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Genossenschaften sind in der Collm-Region eine Seltenheit

Wirtschaft Genossenschaften sind in der Collm-Region eine Seltenheit

In der Collm-Region belegen Genossenschaften genau drei Wirtschaftszweige: das der Baustoffhandel und Gartenmarkt, die Wohnungswirtschaft und die Landwirtschaft. Neue Genossenschaften sind in der Region kaum zu finden. Dabei ist das Gesellschaftmodell nicht von der Hand zu weisen  – investieren statt Geld abschöpfen.

In der Landwirtschaft ist das Genossenschaftsmodell noch am geläufigsten.

Quelle: Christine Jacob

Collm-Region. Im Zeitalter von Konzernen und Globalisierung scheint die Genossenschaft ein aussterbendes Unternehmensmodell zu sein. Vor einigen Jahren versuchte eine Hand voll junger Leute in Oschatz die Gastronomie am E-Werk genossenschaftlich zu organisieren. Der Versuch misslang. Trotzdem beweisen einige alte „Hasen“ unter den Genossenschaften in der Collm-Region, dass das Modell „Genossenschaft“ funktioniert.

„Was einer allein nicht schafft, das schaffen viele“, war einst die Überzeugung von Friedrich Wilhelm Raiffeisen, dem Gründer einer der ersten deutschen Genossenschaften. „Das trifft auch heute noch den Geist der Zeit“, erklärt Horst Franke, Vorstandsvorsitzender der Raiffeisenhandelsgenossenschaft (RHG) Leisnig-Oschatz. Die RHG geht auf die bereits 1901 gegründete Bezugs- und Absatzgenossenschaft Mügeln zurück – besteht also schon 116 Jahre. „Diese Gründung war notwendig, um den Einkauf von Rohstoffen zu bündeln und damit den besten Preis zu erzielen.“ Auch die Errichtung von Speichern für Getreide und Dünger wurde gemeinschaftlich in Angriff genommen. Heute sind die Garten- und Baustoffmärkte der RHG beliebte Anlaufpunkte für Gewerbe- und Privatkunden. Einige davon sind ebenso Mitglieder der Genossenschaft wie ein Teil der Mitarbeiter. „Da die Gewinne wieder in die Genossenschaft investiert werden, sind unsere Einrichtungen immer stabiler, moderner und wettbewerbsfähiger geworden“, so Franke.

Mehr als eine halbe Millionen Sachsen leben derzeit in einer Wohnung, die im Besitz einer der 240 Wohnungsgenossenschaften (WG) im Freistaat ist. Dazu gehört auch die WG Oschatz/Mügeln. Deren Vorstandsvorsitzender Sven Petzold erklärt die Vorteile dieser Rechtsform im Wohnungsmarkt wie folgt: „Die Mieten sind kostendeckend kalkuliert, da Genossenschaften keine gewinnorientierten Unternehmen sind. Erwirtschaftete Überschüsse werden zum Wohle aller Mitglieder wieder in die Genossenschaft investiert.“ Als Mieter ist man zugleich Mitglied, durch den Erwerb von Anteilen erlangt man einen Miteigentümer-ähnlichen Status. Die ethischen Grundsätze der Genossenschaft sehen eine besondere Verantwortung gegenüber Älteren und Menschen mit Behinderungen vor: Individuelle Wohnraumanpassungen sollen barrierefreies Wohnen ermöglichen.

Im landwirtschaftlichen Sektor produzieren die Agrargenossenschaften Laas, Naundorf-Niedergoseln und Altoschatz-Merkwitz als eingetragene Genossenschaften. Die landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften der DDR mussten sich nach der Wende einer Neugründung unterziehen – so entschieden sich die damaligen Mitglieder für die Rechtsform der Genossenschaft. Doch wie bei jeder Unternehmensform gebe es auch bei der Genossenschaft Vor- und Nachteile. „,Wir’ wird bei uns großgeschrieben“, lautet beispielsweise das Credo auf der Website der Genossenschaft Altoschatz-Merkwitz: Gemeinsames wirtschaften ist effizienter. Ein Zusammenschluss ist in dieser Branche beinahe eine Notwendigkeit: Globalisierung, staatliche Auflagen und die Wünsche der Verbraucher stellen die Branche vor immer größere Herausforderungen. Regionale, frische und zugleich billige Ware anzubieten, falle immer schwerer. Umweltschonend sowie nachhaltig zu produzieren und dabei trotzdem betriebswirtschaftlich zu bestehen – keine einfache Aufgabe. Die Kräfte in Form einer Genossenschaft zu bündeln, ist da eine Option.

Mit ihren sozial-ethischen Prinzipien – das hat auch die Unesco anerkannt – stellt die Genossenschaft in Zeiten wachsender Monopolisierung eine Alternative mit Zukunft dar. Horst Franke von der RHG ist der Überzeugung: „Durch den Kerngedanken eines demokratischen, selbst bestimmenden Miteinanders gepaart mit Fairness und regionaler Verwurzelung gehört die Zukunft den Genossenschaften.“ Mehr als 150 Jahre nach Gründung der ersten Vereinigungen dieser Art ist die „Idee und Praxis der Organisation von gemeinsamen Interessen in Genossenschaften“ Ende 2016 von der Unesco in die repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschen aufgenommen worden – als erste deutsche Nominierung für diese Liste. „Die Aufnahme soll zu einer größeren Sichtbarkeit und einem wachsenden Bewusstsein für ihre weltweite Bedeutung beitragen“, sagt Axel Gedaschko, Präsident des Bundesverbandes deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen.

Von Christian Neffe

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