Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Oschatz Die Kunst des schönen Schreibens in Oschatz
Region Oschatz Die Kunst des schönen Schreibens in Oschatz
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:32 19.03.2018
Selbstversuch Kristin Engel Kalligrafie Frank Niemann Oschatz Quelle: christian kunze
Anzeige
Oschatz

Klar, wenn ich Zeit habe und mich darauf konzentriere, habe ich eine ganz schöne Handschrift. Finde ich jedenfalls. Doch in der Hektik des Alltags und wenn ich in Windeseile so viele Informationen wie möglich notieren möchte, sieht das ganz anders aus. Manchmal erkenne ich selbst nicht mehr, was ich dort eigentlich geschrieben habe. Sich mit der Schönschrift zu befassen, sich Zeit und Ruhe zu nehmen, ist da natürlich das blanke Gegenteil.

Ich habe es gewagt und am Kalligrafie-Kurs von Frank Niemann teilgenommen. Seit Anfang März findet dieser dienstags meist 14-tägig in der Robert-Härtwig-Schule in Oschatz statt. So meldete auch ich mich an und ging zusammen mit zwölf weiteren Teilnehmern zum Kurs. Mitbringen brauchte ich nichts. Obwohl ich mich später an die tolle Schreibfeder mit Tinte erinnerte, die zur Dekoration bei mir Zuhause steht und langsam verstaubt. Naja, beim nächsten Mal dann. Denn auch wenn Frank Niemann für den Kurs alle Materialien zur Verfügung stellt, empfiehlt er den Teilnehmern, sich eigene Arbeitsmaterialien anzuschaffen, um auch daheim arbeiten zu können.

Strich für Strich

Ich hatte also nur meine eigenen Hände dabei. Ich bekam Feder, Tinte und ein kariertes Blatt, auf dem bereits ein paar Zeichen vorgedruckt waren. Es erinnerte mich ein wenig an die erste Klasse. War es da nicht auch unsere Aufgabe, die Buchstaben bestmöglich abzuzeichnen? Für mich eine gute Übung, da Zeichnen mir schon immer gut lag. Umso mehr ärgerte ich mich, als bereits der erste Strich nicht gelang. Ich hatte zu viel Tinte genommen und der Strich verschwamm zusehends auf dem Stück Papier. Diesen Fehler machte ich nur ein einziges Mal und tupfte von da an die Feder vor dem Benutzen immer leicht ab. Strich für Strich, Kringel für Kringel arbeitete ich mich über das Blatt. „Kalligrafie ist ein Sport für Langsame. Wer als letzter fertig ist, hat gewonnen“, so der Kalligraf. Irgendwann war ich fertig. Doch was sagt der Experte zu meiner Arbeit? Bevor er etwas sagen konnte, entschuldigte ich mich für meinen ersten verpatzten Strich und gestand, dass ich in der Zeile mit den Buchstaben „r“ und „e“ total den Buchstaben „e“ übersehen und somit nicht zu Papier gebracht hatte. „Einen Buchstaben zu vergessen ist ein Zeichen der fehlenden Konzentration.“ Und er hatte recht. Denn obwohl ich mir wirklich Mühe gegeben hatte, bin ich oft sehr zerstreut und mit meinen Gedanken überall gleichzeitig. Dass das bei der Kalligrafie fatal sein könnte, erklärte er anhand eines eigenen Beispiels.

Als Niemann einst einen Eintrag in das Ehrenbuch der Robert-Härtwig-Schule fertigen sollte, klingelte der Postbote bei ihm an der Tür, als er gerade die letzte Zeile schreiben wollte. Nachdem er die Post entgegen genommen hatte, setzte er sich wieder an die Arbeit, war durch die Pause jedoch aus seiner Konzentration gerissen wurden. So passierte der Fauxpas: Aus Förderverein wurde Fördervein. Auch seiner Frau fiel der Fehler in der letzten Zeile sofort ins Auge, was bedeutete: Nochmal ganz von vorn...

Frank Niemans Fazit zu meinem eigenes Werk war jedoch nicht schlecht. „Für den Anfang ist es völlig in Ordnung.“ Naja, dann steckt wohl leider doch kein Überflieger in mir.

Wir „Anfänger“ bekamen noch die leichten Aufgaben. Die Teilnehmer, die bereits länger dabei waren, beschäftigten sich mit der „Spitzfederkalligrafie“.

