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Fabrikbesitzer mit sozialem Engagement

Fabrikbesitzer mit sozialem Engagement

Es ist erfreulich, dass die Oschatzer Filzfabrik nicht der Abrissbirne zum Opfer fiel. Das ist zum einen der Nachfolge in der Wendezeit mit mutigen Betreibern zu verdanken, und nun den hoffnungsvollen jungen Oschatzer Geschäftsleuten Pfennig und Hönisch, die das große Gelände mit umfangreicher Bebauung erwarben.

Die Vermarktung ist in vollem Gang mit Auslastung und Nutzung der Gebäude - ob mit finanziellen dauerhaften Erfolg, wird sich zeigen.

 

Der Zeitungsartikel vom 13. Februar weckte in mir Erinnerungen an vergangene Zeiten, als die Fabrik in ihrer ureigensten Aufgabe der Gründerzeit vor dem Ersten Weltkrieg mit der Filzfertigung voll in Betrieb war.

 

Mein Vater war als angestellter Fabrikmaurer in der Filzfabrik von Ambrosius Marthaus tätig. Diese wurde noch vor dem Ersten Weltkrieg mit großem Umfang aufgebaut, nachdem Marthaus schon 1877 die Spinnerei am Südbahnhof (Spinnereiberg) übernommen und beträchtlich erweitert hatte (jetzt Elektrobau).

 

Die Familie Marthaus war seit etwa 1700 in Oschatz tätig, hatte anfangs ein Hutmachergeschäft, später entstanden mit der beginnenden Industrialisierung im 19. Jahrhundert Fabriken zur Herstellung von Garnen, Tuchen und Filzen in der Hospitalstraße, dann in der Breiten Straße. Ambrosius Marthaus war ein tatkräftiger Unternehmer, der weitere Industrie in unserer Stadt ansiedelte. Damit entstanden Arbeitsplätze und Einnahmen auch für die Stadt.

 

Er baute für sich und seine Familie 1889 eine große Villa in der damaligen Bismarckstraße (heute Rudolf-Breitscheid-Straße). Gegenüber entstand 1909 die Villa des Besitzers der Wollwarenfabrik Ernst Franke, später Kinderbekleidung Franke (EKO), jetzt evangelischer Kindergarten. Ein Bruder von Marthaus besaß eine Villa an der Dresdener Straße/Ecke Riesaer Straße, eine Schwester war Masseurin und wohnte im Haus des Drechslermeisters Kühne in der Bismarckstraße.Otto, ein weiterer Bruder, wohnte in Berlin und verwaltete die Villa von Ambrosius in Oschatz. Ein anderer Mart- haus war Direktor der Wurzener Bankfiliale in Oschatz, an der Promenade.

 

Mein Vater bekam die Stelle als Hausmeister in der Marthaus-Villa in Nebenbeschäftigung angeboten, und wir zogen 1937 in die Souterrain-Wohnung ein. Mit meinen damals fünf Jahren hatte ich noch keinen in die Zimmerwand eingelassenen Schrank gesehen. Da noch nicht alle Möbel in der neuen Wohnung da waren, dachte ich, ich müsse oder wollte in diesem Wandschrank schlafen.

 

In dem Haus mit zwei komfortablen Obergeschossen gab es eine Zentral-Dampfheizung, die mein Vater bedienen musste. Da er tagsüber in der Filze arbeiten war, hat meine Mutter den Kessel befeuert, und ich wurde zum Koksschippen herangezogen. Meine Mutter war mit Heimarbeit für die Firma Franke Am Steinweg beschäftigt und häkelte viele kleine Jäckchen und anderes. Zu den Aufgaben meiner Eltern gehörte auch die Instandhaltung des Hofes und des großen Gartens, der sich nach Süden bis zum Stadtbad und bis zu den Feldern Rosen-Schneiders erstreckte. Ich hatte, da es abschüssiges Gelände war, sogar meine eigene Rodelbahn, die wir - meine Freunde, wie der Sohn des Schuhmachermeisters Gäbel aus der Seminarstraße und der Sohn des Lehrers Schönitz aus der Bismarckstraße und ich - im Winter zu unserer Freude benutzten. Die Äpfel von der großen Obstwiese schickten wir in großen Kisten noch in den Kriegsjahren nach Berlin zu Otto Marthaus.

 

Zurück zur Filzfabrik: Ich glaube, mein Vater war gern bei dieser Arbeit, und er war angesehen bei seinen Kollegen. Große Freude hatte er bei einem Betriebsurlaub in den Alpen, wo meine Mutter aufgrund der Verpflichtungen im Grundstück nicht mit konnte. Auch mein Großvater Gustav Böhme arbeitete als Walkmeister in der Filzfabrik. Ich erinnere mich noch an den Dampf und den beißend feuchten Geruch in der Walkerei. Manchmal brachte ich meinem Vater das Mittagessen in die Fabrik. Bei schönem Wetter saßen er und seine Kollegen im Hof, wo ich ihm nach Passieren des Pförtnerhäuschens das Essgeschirr übergab. Als ich sieben Jahre alt war, wurde er zur Wehrmacht eingezogen und musste nach dem Ersten Weltkrieg des zweite Mal in den Krieg, aus dem er nicht wieder nach Hause kommen sollte. Mitte April 1945 tötete ihn ein Bombensplitter in der Tschecheslowakei.

 

Im Gelände der Filzfabrik befanden sich ein sogenanntes Schweizerhaus, im Alpenstil aus Holz gebaut und ein Freibad. Beide stand der Belegschaft zur Verfügung. Für uns Kinder fanden dort Weihnachtsfeiern statt und im Sommer konnten wir im Wasser planschen. Ich habe den Eindruck, dass damals der Fabrikbesitzer auch soziales Engagement zeigte und er einiges für seine Arbeiter und deren Familien tat. Mein Großvater hat 1939 für 40-jährige treue Betriebszugehörigkeit eine Urkunde von der Filzfabrik erhalten.

Gerhard Ludwig

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