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Oschatz Hartmut Finger aus Dahlen sammelt alte Schreibmaschinen
Region Oschatz Hartmut Finger aus Dahlen sammelt alte Schreibmaschinen
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16:00 19.04.2018
Hartmut Finger Schreibmaschinen Quelle: kristin engel
Dahlen

Hartmut Finger schaltet das Licht im großen Raum neben seiner Werkstatt ein. Und zum Vorschein kommen sie... – große und kleine, hohe und flache, schwarze, grüne und graue – rund 250 Schreibmaschinen, ordentlich aufgereiht in selbst gebauten Regalen. Einige von ihnen sind bereits in Koffern und Tüten gepackt. Denn diese kommen bald in das Stadt- und Waagenmuseum nach Oschatz für die neue Ausstellung „Horch mal was da klappert – Geschichten von Schreibmaschinen, Typen und Tasten“ vom 21. April bis 17. Juni. „Ohne diesen technischen Gegenstand kam über ein Jahrhundert hinweg kaum ein Büro, ein Kontor oder eine Kanzlei aus.

Das Fräulein vom Amt

Heute scheint dieser beinahe vergessen. Die Schreibmaschine mit ihrem unverwechselbarem Klappern zeigte jedem schon von weitem hörbar an, wo ein Fräulein etwas schwarz auf weiß tippte. Damit sorgte diese technische Errungenschaft zugleich auch für einen neuen Beruf und, da dieser für unzählige von Frauen zum Anfang des vorigen Jahrhunderts den Einstieg ins Berufsleben überhaupt brachte, trug die Schreibmaschine sicher auch nicht unwesentlich zu deren Emanzipation bei“, sagt der Dahlener. Als Sammler bezeichnet er sich jedoch nicht. Viel mehr als jemand, der es liebt, alte Maschinen, die andere auf dem Flohmarkt los werden wollen, wieder funktionstüchtig zu machen. Schon in der Ausbildung lernte der heute 60-Jährige den Beruf des Schreibmaschinenmechanikers. Bald wurden die Schreibmaschinen weniger und die Büro- und Rechenmaschinen rückten in den Vordergrund. „Nach der Wende war auch hiermit Schluss. Die Entwicklung ging natürlich immer weiter. Eine Spezialisierung auf Software war nichts für mich.“

Quelle: Hartmut Finger mit einer Schreibmaschine für Kinder. Foto: Kristin Engel

So schulte er zum Elektroinstallateur um. Erst dann – viele Jahre nach seiner Ausbildung –fing die Leidenschaft an, Schreibmaschinen zu restaurieren. Parallel dazu auch noch Kassen und Rechenmaschinen. So stehen bei ihm mittlerweile neben etwa 250 Schreibmaschinen auch noch 15 Kassen und 50 Rechenmaschinen. Seine aller ersten Errungenschaften waren zwei kleine Rechenmaschinen, drei Schreibmaschinen und eine große Kasse.

Interesse für Technik

Vor wenigen Tagen besuchte der Dahlener einen Flohmarkt in Markkleeberg. Auch hier entdeckte er Modelle, die er noch nicht zu seiner Sammlung zählt. Dennoch entschied er sich gegen den Erwerb. Und das nicht nur, weil es der Platz in seinem Ausstellungsraum bald nicht mehr her gibt. „Mich interessiert die Technik und nicht nur die unterschiedlichen Marken. Die Wertigkeit steht bei mir im Hintergrund – Im Vordergrund steht die Maschine an sich. Und wer jetzt denkt, dass die Maschinen, die ich besitze, sicher viel Wert sind, der irrt. Wie oft versuchten Leute bei Sendungen, wie zum Beispiel „Bares für Rares“, ihre alten Schreibmaschinen an die Händler zu bringen. Fakt ist nur, dass die Maschine so viel Wert ist, wie ein anderer bereit ist, dafür zu bezahlen.“ Noch einige Schreibmaschinen stehen im benachbarten Raum auf der Warteliste. Auch sie wollen wieder restauriert werden. Doch momentan müssen sie noch etwas ausharren. Denn lange Weile hat Hartmut Finger nicht. Neben seiner Arbeit im Bauhof, möchte er sich nun auch musikalisch weiterentwickeln. Seit drei Jahren geht er regelmäßig in die Musikschule und übt auch Zuhause das Gitarre spielen. „Zum Leidwesen meiner Frau“, sagt er mit einem Lachen.

Rund 40 Lieder im Repertoire

Rund 40 Lieder hat er bereits im Repertoire. Im Herbst vergangenen Jahres veröffentlichte er sein zweites Buch „Dahlen – Kleine Stadt mit Geschichte(n)“. Schon immer war er Geschichtsinteressiert, übersetzte das „Gemeindebuch von Schmannewitz“ und arbeitete im Museum in Dahlen. Viele weitere Ideen für ein neues Buch spuken ihm durch den Kopf. Einige davon brachte er auch bereits zu Papier.

