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Gerberei und Schlosserei am Oschatzer Brühl

Gerberei und Schlosserei am Oschatzer Brühl

Der Brühl 1 ist ein Haus mit Handwerkstradition. Städtische Unterlagen besagen, dass dieses Grundstück bereits 1692 bebaut war.

Oschatz.

 

Von Lutz Ulbrich

 

 

 

Schlossermeister Heinrich Barth kaufte 1890 das Anwesen. Von 1894 bis 1901 entstanden die Schlossereigebäude auf dem Hof, die heute noch bestehen. In diese Zeit fiel auch der Verlegung des Hauseinganges von der heutigen Breiten Straße auf den Brühl.

Hermann Forker erwarb 1919 dieses Haus. Zweck war, seiner Tochter Marie und dem angehenden Schwiegersohn Arthur Richter eine gute Ausgangsposition für den Start ins Berufsleben zu geben. Der Chemnitzer Arthur Richter diente von 1917 bis 1919 im Pferdelazarett der Oschatzer Ulanen in der Dresdener Straße (heute Penny). Kennen gelernt hatten sich beide in der Rossschlächterei und Schankwirtschaft Hermann Forkers in der Badergasse 14, wo Marie arbeitete. Wenn es der Dienstplan zuließ, kamen viele Ulanen zur Mittagszeit vorbei.

Sohn Karl-Heinz kam 1923 zur Welt, 1928 wurde Tochter Annemarie geboren. Doch Nachbarin Kühne ließ ihre Gegenüber nicht immer in Frieden leben. Wenn beim Jauchetransport drei Tropfen auf die Straße fielen oder ein Huhn auf die Straße lief, meldete sie es dem zuständigen Schutzmann. Das war Hermann Forker eines Tages zu viel. Er ließ Malermeister Theile kommen. Pfeifchen-Theile malte den Spruch: "Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant" an die für die Nachbarin gut sichtbare Seite des Hauses. Dieser Satz verfehlte seine Wirkung nicht. Nach geraumer Zeit verzog Frau Kühne. In ihre Wohnung zog die Tochter des Sattlermeisters Schneider und alles war wieder in Ordnung. Deshalb ließ Hermann Forker den Spruch übertünchen. Im Laufe der Jahre kam dieser Spruch wieder zum Vorschein. Erst 1985, bei der Sanierung der Fassade, verschwand er wieder.

1939 wollte Arthur Richter sein Betätigungsfeld erweitern. Dafür beabsichtigte er, die benachbarte Freifläche zu kaufen. Auf diesem Areal sollten neben Garagen ein Waschplatz und eine Tankstelle entstehen.

Mit Kriegsbeginn kam persönliches Leid auf die Forkers und Richters zu. Sohn Karl-Heinz wurde 1943 an der Ostfront als vermisst gemeldet. Nach dem Krieg lernte Annemarie ihren späteren Mann Helmut Kretschmar kennen. Der Enkel des Leisnitzer Müllermeisters Ernst Kretschmar erlernte bei seinem Opa das Müllerhandwerk. Helmut geriet 1945 in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Drei Jahre schuftete er in einem Bergwerk. Der 1,86 Meter große Mann kam mit 48 Kilogramm Körpergewicht in seine Heimat zurück.

Opa Forker starb 1950. Da die flüssigen Mittel nicht reichten, um die Erbschaftssteuer zu bezahlen, wurde Am Brühl 1 wieder verkauft. Helmut begann bei seinem Schwiegervater eine Lehre als Bauschlosser. 1956 legte er seine Meisterprüfung ab. Zu seinem Betätigungsfeld gehörten Arbeiten für Privatleute, aber auch für den VEB Gebäudewirtschaft Oschatz. 1973 starb Helmut Kretschmar an einem Herzinfarkt, zwei Jahre später sein Schwiegervater. Der dem Haus loyal gegenüberstehende Direktor des VEB Gebäudewirtschaft Oschatz, Fritz Kretzschmer, übernahm die Werkstatt in seinen Bereich und holte auch Annemarie vom Rathaus zur Gebäudewirtschaft.

Marie verschenkte ihr Haus 1985 an den Staat. Aufgrund ihrer geringen Rente und einer staatlich verordneten Billigmietenpolitik war ihr der Erhalt des Hauses oder gar die Durchführung von Modernisierungsarbeiten nicht möglich. Hochbetagt kaufte sie es 1991 wieder zurück und schenkte es ihrer Tochter. Wer heute vom Südbahnhof in Richtung Breite Straße geht, sieht seit 1998 wieder den Spruch, außerdem das Jahr des Hausbaus und das Familienwappen der Forkers.

Übrigens: Annemarie Kretschmar feierte gestern Ihren 84. Geburtstag. Dazu gratuliert die Oschatzer Allgemeine nachträglich noch recht herzlich.

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