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"Habe nur meine Arbeit gemacht"

"Habe nur meine Arbeit gemacht"

Roßwein. Dieses Wochenende hat sie noch Bereitschaft. Sonntag ist ihr allerletzter Arbeitstag. Blumen, Zeichnungen, Fotos, Wünsche und zahllose Dankesworte hat Kinderärztin Ulrike Schubert bereits erhalten.

Viele werden die Frau als Medizinerin, die immer ein offenes Ohr hat und hilft wo sie kann, vermissen. Doch alle sind unsagbar froh, dass es der 69-Jährigen gelungen ist, einen Nachfolger für ihre Roßweiner Praxis zu finden.

 

Es wirkt nicht gespielt, wenn Ulrike Schubert sich wundert, wie viele herzliche Gesten sie in den letzten Tagen erhalten hat: "Ich bin erstaunt und berührt. Eigentlich habe ich doch nur meine Arbeit gemacht", sagt die Ärztin bescheiden und das zeichnet sie aus. Wundern muss man sich über die positiven Reaktionen der Leute jedoch nicht: Fast 41 Jahre lang, also über Generationen hinweg, ist Ulrike Schubert die Kinderärztin für Roßwein und Umgebung. Sie macht ihren Beruf zur Berufung. Kinder wie Eltern wissen: diese Frau kann zuhören, sie kann sich auf ihre kleinen Patienten und deren Eltern einstellen, sie nimmt sie ernst. Sie lässt es sich gefallen, auf dem Fußweg zu einem Problem angesprochen zu werden. Sie murrt nicht, wenn in der Freizeit das private Telefon klingelt und die Ärztin wiedermal gefragt ist - was vor der Wende noch viel mehr der Fall war als jetzt. "Ich dachte, dass gehört in dem Beruf einfach dazu. Ohnehin kann ich nur schwer Nein sagen", erklärt die Roßweinerin. Die Familien, die sie betreut hat, rechnen ihr das hoch an.

 

Viel hat Ulrike Schubert in ihrem Beruf erlebt. Sie ist schon auf den Roßweiner Kreuzplatz gewetzt, weil sich die Mutter einer kleinen Patientin von ihrem betrunkenen Ehemann bedroht sieht, dieser mit Schlägen droht. Als die Ärztin plötzlich auftaucht, ist der Rüpel ganz zahm. Ganz Roßwein steht Kopf, als in den 70er Jahren auf dem Markt ein Hubschrauber landet, den Schubert angefordert hat. In DDR-Zeiten ist Luftrettung eine Besonderheit. Ein Kind hat sich an einem Klappbett - unter "Mithilfe" des Bruders - fast ein Bein abgetrennt. Die Kinderärztin reagiert schnell, Kind mit Bein werden in einer Leipziger Klinik gerettet. Lachen muss die Medizinerin heute, wenn sie daran denkt, wie sie von einem kleinen Kerl "liebevoll umärmelt" wird, aber fast zeitgleich feststellt, dass sein Kopf voller Läuse ist.

 

Wenn Ulrike Schubert so erzählt, ist zu spüren, wie viel ihr dieser Beruf bedeutet hat. Zu verdanken hat ihn die gebürtige Meißnerin ihrer Mutter. Aufgewachsen in Oschatz mit Arzt-Eltern und drei Geschwistern war es die Mutter, die feststellte: "Ulrike, du kannst gut mit Kindern umgehen. Du wirst Kinderärztin." Nach Studium und ersten Berufsjahren in Wermsdorf verschlägt es die junge Frau und bereits Mutter einer Tochter nach Roßwein - weil sie dort für ihre Familie eine Wohnung bekommt, in einer Villa in der Karl-Marx-Straße. Die Praxis befindet sich schon damals am Markt 8, wo sie heute noch ist. Schubert ist die erste Medizinerin, die eine feste Kinderarzt-Stelle in Roßwein bekommt. Und sie ist gut ausgelastet in der Industriestadt mit ihren vielen jungen Familien. "Die Bürokratie war zu der Zeit nicht so riesig wie heute. Es war möglich, viel mehr Kinder an einem Tag zu behandeln, als das heute der Fall ist", erinnert sich die Ärztin.

 

Die Wendezeit ist für Ulrike Schubert eine extrem schwere Zeit. Sie verliert ihren sehr kranken Ehemann. Die zweite Tochter ist erst sechs Jahre alt. Gerade noch angestellt beim Stadtambulatorium, muss sie sich selbstständig machen, um weiter arbeiten zu können. Keiner weiß, ob das finanziell klappt, die Praxis wird deshalb verkleinert. Doch schon bald weiß Schubert, dass es klappt. Sie kann sich ein Drei-Familien-Haus in der Roßweiner Böhmertstraße kaufen, in dem sie heute noch gern wohnt. "Das mit dem Haus habe ich nie bereut. Es ist eine schöne Wohnlage, ich habe sehr nette Nachbarn. Keiner macht mir Vorschriften. Ich entscheide, was im Garten passiert und was nicht."

 

Inzwischen hat Ulrike Schubert drei Enkel. Zwei von der großen Tochter Gabriele, die in Gera lebt und Architektin ist, eines von der jüngeren Tochter Karin, die Internationale Forstwirtschaft und Erneuerbare Energien studiert hat und am Montag von einer dreimonatigen Neuseeland-Reise zurückkehrt.

 

Um eine Praxisnachfolge bemüht sich die Kinderärztin schon lange. Keine einfache Sache im ländlichen Raum. Der Döbelner Kinderarzt Dr. Eckhardt Erdmann kommt schließlich auf Schubert zu, beide werden sich einig. Er übernimmt ihre Praxis. Die bei ihm angestellte Kinderärztin Susanne Bley aus Mockritz wird nach kurzer Umräumpause die kleinen Patienten ab 7. April am gewohnten Ort behandeln. "Der nahtlose Übergang ist wie ein Fünfer im Lotto. Ich bin einfach froh für Roßwein, dass es so klappt", sagt Schubert.

 

Sie selbst kann sich nun Dingen intensiver widmen, die sie mag: das Chorsingen und das Besuchen besonderer Konzerte, dem Engagement bei den Freunden der Kunstsammlung Chemnitz und dem Reisen. Nach dem Ulrike Schubert schon mit der Andenbahn in Peru unterwegs war, einem Krankenhaus in Nepal persönlich Verbandsmaterial gebracht hat und das 5300 Meter hohe Basislager des Mt. Everest kennt, will sie bald in eine der entlegendsten Gegenden der Welt aufbrechen, nach Patagonien.

Olaf Büchel

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