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Gipfeltreffen mit Oschatzer Türmern über den Dächern von Zittau

Türmergeschichten Gipfeltreffen mit Oschatzer Türmern über den Dächern von Zittau

Vom Herzen Sachsens in den östlichsten Zipfel des Freistaats reisten jetzt die Mitglieder des Türmer-Teams der St. Aegidienkirche. Sie besuchten den jüngsten Türmer Deutschlands. Felix Weickert (26) wohnt tatsächlich im Turm der Johanniskirche Zittau und ließ die Oschatzer sozusagen in sein Wohnzimmer – zum Erfahrungsaustausch.

Der Zittauer Türmer Felix Weickelt, der Oschatzer Pfarrer in Ruhe Berthold Zehme und der Oschatzer Türmer Alexander Nitsche (von links) auf dem Turm der Johanniskirche in Zittau.

Quelle: Christian Kunze

Oschatz/Zittau. Der Weg in die Türmerwohnung auf St. Johannis in Zittau ist weiter als der in die Türmerstube auf St. Aegidien in Oschatz. 266 Stufen muss Felix Weickert erklimmen, um seine Wohnung auf 60 Metern Höhe zu erreichen. In Oschatz ist man schon nach gut 40 Metern und 199 Stufen am Ziel.

Ja, richtig gelesen. Der 26-Jährige wohnt auf dem Turm, hat dort Küche, Bad mit Dusche und sogar ein Doppelbett im Dachgeschoss. Dort nächtigt er vorzugsweise allein. Doch auch ohne Partnerin oder Familie hat der junge Mann genügend zu tun. Als Angestellter der Kirchgemeinde führt er Besucher nach oben, zwischen 50 und 100 sind es pro Tag. Außerdem hat der studierte Deutsch- und Musiklehrer einen schulübergreifenden Kinder- und Jugendchor in Zittau gegründet. Der Turm ist nur eine Zwischenstation für ihn. Weickert möchte Theologie studieren und träumt davon, selbst eine Kirchgemeinde zu leiten.

Türmer erledigt gleich drei Aufgaben

Das Türmeramt ist für den engagierten und interessierten Mann nicht einfach nur ein Beruf oder ein Amt. Denn man könne mit dieser Aufgabe gleich drei Dinge auf einmal erleben und bewirken, berichtete er den Gästen aus Oschatz. „Zuallererst ändert man damit im wörtlichen wie im übertragenen Sinn den Blickwinkel. Man erfährt andere Sichtweisen auf so manches Problem. Dann ist man natürlich dem Himmel und damit dem Glauben ein ganzes Stück näher. Und schließlich gelingt es mir, als Türmer, auch Nichtchristen für die Kirche zu begeistern – und sei es nur für deren Architektur.“ Mit Sicherheit kann der Großteil der Ehrenamtlichen, die sich im Oschatzer Oberstübchen einbringen, diese Worte sehr gut nachvollziehen – ein Grund mehr, warum ihnen Felix Weickelt sofort sympathisch war – trotz des streng durchgeplanten Tagesablaufs beim Besuch.

Die gut 30 ehrenamtlichen Türmerinnen und Türmer folgten bei ihrem Ausflug in den östlichsten Zipfel Sachsens der Einladung Weickerts, die er bei seiner Rundreise zu anderen Türmern in Deutschland Anfang des Jahres in Oschatz ausgesprochen hatte. Deutschlands jüngster Türmer möchte das Amt nicht ohne weiteres an irgendwen abgeben. „Die Zittauer blicken mit Unterbrechungen auf eine lange Türmertradition zurück. Diese sollte unbedingt aufrecht erhalten werden. Markant daran ist vor allem, dass drei Mal am Tag vom Turm herunter Trompetenmelodien erklingen“, sagt er. Und so soll es auch nach Weickerts Weggang bleiben. Um 7, 12 und 18 Uhr sind die Einwohner das Posaunenspiel gewöhnt.

Berthold Zehme bläst auf Zittauer Turm Trompete

Eine zusätzliche Kostprobe bescherte den Bürgern am Tag der Turmbesteigung der Oschatzer Berthold Zehme. Als Vorsitzender des Vereins „Rettet St. Aegdien“, Mitglied des Türmerteams, Pfarrer in Ruhe und Mitglied des Oschatzer Posaunenchores hatte er Vereinsfahne und Trompete dabei und brachte „Großer Gott wir loben dich“ zu Gehör. Bei der Andacht in der Kirche saßen die Oschatzer Türmer auf den Stühlen, die für das Jubiläum „90 Jahre Posaunenchor Zittau“ aufgestellt waren.

Der Zittauer Türmer spielt nicht nur Trompete, sondern auch Orgel und Klavier, hat über den Dächern der Stadt sogar ein Keyboard stehen – gleich neben dem großen Bücherregal des Studenten.

Der erste Türmer in Zittau bezog im Jahre 1804 die Wohnung und hatte damals ganz ähnliche Aufgaben wie die Türmerfamilie Quietzsch in Oschatz. Läutedienst und Feuerwache waren das oberste Gebot – immerhin erinnerten sich viele noch an das Schicksalsjahr 1757, in dem Zittau in Folge eines verheerenden Stadtbrandes fast vollkommen zerstört wurde. Ein ähnliches Schicksal ereilte Oschatz bekanntlich im Jahre 1848.

Von Christian Kunze

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