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Oschatz Gabriele Teumer aus Oschatz erforscht mit Ausdauer ihre Heimat
Region Oschatz Gabriele Teumer aus Oschatz erforscht mit Ausdauer ihre Heimat
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06:04 18.04.2018
Heimatforscherin Gabriele Teumer auf Erkundungstour. Quelle: privat
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Oschatz

Unzählige Bücher befinden sich im Arbeitszimmer von Gabriele Teumer. Sie haben meist alte Einbände. Die Schrift zeugt von alten Zeiten. Die Bücher tragen Titel wie „Luthers Käthe“ oder bezeichnend „Die Ahnen“. Einige familieneigene Poesiealben blinzeln ebenso hervor. Handgezeichnet und mit einer Schrift, die heute kaum noch einer fließend lesen kann. Es sind Erinnerungen, die die Oschatzerin hier bewahrt und die ihr auch bei ihrer größten Leidenschaft oft weitergeholfen haben.

Denn die 61-Jährige betreibt schon seit 35 Jahren intensiv Ahnenforschung. Hier wirft sie nicht nur einen Blick auf ihre eigenen, sondern auch auf die Vorfahren ihres Mannes. Sie will all das, was sie über ihre Ahnen in all den Jahren herausgefunden hat, einmal ihren heute erst ein und drei Jahre alten Enkelkindern überreichen. Die Suche führte sie bereits zwölf Generationen bis in das Jahr 1648 zurück. Für Gabriele Teumer noch nicht weit genug. Doch in der Zeit des 30-jährigen Krieges angekommen, endet die Spur. „Hier wurden viele Aufzeichnungen vernichtet oder sind einfach verloren gegangen“, erklärt sie.

Aufgeben kommt nicht in Frage, so Heimatforscherin Gabriele Teumer. Quelle: Kristin Engel

Doch aufgeben kommt nicht infrage. „Es gibt schon mal eine Zeit, in der man mit der Forschung gar nicht weiterkommt. Doch dann findet man irgendwie wieder einen Anhaltspunkt, der einen wieder antreibt und so kommt man mit kleinen Schritten immer weiter voran.“ Dafür sei das Internet unerlässlich. „Ich hatte auch noch das Glück, die Großeltern beider Seiten befragen zu können. Das hat vieles erleichtert.“ Bei all der Suche unterstützt sie auch ihr Mann Mario Teumer. Gemeinsam werden sogar die Orte in Polen oder Frankreich, wo früher die Vorfahren mal wohnten, oder Nachfahren in Neuseeland besucht. „Ich bin eine geborene Klitscher.“

Ein Vorfahre aus dieser Familie ist Mitte des 19. Jahrhunderts aus wirtschaftlicher Not von Schlesien über Australien nach Neuseeland ausgewandert. Zu seinen Nachfahren haben wir nun wieder persönliche Beziehungen. Vorfahren meines Mannes kamen nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1871 aus Ostpreußen nach Elsass-Lothringen. Sie haben die erste Strecke der neugegründeten Deutschen Reichsbahn mitgebaut. Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg mussten die Großeltern meines Mannes wieder zurück nach Deutschland und landeten schließlich hier in Oschatz.“ Gabriele Teumer könnte noch viele solcher Familiengeschichten erzählen, in denen sich auch immer die deutsche Geschichte widerspiegelt.

Doch wer nun glaubt, das wäre das einzige Hobby, in das die 61-Jährige viel Zeit und Energie investiert hat, der irrt. Ausländische Bürger wandten sich vor einigen Jahren an sie mit der Frage, was aus dem Kriegsgefangenenlager in Oschatz geworden sei und was man über das Lager noch weiß. Denn sie waren die Nachkommen von ehemaligen Gefangenen. „Viele Oschatzer wussten gar nicht, dass es hier überhaupt Kriegsgefangene gegeben hat. Ich war damals, im Jahr 1990, ein Gründungsmitglied des Heimatvereins. Dieser hatte sich aus Mitgliedern und Interessierten des Kulturbundes entwickelt.

Der Kulturbund hatte sich bereits 1946 in Deutschland gegründet. Somit war ich im Kreis Oschatz als Nachfolgerin von Ursula Franke für diesen zuständig.“ Seit der zweiten Legislaturperiode arbeitete sie im Vorstand, der ab 1992 unter der Leitung von Gerhard Heinze stand. Sie selbst war von September 2001 bis Dezember 2012 Vorsitzende des Vereins. Ihr wurde bereits der Heimatpreis in der Kategorie Geschichte überreicht. Ihr Mann Mario Teumer erhielt selbigen in der Kategorie Natur. Doch zurück zu den Kriegsgefangenen. Denn Mitte der 90er Jahre kam die erwähnte Anfrage. „Das machte mich natürlich neugierig. Mein Mann und ich hatten unsere Mütter befragt, sie wussten von Kriegsgefangenen in Oschatz. So fing ich an, mich damit näher zu befassen.“