25 Jahre Kalligrafie

Viele der Teilnehmer sind bereits seit mehreren Jahren beim Kurs dabei. „Kalligrafie bietet die Möglichkeit, sich noch die nächsten zehn Jahre regelmäßig zu treffen.“ Frank Niemann selbst beschäftigt sich seit 25 Jahren mit der Kalligrafie und gibt seit zehn Jahren Kurse. Doch eigentlich begann die Begeisterung für die schöne Schrift bei dem heute 58-Jährigen bereits, als er das Schulheft eines Freundes sah, noch bevor er selbst in die Schule ging. „Ich war fasziniert, wie die Worte geschrieben standen, auch wenn ich sie noch nicht verstehen konnte. Schreiben war immer das Schönste in meiner Schulzeit. Ich habe die Texte so oft neu übertragen, bis kein einziger Fehler mehr darin stand. Das hatte auch den Vorteil, dass ich für Prüfungen nicht zu lernen brauchte. Durch das ordentliche Abschreiben prägte ich mir alles viel besser ein.“ Seitdem liebt er die Schrift. Über einige Umwege machte er schließlich sein Hobby zum Beruf. Während eines verregneten Urlaubstages nahm er ein Buch zum Thema Kalligrafie zur Hand. In diesem Augenblick fiel die Entscheidung.

Doch zurück zum Kurs. Für Anfänger empfiehlt Frank Niemann einen Kalligrafie-Füller, da man hier nicht die Feder immer wieder in die Tinte tauchen muss. Mit einem solchen Füller könne man sich ganz auf das Schreiben konzentrieren. Doch mit der Tintenregulierung kannte ich mich ja nun aus.

Für ein kleines Erfolgserlebnis sollte der Spruch „Porta patet cor magis“ also „Das Tor steht offen, das Herz noch mehr“ sorgen. Denn hier konnten wir ein wenig schummeln. Wir bekamen ein fast durchsichtiges Papier und konnten „abpausen“. Was trotz aller Einfachheit auch nur funktionieren konnte, da wir das Ein-Mal-Eins kurz zuvor üben konnten.

Es wird zur Gewohnheit

Die richtige Handhaltung und Strichführung waren auch hier sehr wichtig. Ich merkte, wie sich langsam meine Hand verkrampfte und meine Fingerspitzen schmerzten. „Es ist am Anfang etwas gewöhnungsbedürftig, aber mit genügend Übung wird es besser. Man kann es mit dem Autofahren vergleichen. Am Anfang fällt einem das Schalten noch schwer, doch irgendwann wird es zur Gewohnheit.“ Das demonstrierte Frank Niemann mit einigen Schnirkeln an der Tafel. Dann reichte er mir die Kreide. Als ich erst versuchte, diese nachzuzeichnen, hatte ich nicht sofort den Dreh raus und verzeichnete mich. Doch sobald ich wusste, wie ich die Kreide zu drehen hatte, ging es mir ganz leicht von der Hand. Das machte mir Hoffnung, dass vielleicht auch ich die Kalligrafie einmal beherrschen könnte. Eine neue Übung mit neuen Zeichen folgte. Auch hier fing ich natürlich an, ohne mir das vorgedruckte Blatt bis zum Ende durchzulesen und merkte somit erst nach der dritten Übung, dass ich die Zeichen jeweils bis zum Ende der Zeile ausfüllen sollte.

So schließt sich der Kreis. Und die beiden Stunden verflogen wie nichts. Es waren schöne Stunden, in denen ich meine eigene Ruhe und noch viel wichtiger – meine eigenen Konzentration – finden konnte. Innere Ruhe – in der hektischen Zeit mit vielen Verpflichtungen wirklich mal eine gute Idee.

Der nächste Kurs startet am 27. März um 18 Uhr in der Robert-Härtwig-Schule in Oschatz. Neueinsteiger sind immer willkommen. Für die Kursteilnehmer, die schon länger dabei sind, starten dann die Übungen mit dem doppelten Bleistift.

Von Kristin Engel

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Ab dem 17. März dürfen die Wälder in Nordsachsen wieder betreten werden. Das Landratsamt hat das Verbot aufgehoben.

16.03.2018

Dort, wo heute in der Nähe des alten Sportplatzes noch eine Scheune steht, sollen nach den Vorstellungen von Ralph Schröter aus dem Oschatzer Stadtteil Zschöllau einmal Senioren in einer Wohngemeinschaft leben können. Allerdings soll die alte Bausubstanz nicht saniert werden.

19.03.2018

Die Gemeinde Cavertitz will ihre Wege in den Treptitzer Waldflächen abgeben. Geplant ist, diese an die Teilnehmergemeinschaft des laufenden Flurneuordnungsverfahrens zu übertragen.

16.03.2018
Anzeige