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Oschatz "Es war furchtbar"
Region Oschatz "Es war furchtbar"
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16:01 15.11.2013

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Auch noch 75 Jahre später kommen bei der Oschatzerin die Erinnerungen an diese schreckliche Nacht wieder hoch. Im Zusammenhang mit der brennenden Semper-Synagoge in Dresden wäre ihr Vater Alfred Buchert fast im Konzentrationslager gelandet.

Seit fast 60 Jahren wohnt Margot Pietzsch in Oschatz, doch im Herzen ist sie ihrer Geburtsstadt Dresden treu geblieben. Und das, obwohl sie zwei schockierende Erlebnisse mit ihrer Jugend in der Elbestadt verbindet.

"So hatte ich meinen Vater bis dahin noch nie gesehen. Er war so aufgeregt, es war furchtbar", denkt die Rentnerin an den 10. November 1938 zurück. Ihr Vater, der Wachmann Alfred Buchert, war am Tag nach dem 9. November von seiner Nachtschicht nach Hause gekommen. Im Auftrag der Dresdener Wach- und Schließgesellschaft musste er Betriebe und Geschäfte kontrollieren. Mit einer Karbid-Lampe vor dem Bauch und einem riesigen Schlüsselbund drehte der damals 48-Jährige seine Runde über und rings um den Altmarkt.

"Vor dem großen Textilgeschäft Goldmann am Altmarkt, das seine Vitrinen mit Scherengittern gesichert hatte, wurde mein Vater von SA-Männern angesprochen. Er sollte die Schlüssel für die Gitter herausgeben, weigerte sich aber. Erst als die Männer ihm drohten, er würde in ein Konzentrationslager kommen, gab er ihnen die Schlüssel", sagt die 90-Jährige. Als ihr Vater danach seine übliche Runde weiter bis zur Semper-Synagoge drehte, wunderte er sich über Fässer voll Benzin, die hier standen. Bei seiner nächsten Runde wunderte sich Alfred Buchert nicht mehr: Die Synagoge brannte lichterloh, angefeuert von Benzin aus den mysteriösen Fässern.

Die Angst, dass die SA-Leute ihre Drohung wahr machen und ihn in ein Konzentrationslager (KZ) bringen könnten, steckte Alfred Buchert nun in den Knochen. Doch der Betriebsleiter der Wach- und Schließgesellschaft, ein gewisser Herr Zechel, stellte sich vor seinen Wachmann. "Herr Zechel beruhigte meinen Vater, dass er mit seiner Weigerung, den Schlüssel herauszugeben, nur seine Pflicht getan habe und nicht ins KZ müsse", weiß Margot Pietzsch.

Viereinhalb Jahre nach diesen aufwühlenden Ereignissen musste die nunmehr 22-Jährige erneut eine furchtbare Nacht durchleben. Das verheerende Bombardement von Dresden in der Nacht vom 13. zum 14. Februar 1945 verbrachte Margot Pietzsch im Luftschutzkeller ihres Wohnhauses in der Nähe des Großen Gartens. Nach dieser Nacht stand von dem Haus nur noch eine Fassade. Als die auch noch umkippte, begruben die Steine eine dreiköpfige Familie unter sich.

Margot und ihre Eltern Alfred und Frieda hatten Glück im Unglück. Sie hatten zwar über Nacht ihr Zuhause verloren, doch überlebt. In Nossen fingen sie noch einmal ganz von vorne an. 1954 verschlug es Margot Pietzsch schließlich nach Oschatz, wo sie bis 1983 in der Marien-Apotheke arbeitete.

Trotz des großen zeitlichen Abstandes kann und will Margot Pietzsch ihre Jugendzeit in Dresden nicht vergessen. In ihrem Wohnzimmer hängt eine Stadtansicht der Elbestadt. Dieser idyllische Anblick weckt bei der betagten Dame zweimal im Jahr furchtbare Erinnerungen - am 13. Februar und am 9. November. F. Hörügel

Frank Hörügel

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