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Der Gasthof Zschöllau

Der Gasthof Zschöllau

Die Geschichte des Zschöllauer Gasthofes geht weit in das 19. Jahrhundert zurück. Belegt ist der Besitz des Hauses im Jahr 1860 durch einen Kunst- und Hufschmied Reiche aus Riesa.

Man darf aber sicher davon ausgehen, dass der Bau der Leipzig-Dresdener Eisenbahnstrecke zwischen 1836 und 1839 die Errichtung eines Gasthauses in Zschöllau befördert hatte.

 

Um die folgende Jahrhundertwende, in den Jahren der Monarchie in Deutschland, lud der Gasthof bis zum Ende des Ersten Weltkrieges unter dem Namen "Zum Deutschen Kaiser" seine Gäste ein und erlebte auch bedeutende stadtgeschichtliche Ereignisse. Am 24. Juni 1912 wurde im "Deutschen Kaiser" der "Zschöllauer Bauverein e.G.m.b.H" am 24. Juni 1912 gegründet, der den genossenschaftlichen Wohnungsbau in Zschöllau entscheidend voran brachte.

 

Mit wechselnden Pächtern blieb das Anwesen bis 1918 bei der Familie Reiche. In dieser Zeit, um 1900, wurde auch der große Saal angebaut.

 

Der Brauereibesitzer Bernhard Nitzsche (1856 bis 1929), der einst gleich nebenan in der Bahnhofstraße die letzte Oschatzer Brauerei führte, die er 1918 aufgab und an die Bergbrauerei Riesa verkaufte, erwarb den Gasthof im gleichen Jahr.

 

Nach seinem Tod bewirtschaftete zunächst seine Frau Amanda (1869 bis 1952) und ab 1941 sein Sohn Karl den Gasthof. Wie die Geschäfte in den Jahren des Zweiten Weltkrieges und in den frühen Nachkriegsjahren liefen, ist nicht überliefert. Allerdings musste der Oschatzer Rat des Kreises 1953 mit dem Entzug der Konzession drohen, um etwaige Steuerschulden des Gastwirtes beizutreiben.

 

Offensichtlich wegen andauernder Differenzen mit der Abteilung "Abgaben" des Rates des Kreises schloss Karl Nitzsche die Gastwirtschaft 1957. Das Grundstück verwahrloste daraufhin zunehmend. Der Baubeginn des Glasseidenwerkes 1960 am Wellerswalder Weg hatte zur Folge, dass sich die staatliche Handelsorganisation (HO) des Gasthofes annahm und nach umfassenden Rekonstruktionen am 3. Oktober 1961 das Haus wieder eröffnete.

 

Die "Leipziger Volkszeitung" meinte dazu: "Dabei ist natürlich an die Anforderungen gedacht, die mit dem großen sozialistischen Bauvorhaben in dem Ortsteil Zschöllau, dem Glasseidenwerk, an alle gesellschaftlichen und sozialen Einrichtungen gestellt werden. [-] Es ist ein wirklich schönes Geschenk für die Oschatzer, dass diese Gaststätte am 12. Jahrestag der Republik eröffnet wurde [-]." Wie heute noch, so brauchte es auch damals immer einen Anlass.

 

Verschiedene Gastwirte leiteten dann im Auftrag der HO den Zschöllauer Gasthof, bis Peter und Inge Mehner 1977 das "Objekt", wie es im damaligen Amtsdeutsch hieß, übernahmen und die Gastwirtschaft weiter für die Staatliche Handelsorganisation (HO) bis 1991 führten.

 

Mit großem Engagement hatten Mehners "ihre" Gaststätte dem Zeitgeist angepasst, begannen 1977 mit der "Jugend-Disco", organisierten in den Räumlichkeiten unter anderem eine "Festwoche zum 750-jährigen Bestehen der Stadt Oschatz" und richteten den "Discotreff 88" ein. Mit der politischen "Wende" in der DDR ging das Grundstück in den Besitz der "Treuhand" über und 1993 gelang es der Familie Mehner nach zähen Verhandlungen das Gasthaus zu erwerben. Mit einem enormen Kraftaufwand und insgesamt 1,1 Millionen DM sanierte die Familie 1993 bis 1995 Gaststätte, Saal und Küche, schuf zusätzlich acht Fremdenzimmer und eröffnete das Haus am 1. Februar 1995. Die folgenden Jahre waren von rauschenden Discoveranstaltungen und wiederholten Modernisierungen geprägt.

 

Mit der Einführung des EURO in der Nacht vom 31. Dezember 2001 zum 1. Januar 2002 hat die Familie Mehner den beliebten "Unterhaltungstempel" geschlossen. "Ich habe nie mit dem Euro in meiner Gastwirtschaft gearbeitet", so der ehemalige Besitzer Peter Mehner in einem Gespräch.

 

Seit dieser Zeit steht das Haus leer. Leider kam es 2005 zur Zwangsversteigerung des 1895 Quadratmeter großen Grundstückes. Das Anwesen wird zurzeit nicht genutzt und ein Verfall steht zu befürchten. Aber vielleicht bringt doch noch einmal ein Ereignis wie die Eröffnung der Leipzig-Dresdener Eisenbahnstrecke oder der Bau des Glasseidenwerkes dem "Gasthof Zschöllau" neues Leben.

Dr. Manfred Schollmeyer

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