Gedenkfeier in Zaasch im April 2015 zu Ehren der Besatzung eines abgestürzten australischen Flugzeuges. Der einzige Überlebende war Kriegsgefangener in Oschatz. Quelle: privat

Das Ergebnis dieser Recherchen kann seit 2005 in einer Dauerausstellung in den Räumlichkeiten des Oschatzer Rathauses besichtigt werden. „Es kommen viele Leute aus verschiedenen Ländern, die sich heute dafür interessieren. Man glaubt, dass die Kriegsgefangenen sterben und dann sind sie weg und mit ihnen die Fragen. Doch sie hinterlassen Tagebücher, Fotos, Gegenstände, die Familienangehörige finden. Diese kommen jetzt und wollen wissen, wie es hier ihren Vätern und Großvätern erging. Ich bekomme noch immer regelmäßig Anfragen. Die Besucher kommen aus Großbritannien, den Niederlanden, den USA, Belgien, Frankreich, Australien oder Neuseeland.“ Dies zeigt das Gästebuch, in das sich die Besucher eintragen können. „Leider habe ich dieses erst sehr spät ausgelegt. Ich bin der Stadt Oschatz sehr dankbar, dass wir hier Räumlichkeiten nutzen können. Man kann sich auch mit den Interessierten in Ruhe hinsetzen und ihnen das berichten, was wir in Erfahrung bringen konnten.“

Bis Februar 1941 wurden mehr als 18 000 junge französische Kriegsgefangene registriert. „Doch es gab noch mehr! Denn die meisten blieben nicht in der Stadt, sondern wurden auf Fabriken, Bauernhöfe, Handwerksbetriebe aufgeteilt“, berichtet sie. Gabriele Teumer verrät, dass es zum Beispiel zwischen den französischen Gefangenen und den Deutschen oft streng verbotene Liebschaften gab, aus denen auch Kinder entstanden. „Diese Frauen wurden durch die Gestapo verfolgt, kahl geschoren und an den Oschatzer Pranger gestellt.“

Gabriele Teumer kann den Suchenden viele, aber nicht alle Antworten geben. Aber auch sie profitiert von den Geschichten, Erlebnissen, die die Angehörigen ihr berichten. Sie vermittelt Familienangehörige untereinander, die Ähnliches erlebt haben. „So entstehen auch unter Betroffenen oft Freundschaften. Denn Kriegsgefangene, egal welchen Landes, durften nicht über das Erlebte reden. Wenn dann Erfahrungen ausgetauscht werden, ist es immer sehr emotional. Sehr angetan sind die Besucher auch von unserem schönen Oschatz – und einige waren daraufhin schon mehrmals da.“

Heiße Höschen: Die Oschatzerin eröffnet auch mal ein Unterwäschegeschäft. Quelle: privat

Heute ist die Oschatzerin noch immer viel unterwegs. Denn sie schult Verkäuferinnen in ganz Deutschland und Österreich als Lingerie-Dozentin. Hier bietet sie Seminare und Workshops für Mitarbeiter im Bereich des Wäsche- und Dessous-Einzelhandels, um der Endverbraucherin eine optimale Passformberatung zukommen zu lassen. „Wohl kaum ein weibliches Kleidungsstück beflügelt die Fantasie mehr als das, was auf den ersten Blick gar nicht zu sehen ist – das Dessous“, zitiert Gabriele Teumer in ihrem Portfolio Anne Zazzo vom Modemuseum Paris. „Es gibt über 80 verschiedene BH-Größen. Das wissen die meisten Frauen nicht.“

Während ihrer Selbstständigkeit von 1990 bis 2014 eröffnete sie zwei Wäschegeschäfte. „Für alle Leute in der DDR brach eine neue Zeit an. Sie wollten etwas anderes ausprobieren. Bei mir war die Liebe zur schönen Wäsche schon immer da.“ Fast 25 Jahre führte sie die zwei Wäschegeschäfte. 2014 hat sie ihre Einzelhandelsunternehmen in jüngere Hände gegeben. Durch die Tätigkeit als Dozentin ist sie viel unterwegs, lernt so ganz Deutschland kennen. Sie genießt großartige Landschaften, lernt liebe Menschen kennen und kann ihre Erfahrungen anderen Kolleginnen der Wäsche-Branche weitergeben.

Gern lässt sich Gabriele Teumer von ihrer Arbeit und ihren Hobbys fesseln. Doch wenn sie mal wieder in ihrer Arbeit, der Suche nach einer neuen Spur ihrer Ahnen oder den Geschichten der Kriegsgefangenen versunken ist, lockt sie ihr Mann zum Glück ab und an vom Computer weg, um auch mal die Sonne zu genießen. Dann gehen beide in die Natur. Hier können sie gemeinsam abschalten und genießen einfach nur die Zeit zu zweit.

Von Kristin Engel

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