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Große Bilder und wenig Worte am Rosensee: „Lissi und das Meer“ fordert den Zuschauer

Theater Große Bilder und wenig Worte am Rosensee: „Lissi und das Meer“ fordert den Zuschauer

Zum zweiten Mal in Folge brachte das Theatre de Luna „Poesie des Raumes“ an den Rosensee im Oschatzer O-Schatz-Park. Die Inszenierung von Jürgen Hartmann-Bastl pendelt zwischen Schwermut und Komik und erfordert vom Zuschauer, selbst Teil der des Abends zu werden.

Lissi-Darstellerin Romy Direske am Oschatzer Rosensee-um sie dreht sich alles bei „Poesie des Raumes“ des Theatre de Luna.

Quelle: Sven Bartsch

Oschatz. „Um das Herz und den Verstand eines anderen Menschen zu verstehen, schaue nicht darauf, was er erreicht hat, sondern wonach er sich sehnt“ – diese Worte des libanesischen Philosophen Khalil Gibran legt Jürgen Hartmann-Bastl seiner Titelfigur Lissi in den Mund.

Sehnsucht steht im Zentrum der Inszenierung „Lissi und das Meer“. Bastl zeigt uns, dass Sehnsucht für jeden etwas anderes bedeutet, sich jeder nach etwas anderem sehnt und jeder für sich Zugang zu dem finden muss, was Bastl als die Erfüllung seiner persönlichen Sehnsüchte vor dem Publikum ausbreitet.

Der Regisseur bedient sich Werken anderer, um der Sehnsucht ein Gesicht zu geben. „Komm in mein Boot, die Sehnsucht wird der Steuermann“ haucht Nina Hagen in die Oschatzer Nacht, und diese Zeile gibt dem Zuschauer die Möglichkeit, „Lissi und das Meer“ als Reise zu verstehen. Die eigenen Sehnsüchte ans Ruder und den Kurs einschlagen lassen, der zur Erfüllung führt, das ist für Jürgen Hartmann-Bastl der Weg zum Glück – oder wenigstens ein Weg heraus aus der Einsamkeit. Viele der Figuren, denen wir an diesem Abend begegnen, sind allein und wollen es nicht mehr länger sein.

Das kleinste Meer der Welt

Da ist zum einen Lissi, die mit ihrem weißen Fahrrad, dem Kleid, Koffer, Schirm und Puppe ein vertrautes Element bildet. Sie liest und zitiert Sinnsprüche gegen die Einsamkeit, sie spielt mit ihrer Puppe und beobachtet, was sich um und auf dem kleinsten Meer der Welt, dem Rosensee im O-Schatz-Park, abspielt. Da gibt es den gehetzten Anzugträger, der mit drei Tagen Urlaub im Jahr glücklich zu werden versucht – und scheitert. Vermeintliche Erfolge hat er in seinem Alltag genug: Aktien, Immobilien und Leasingverträge sind jedoch das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt sind, angesichts der Leere, die in dem Workaholic herrscht. Als das Arbeitstier ein menschliches Bedürfnis überkommt, könnten ihm die bedruckten Seiten zu einem „sauberen Geschäft“ verhelfen – doch sie sind allesamt am Strand verstreut und für den Schlipsträger in unerreichbarer Ferne.

„Bin am Meer“ – ob der Krawattenkerl den Daheimgebliebenen diese Botschaft auf einem Zettel hinterlassen hat, erfahren wir nicht. Jürgen Hartmann-Bastl genügen solch kurze, simple Botschaften, um anderen seine Sehnsüchte zu zeigen. „Lissi und das Meer“ kommt ohne viele Worte aus, setzt verstärkt auf die ganz großen Bilder, sphärische Lichtklänge und mystische Details, um den Betrachter im Unterbewusstsein zu treffen. Das führt streckenweise zu beklemmenden, gar verängstigenden Momenten, mündet aber in einem versöhnlichen Finale. Wenn alle Akteure, am Ufer sitzend, vom Sonnenaufgang gebannt, den neuen Tag erwarten, herrscht Harmonie. Hier braucht es keine Worte, um zu erklären.

Poesie des Raumes

Wenn geredet wird, zeichnet sich „Poesie des Raumes“ durch Belanglosigkeiten aus. Diese lassen sich durch Plappern und Plaudern vortrefflich zelebrieren. Freilich sind komische Szenen wichtig, um die Schwermut im Stück fortdauernd aufzulockern. Aber originell oder tiefgründig sind die Passagen nicht. Das sollen sie auch nicht sein, sie erfüllen einen anderen Zweck. Sie sind der Kontrast zu den Momenten, in denen der Beobachter seine ganze Konzentration auf das Gezeigte verwenden muss.

Weitere wichtige Figur ist ein namenloser Mann. In einem orangefarbenen Einteiler gekleidet, beobachtet er das Geschehen, ist Lissis Bruder im Geiste. Was es mit ihm auf sich hat, dafür gibt Bastl nur Hinweise. Ein Fingerzeig, den das Stück nicht liefert, kann sein, dass Kahil Gibran, der Libanese aus dessen Feder das eingangs erwähnte Zitat stammt, Zeit seines Lebens bestrebt war, die westliche und die arabische Welt miteinander zu versöhnen. Stellen wir uns Lissi und ihren „Bruder“ als Vertreter dieser Welten vor. Wenn auch Jürgen Hartmann-Bastls größte Sehnsucht die Versöhnung ist, dann hilft uns „Lissi und das Meer“ dabei, aktuell herrschende Konflikte einzuordnen, die unbedingt einer Einordnung bedürfen.

Von Christian Kunze

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