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Ein Blütenmeer wie in Holland: die Tulpenfelder von Beicha

Dorfhistorie Ein Blütenmeer wie in Holland: die Tulpenfelder von Beicha

Der April ist der Monat Tulpe: Dann streckt sie ihre Blütenkelche dem Licht entgegen, erfreut das Auge in sattem Gelb, Rosa und Rot. Was kaum jemand weiß: In den 40er Jahren blühten hunderte dieser Blumen in dem kleinen Ort Beicha bei Döbeln. Ein Farbenmeer, das man in dieser Größe heute nur noch in den Niederlanden findet.

In den 40er Jahren blühten in Beicha hunderte Tulpen.

Quelle: Sven Bartsch

Beicha. Wer heute nach Beicha fährt, entdeckt keine Spur mehr von den einstigen Tulpenfeldern. Was bleibt, sind wenige Schwarz-Weiß-Aufnahmen – und Erinnerungen. Zum Beispiel die des Ortschronisten Reiner Geßner, der sich mit der Geschichte des Dorfes bestens auskennt. „Die Tulpen von Beicha sind verbunden mit einem Mann namens Karl Gürtler“, sagt der 68-Jährige. 1908 geboren, bewirtschaftete Gürtler in Beicha einen großen Gutshof mit 100 Hektar Land. Zunächst baute er Getreide und Gemüse an, errichtete in den 30er Jahren drei große Gewächshäuser mit je 1500 Quadratmetern Fläche. „Schon das war eine Sensation“, sagt Geßner.

Ortschronist Reiner Geßner kennt die Geschichte der Beicher Tulpenfelder

Ortschronist Reiner Geßner kennt die Geschichte der Beicher Tulpenfelder.

Quelle: Sven Bartsch

Schon bald sollte eine weitere Besonderheit für die Lommatzscher Region hinzukommen. Der holländische Gärtner Jacobus van Egmond war 1939 auf Arbeitssuche. Karl Gürtler holte ihn nach Beicha – und mit ihm kamen die Tulpen. Im Herbst 1939 bepflanzte er probeweise eine größere Fläche. Der Vater von Karl Gürtler war zunächst enttäuscht und soll gesagt haben: „Für so ein Zeug wird guter Boden vergeudet“, gibt Reiner Geßner die Anekdote wider. „Doch als im Frühling die Tulpen rauskamen, war er ganz perplex und meinte: ‘Die Holländer sind Zauberer‘.“

Lange Reihen voller Tulpen

Daraufhin wurde die Blume im großen Stil angebaut – auf einer Fläche von vier Hektar, in allen Farben. „Ich habe es selber noch gesehen und war immer so begeistert davon“, erinnert sich Geßner. „So was kann man nicht vergessen.“

 

Eine, die sich an die einstige Blütenpracht ebenfalls noch gut erinnert, ist Helene Funke. Die 94-jährige Beichaerin arbeitete als junges Mädchen als Köchin auf dem Gut von Karl Gürtler. Wenn man sie heute fragt, wie sie das Blumenmeer als 20-Jährige erlebt hat, sagt sie nur ein Wort: „wunderschön.“

Helene Funke erinnert sich noch gut an die Beichaer Tulpenfelder

Helene Funke erinnert sich noch gut an die Beichaer Tulpenfelder.

Quelle: Sven Bartsch

Doch die Zucht der Blumen bedeutete auch harte Arbeit. Eine Hand voll Frauen kümmerte sich um das große Tulpenfeld, erinnert sich Funke. „Es gab eine richtige Tulpenbrigade.“ Im Frühjahr wurden die Zwiebeln gesteckt, im Herbst aus dem Boden gezogen. Alles in Handarbeit. „Die Frauen arbeiteten knieend auf den Feldern“, beschreibt die ehemalige Köchin die anstrengende Tätigkeit. Im Winter wuchsen die Pflanzen in einem Gewächshaus. „Mein Mann musste dann jeden Abend dorthin, um zu heizen.“ Geschnitten wurden die Tulpen ebenfalls von Hand, eine Maschine sortierte sie nach der Größe, dann wurden sie verpackt und an die umliegenden Blumenläden verkauft, viele gingen nach Leipzig und Chemnitz. Im Frühling lockte das Farbspektakel hunderte Schaulustige nach Beicha. „Es war eine Völkerwanderung“, erinnert sich Reiner Geßner.

Mühsame Tätigkeit

Mühsame Tätigkeit: Die Frauen arbeiteten damals knieend auf den Tulpenfeldern.

Quelle: privat

Doch kurz nach dem Zweiten Weltkrieg war das Schicksal der Beicher Tulpen besiegelt. 1947 musste Karl Gürtler das Gut aufgeben. „Am 13. Juni 1947 kam um zehn Uhr morgens eine Abordnung auf den Hof, die verkündete, dass Gürtler mit sofortiger Wirkung enteignet sei“, berichtet Geßner. „Er hatte nur 24 Stunden Zeit, den Hof zu verlassen, und zwar nur mit dem, was er tragen konnte: ein Handwagen mit dem Nötigsten und zwei Kindern.“ Helene Funke erinnert sich noch gut an diesen Tag. „Es war schlimm“, sagt sie. „Herrn Gürtler standen die Tränen in den Augen.“

Der Gutsherr Karl Gürtler (mit Hut)  inmitten seiner Arbeiter

Der Gutsherr Karl Gürtler (mit Hut) inmitten seiner Arbeiter.

Quelle: privat

Der ehemalige Gutsbesitzer wanderte in die USA aus, seine Tulpen blühten 1955 zum letzten Mal. Zu DDR-Zeiten wurde die Produktion von Nahrungsmitteln als wichtiger angesehen, die Zucht an den Gartenbau nach Erfurt abgegeben. Helene Funke und ihr Mann verließen das Gut, er arbeitete künftig in einem Getreidelager, sie kümmerte sich um die beiden Töchter, die bald darauf geboren wurden.

Kontakt zu den Kindern von Karl Gürtler

Reiner Geßner ließ diese Episode in der Geschichte seines Dorfes über die Jahre nie ganz los. Er suchte und fand schließlich den Kontakt zur Familie Gürtler, die inzwischen in Dänemark und den USA lebte. 2008, zum 100. Geburtstag von Karl Gürtler, schickte Geßner eine Karte die einige Bewohner aus Beicha unterschrieben hatten. Gürtlers Tochter berichtete ihm später, dass ihre Eltern vor Freude geweint hätten. Ein Jahr später starb der einstige Tulpengärtner. Nach dem Tod ihres Vaters besuchte seine Tochter Elke, die 1944 in Beicha geboren wurde, 2013 mit ihrem Bruder ihre alte Heimat. „Das war sehr bewegend“, sagt Geßner.

Das ehemalige Gut von Beicha verfällt immer mehr

Das ehemalige Gut von Beicha verfällt immer mehr.

Quelle: Sven Bartsch

Der alte Gutshof ist heute eine Ruine und verfällt zunehmend. Die Scheune ist inzwischen ganz eingefallen, der Putz bröckelt von der Fassade des Hauptgebäudes. Eine Sanierung ist nicht in Sicht. Und so erinnert heute nichts mehr an das einstige Blütenmeer von Beicha.

Von Gina Apitz

Beicha 51.1558537 13.2324204
Beicha
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