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Der Österreicher Herbert Kascha in Oschatz

Der Österreicher Herbert Kascha in Oschatz

Der vor wenigen Wochen auf der Heimatseite beschriebene kulturelle Neuanfang in Oschatz nach 1945 erlebte mit der Gründung und dem ersten Auftreten eines Oschatzer Sinfonieorchesters 1947 einen weiteren Höhepunkt.

Oschatz.

Diese Neugründung führte später zur Bildung des Oschatzer Kreis-Kulturorchesters, dessen Dirigent der aus einer Musikerdynastie stammende Stadtmusikdirektor Franz Beyer (1893 bis 1964) war. Nach erfolgreichen Jahren mit hunderten Konzerten in Oschatz und Umgebung musste Franz Beyer, gesundheitlich bedingt, die Leitung des Kreis-Kulturorchesters am 17. April 1954 abgeben.

 

Die frei gewordene Stelle wurde durch Vermittlung des Präsidenten des Kulturbundes der DDR und DDR-Kulturministers, Johannes R. Becher (1891 bis 1958), noch im gleichen Jahr mit dem Österreicher Herbert Kascha besetzt. Der charismatische Wiener Dirigent soll nach übereinstimmenden Angaben Oschatzer Konzertbesucher das Publikum im Sturm erobert haben. Gründe genug, an das Leben und die Arbeit des österreichischen Kapellmeisters zu erinnern.

 

Herbert Kascha wurde am 28. Mai 1924 in Laa an der Thaya, im österreichischen Weinviertel gelegen, geboren und verbrachte hier seine Kindheit und Schulzeit gemeinsam mit seiner Schwester. Das Abitur legte er in Baden bei Wien ab, wurde danach 19-jährig in den Zweiten Weltkrieg eingezogen und besuchte von 1946 bis 1954 die damalige Wiener "Akademie für Musik und darstellende Kunst". Der Kontakt zu Johannes R. Becher kam anlässlich eines Vortrages des DDR-Kulturministers in Wien 1954 zustande. Herbert Kascha begann dann am 1. Oktober 1954 als Preisträger des Internationalen Musikfestivals für junge Dirigenten in Besancon/Frankreich seine Arbeit in Oschatz. Der große Saal des Thomas-Müntzer-Hauses wurde zum musikalischen Wohnzimmer des Österreichers. Anlässlich der "1. Oschatzer Woche der Musik" vom 19. bis 23. Oktober 1954 dirigierte Herbert Kascha hier sein Antrittskonzert, leitete am 25. November ein umjubeltes Johann-Strauß-Konzert, am 16. Dezember ein Beethoven-Konzert und trat mit dem Kreis-Kulturorchester zu Silvester 1954 mit Operettenmelodien und aktuellen Schlagern auf.

 

Diese Konzerte haben den Dirigenten zum Publikumsliebling in Oschatz gemacht. Natürlich war es für eine Kleinstadt außergewöhnlich und belebend, das Kreiskulturorchester unter der Leitung eines Österreichers zu wissen. Besonders die Herzen des weiblichen Publikums sollen dem charmanten Musiker zugeflogen sein. Das folgende Jahr 1955 war musikalisch auch geprägt von regelmäßigen Sinfoniekonzerten, dem "1. Kreisfest des Liedes und Tanzes" am 5. Juni 1955 unter der Gesamtleitung von Richard Rost und der Mitwirkung des Kreis-Kulturorchesters und von einem Gemeinschaftskonzert des Oschatzer Kreis-Kulturorchesters mit dem Orchester des Stadttheaters Döbeln anlässlich des 6. Jahrestages der DDR.

 

Danach finden sich weder in den Archiven noch in der Presse Hinweise auf den österreichischen Dirigenten. Er hatte im Herbst 1955 die Stadt in Richtung Berlin verlassen. Das Kreis-Kulturorchester wurde in dieser Zeit von dem Jenaer Herbert Heidemann kommissarisch geleitet. Was hatte aber den Weggang von Herbert Kascha verursacht?

 

Der heute in Feldkirch, im österreichischen Vorarlberg, lebende Musiker erinnert sich noch lebhaft und gerne an seine künstlerische Arbeit in unserer Stadt. Er beklagte aber in einem Gespräch auch die damalige zunehmende politische Einflussnahme auf die Arbeit des Orchesters. Tatsächlich ist in den Archivunterlagen des Kreises Nordsachsen belegt, dass es schon 1953 unter anderem zu Überprüfungen zum gesellschaftlichen Auftreten des Orchesters kam und für das Jahr 1954 die Erstellung von "Kampfprogrammen" vom Rat des Kreises Oschatz gefordert wurde.

 

Finanzielle Probleme führten im August 1955 zu Überlegungen, das Kreis-Kulturorchester in ein staatliches Unterhaltungsorchester umzuwandeln und im Oktober des gleichen Jahres wurde geplant, das Orchester zu verkleinern. Aber auch Missgunst und Intrigen innerhalb des Orchesters haben das Arbeitsklima ständig gestört, so Herbert Kascha.

 

In einer Aussprache schon im November 1954 wurde dem Dirigenten unterstellt, er sei als Orchesterleiter überfordert, ihm fehle die praktische Erfahrung und er solle Instrumentallehre studieren. 1955 wurde ihm zudem gar angeraten, einen Kurs für Kapellmeister im September in Halle/Saale zu besuchen. Im Gegensatz zur Beliebtheit des Österreichers bei den Oschatzer Musikfreunden und den wohlmeinenden Rezensionen des Oschatzer Musikpädagogen Richard Rost, war offensichtlich eine andauernde Zusammenarbeit zwischen den lokalen "Musikfürsten" des Orchesters und dem weltmännischen Dirigenten nicht möglich und hat zur Auflösung des Arbeitsvertrages des Kapellmeisters geführt.

 

Herbert Kascha hat danach bis zu Beginn der 1970er Jahre in Berlin gelebt, erfolgreich Filmmusik produziert, für die Staatsoper gearbeitet und seine Frau Sieglinde kennen gelernt. Mit der aus Torgelow stammenden Medizinerin verließ er, nach eigenen Aussagen, wegen der politischen Entwicklung nach dem "Prager Frühling" 1968 die DDR und arbeitete fortan in Österreich und Lichtenstein. Mit seiner Frau und seinen zwei Kindern nahm er seinen Wohnsitz in Feldkirch. Schon im Ruhestand, leitete Herbert Kascha seit 1995 den Chor "Frohsinn Dornbirn" und zuletzt 2001/2002 den Kirchenchor Feldkirch-Giesingen.

 

Der heute 89-jährige Musiker nimmt noch geistig rege am öffentlichen Leben teil und strahlte trotz einer Parkinsonschen Krankheit, die ihn an den Rollstuhl fesselt und pflegebedürftig macht, eine beeindruckende Aufgeschlossenheit, Toleranz und menschliche Wärme aus.

 

Er blickt heute bedauernd, aber ohne Zorn auf seinen Weggang aus Oschatz zurück.

Dr. Manfred Schollmeyer

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