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Die Auswanderin

Die Auswanderin

"Was ich früher in einem Jahr erlebte, passiert mir heute an einem Tag", sagt Astrid Stoye. Möglich macht das ein mutiger Schritt, der die ehemalige Oschatzerin nach Asien geführt hat.

Oschatz/Sri Lanka.

 

Von Janett Petermann

 

 

 

Vor diesem Wendepunkt war Astrid Stoye den meisten Oschatzern als das Gesicht des Fernsehsenders OTR bekannt. "Ich war eine Einmann-Produktion - drehte, schnitt und moderierte alles selbst", beschreibt sie ihren damaligen Alltag. Heute ist sie davon weit entfernt - und das hängt nicht nur mit ihrem exotischen Wohnort zusammen.

Derzeit stattet die Auswanderin ihrer ehemaligen Heimat einen Besuch ab. "Ich habe einen Terminplan wie die Bundeskanzlerin", schmunzelt sie, "ich bin hier und rede und rede. Es kommt mir vor, als würde ich das hier den ganzen Tag tun." Im Gegensatz zu der gestressten Frau vor ihrem Abenteuer scheint sie nun vollkommen entspannt, zufrieden und begierig, die Menschen in Oschatz an ihrem neuen Leben teilhaben zu lassen. Ein wenig fröstelt sie natürlich bei dem herbstlichen Wetter in Sachsen. In ihrer neuen Heimat im Süden des Inselstaates Sri Lanka muss sie nur selten frieren, bei Durchschnittstemperaturen von fast 30 Grad Celsius ist das ja auch kein Wunder.

"Meine Entscheidung habe ich keinen Tag bereut", betont Astrid Stoye. Sie ist auch nach fast drei Jahren immer noch begeistert vom ehemaligen Ceylon. Es sind aber nicht nur die Fauna oder das Meer und das tropische Klima, was sie an diesem Land fasziniert. "Ich bin berufstätig, habe ein Haus am Meer und lebe in einer glücklichen Beziehung", fasst sie die Hauptgründe für ihre Zufriedenheit zusammen.

Astrid Stoye arbeitet in einer Tierarztpraxis für Hunde. Das Wissen für ihre Tätigkeit als Arzthelferin musste sie sich im Galopp aneignen. "Meine Aufgaben umfassen alles - bis auf das Operieren." Sie spritzt, gibt Narkosen und kümmert sich nach Operationen um die Tiere. Was sie da alles zu sehen bekommt, lässt die ehemalige Oschatzerin nicht kalt. In Sri Lanka sind streunende Hunde ein großes Problem. Durch Kastration versucht die deutsche Klinik, die Ausbreitung der Tiere einzudämmen.

Die Einheimischen haben oft ihre eigene Art, mit der Plage umzugehen - und die ist für europäische Verhältnisse ziemlich barbarisch. "Eine Frau versuchte, einen Hund aus ihrem Haus los zu werden und übergoss ihn mit kochendem Wasser. Als das nichts brachte, tränkte sie ihn in Spiritus und zündete ihn an", erinnert sie sich noch genau an das Tier, das geschunden und halbtot in die Praxis kam. Durch die schweren Verletzungen blieb dem Team nur noch die Option, den Hund von seinen Qualen zu erlösen.

Die Tierliebe von Astrid Stoye reicht bis in ihre eigenen vier Wände. Sie beherbergt neun Hunde auf ihrem Grundstück, alle Tiere sind ehemalige Patienten aus der Klinik. "Sie bieten mir besten Wachschutz, da ich ja allein lebe."

Eine Frau, die unabhängig lebt und arbeitet, ist in Sri Lanka nicht selbstverständlich. "80 Prozent aller Frauen sind zu Hause, und nur die Männer arbeiten. Frauen unterstehen ihren Männern und haben im Vergleich zu Europa kaum Rechte", beschreibt sie die fremde Kultur.

Dennoch hat sie sich gut eingelebt und denkt keineswegs an eine Rückkehr. Weder Monsun, noch Schlangen, Urwald oder die fremde Sprache schüchtern Astrid Stoye heute noch ein. "Als ich ankam, war es, als wäre ich in einem Mixer gelandet", schmunzelt sie. "Ich war früher ziemlich schüchtern", gibt sie zu. Was die Sprache angeht, ist sie hartnäckig. "Das Singalesisch spreche ich schon ganz gut. Was ich so nicht ausdrücken kann, das gleiche ich mit Englisch und Zeichensprache aus", so Stoye.

Es gibt aber auch in ihrem Alltag auf Sri Lanka Überraschungen, mit denen sie so nicht gerechnet hatte. "Ich wünschte, ich hätte mehr Freizeit", erzählt sie sehnsüchtig. Doch Arbeit und geografische Lage der Insel machen ihr oft einen Strich durch die Rechnung. "Wenn ich abends nach elf Stunden heim komme, ist es nach 18 Uhr. Und es wird halb Sieben mit einem Schlag stockfinster."

Das letzte Mal planschte sie im Oktober des vergangenen Jahres im Indischen Ozean. Durch die Kleiderordnung für Frauen geht sie aber nicht wie damals als Touristin im Bikini baden, sondern gut bedeckt mit Shirt und Rock. "Wenn man sich für ein Leben im Ausland entscheidet, muss man auch die dortigen Regeln respektieren", betont die Auswanderin. Für festliche Anlässe hat sie sich einen blauen Sari zugelegt, den sie auf Hochzeiten und an Feiertagen trägt. Das Wickelkleid kommt relativ oft zum Einsatz. "Die Singhalesen sind Weltmeister der Feiertage", erklärt Astrid Stoye. Neben weltlichen Feiertagen sind es besonders die monatlichen Vollmondfeste, die immer wieder ausgelassen gefeiert werden.

Trotz aller Anpassung kommt aber auch ab und zu in ihr die Europäerin durch. "Der Verkehr und die Mentalität der Einheimischen machen mich manchmal wahnsinnig." Wenn man in Sri Lanka ein Fahrzeug führt, dann sollte man einfach alles vergessen, was man bisher darüber gelernt hat. In der ehemaligen Kolonie der Briten wird traditionell links gefahren. Und es gibt weder feste Regeln, noch Kontrollen. "Am besten einfach fahren und schnell reagieren", rät Stoye. Sie selbst bewegt sich entweder mit ihrem Scooter oder dem Bus von A nach B. Unglaublich für uns seien die Preise für eine Busreise. "Eine Fahrt über die halbe Insel für 70 Cent in einem klimatisierten Minibus ist purer Luxus für mich auf Reisen", schwärmt sie.

Reisen steht auch nächste Woche wieder auf ihrem Plan, wenn sie in ihre Wahlheimat zurückkehrt. Insgesamt 24 Stunden wird es dauern, bis sie bei ihren Hunden auf Sri Lanka ist. Wann sie wieder in ihre alte Heimat kommt, ist noch ungewiss, denn die Flugpreise seien "astronomisch" hoch. Auf ihrer Facebook-Seite kann man sich trotzdem immer auf dem Laufenden halten über ihr spannendes Leben auf der anderen Seite der Erde.

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