein Lazarett und nach 1945 vorübergehend ein Altersheim. Ab 1947 fand das "Schiffchen" zu seinem ursprünglichen Gaststätten- und Saalbetrieb, nun unter Leitung des agilen Ehepaares Löwenthal, zurück.

 

Für die vergnügungssuchende Nachkriegsjugend galt das Schiffchen schon bald als Treff echter Tanz- und Schlagerfreunde. Hier gastierte die Dresdener Will-Seifert-Big-Band, lieferte der Chemnitzer Helmut Käppel seine Show ab, sorgte Paule Dott für Stimmung, wurde Olympia Polkenberg immer wieder gern gehört und gesehen, wie auch die Gloria Formation aus dem benachbarten Riesa.

 

Wenngleich dieses Idol der Jugend mit der Gebietsreform 1952 dem Kreis Oschatz abtrünnig wurde, brachte das keine Nachteile mit sich. Unter der Vielzahl jährlich hunderter Musiker und bekannter Künstler, die sich auf der Bühne des Etablissements dem Publikum preisgaben, versuchte sich auch die Strehlaer Tanzkapelle einzubringen. Mit dem "Tanzstudio Strehla" verfügte das Städtchen ab 1955 über eine qualitativ gute Tanzformation, die nicht nur zum Tanz, sondern auch bei Unterhaltungsveranstaltungen unterschiedlicher Art eingesetzt werden konnte.

 

Zu den Organisatoren und Könnern dieses Tanzstudios gehörten unter anderem die Strehlaer Peter und Werner Thieme, die ihre Formation bis zur elfköpfigen Big Band erweiterten und sich sogar am Glenn-Miller-Repertoire versuchten. Man spielte außer im "Schiffchen" in Riesa, Großenhain, Döbeln, Oschatz und Meißen und einige der Mitglieder konnten schon bald ins Profi-Lager wechseln. Peter Thieme schaffte es sogar zur Dresdener Staatskapelle.

 

Doch zurück zum "Schiffchen". Mit dessen Vergnügungsherrlichkeit war es 1959 abrupt vorbei, nachdem sich die Stadt als neuer Besitzer etablierte. Kurze Zeit als Möbellager genutzt, wurde aus dem einstigen Saal eine Wohnstätte für zwölf Familien. Somit hatte das "Schiffchen", von dem für die Stadt bedeutende Impulse ausgingen, nach 72 Jahren aufgehört zu existieren. Als Ersatz wurde am Rande des Stadtparkes gelegen, die "Kleine Bastei" gehandelt und durchaus aufgenommen. Als nächster Tanztempel soll der Riesaer Stern in Erscheinung treten.

 

Fortsetzung folgt

Lothar Schlegel und Reiner Sch

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