Es gab verschieden Arten, die Schreibmaschinen zu bedienen. Quelle: kristin engel

Zudem muss er die rund 50 Schreibmaschinen – deren Auswahl nicht einfach zu treffen war – für die Ausstellung in Oschatz vorbereiten. Sie mussten noch vom Staub befreit und die Funktion überprüft werden. „Die Schreibmaschinen, die ich für die Ausstellung ausgewählt habe, machen mit zeittypischen Modellen die Entwicklung von den Anfängen der Industrieproduktion in den 1870er Jahren bis zu deren Niedergang in den 1990er Jahren in ihrer ganzen Spannbreite anschaulich. So beginnt diese Zeitreise mit der ältesten Schreibmaschine aus dem Jahr 1882 und findet ihren Abschluss mit einer elektronischen Bildschirmschreibmaschine von 1992. Für so manchen Besucher wird es wohl auch ein Wiedersehen mit einem einst vertrauten Arbeitsgerät“, so Hartmut Finger. Ein Arbeitsgerät, was bei vielen schon in Vergessenheit geraten ist. Was auch die Reparaturarbeiten erschweren.

Ersatzteile gibt es nicht mehr

Denn Ersatzteile gibt es für die meisten Geräte schon lange nicht mehr. „Wenn Teile benötigt werden, stelle ich sie selber her. Das brauch manchmal seine Zeit. Doch ich hatte eine gute Ausbildung. Schon mein Vater war sehr handwerklich und brachte mir vieles bei. Den Rest übernahm mein Lehrmeister. Es gibt nichts, was man nicht anfertigen kann.“ Natürlich stünde dies in Relation mit dem Aufwand und dem Nutzen. Doch Hartmut Finger lächelt dabei nur. „Es ist eben ein Hobby. Da spielt die Zeit kaum eine Rolle.“ Um die 150 Stunden kann sich der Dahlener locker mit einer solchen Maschine beschäftigen. Das kommt ganz auf den Zustand des Geräts an. Am wenigsten zu tun hatte er mit einer Maschine aus dem Jahr 1950. Diese fand er auf einem Flohmarkt: Noch originalverpackt und komplett ungenutzt. „Ich habe sie mitgenommen, weil ich das Modell noch nicht hatte. Ich kannte diese Maschine noch von meiner Ausbildungszeit.“ Nicht nur die Schreibmaschinen, sondern auch die dazugehörenden Koffer wertete er wieder auf. „Ich habe auch eine der aller ersten elektronischen Schreibmaschinen da

Auch solche Schreibmaschinen gab es. Quelle: kristin engel

. Die Robotron 6000. Diese war eine Erfindung in der DDR. Die meisten Schreibmaschinen stammen aus Deutschland oder den USA. Bis 1900 haben die Amerikaner auf dem Schreibmaschinenmarkt dominiert. Dann gab es auch in Deutschland viele bekannte Schreibmaschinen-Hersteller. Interessant ist auch, dass sich etwa 80 Prozent der Büromaschinenindustrien im Osten befanden“, so der Dahlener, während er durch die Reihen der Schreibmaschinen geht.

Die schönste Schreibmaschine heißt Kolibri

Er bleibt stehen und zeigt auf eine flache, grüne Schreibmaschine. „Die ‚Kolibri‘ wurde in Chemnitz hergestellt. Sie ist wohl eine der schönsten Schreibmaschinen, finde ich. Doch für mich sind alle Schreibmaschinen gleichwertig.“ Er zeigt auf eine Maschine, auf der ganz klar ein @-Zeichen zu erkennen ist, obwohl zu dieser Zeit noch lange keine E-Mails verschickt wurden. „Das AT gab es schon früher. Ebenso wie das UT und das OT. Doch nur das AT wurde später ‚wiederbelebt‘“, erklärt er. Fasziniert ist er auch von den Kinderschreibmaschinen. Diese gäbe es fast so lange, wie bereits die großen Maschinen. „Es lässt sich mit diesen auch schreiben, doch das ist etwas komplizierter.“ Viele verschiedene Geschichten kann er über die unterschiedlichen Schreibmaschinen berichten. In der Ausstellung im April im Oschatzer Museum soll Anschaulich gemacht werden, dass es viele verschiedene Entwicklungen gab. „Was sich ebenso in einer ganzen Reihe von Modellen verschiedenster Hersteller und Schreibsysteme wiederfindet. Dabei ist erkennbar, dass sich wesentliche Elemente der ersten

Diese relativ moderne Schreibmaschine war der Vorläufer des Computers. Quelle: kristin engel

Schreibmaschinen heute an jedem modernen PC wiederfinden. Man sieht aber auch, dass der Laptop bereits im Jahr 1915 einen Vorgänger in Form einer zusammenklappbaren Schreibmaschine hatte. Die Besucher werden manche Überraschung erleben, denn auch ein Oschatzer hat Schreibmaschinen entwickelt und hergestellt.“ Im Museum kann zur Ausstellung auch an einem Schreibarbeitsplatz aus den 1930er Jahren jeder Besucher einmal selbst ausprobieren, wie man zu jener Zeit Texte für alle gut lesbar zu Papier brachte.

Von Kristin Engel

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