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Oschatz Haus mit Kurklinik-Charakter
Region Oschatz Haus mit Kurklinik-Charakter
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13:55 09.03.2018

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Heute: die Psychiatrie und Psychotherapie von Chefarzt Dr. Peter Grampp.

Die Psychiatrie hat in Wermsdorf eine lange Tradition. Hat die Abteilung heute noch etwas mit der Psychiatrie von früher gemein?

Der Beginn der Hubertusburg galt den chronischen "Irren" und den "Armen", gemeint waren Patienten, die wir heute am ehesten unter schizophrenen Erkrankungen einordnen. Weiterhin waren "Idioten" unterzubringen, dies meinte damals die Gruppe von Menschen mit Intelligenzhandicaps. Dies änderte sich mit den besseren Behandlungsmöglichkeiten erstmalig um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert. Hier kamen zunehmend auch Menschen mit Neurosen, Persönlichkeitsstörungen, Bindungs- und Beziehungsstörungen und Suchtkranke zur Aufnahme. Heute machen diese psychotherapeutisch zu behandelnden Patienten gut die Hälfte der Patienten aus.

Welche Schwerpunkte gibt es heute?

Wir behandeln grundsätzlich alle psychosozialen Erkrankungen. Dabei gibt es spezielle stationäre Konzepte für schwere Persönlichkeitsstörungen, Menschen mit seelischer Traumatisierung und Menschen mit Suchterkrankungen, die zudem Psychosen entwickelt haben. Hier profitieren wir von der durch uns konzipierten Doppeldiagnosen-Rehabilitationsklinik der Suchthilfe Mitteldeutschland und der persönlichen Nähe zum dortigen Chefarzt Herrn Joseph.

Ist Erfolg in der Psychiatrie messbar?

Durchaus! Es gibt Parameter wie die Wiederaufnahmequote, die bei den Kerngruppen Psychosen und Depressionen zwischen vier und fünf Prozent betragen. Weiterhin messen wir mit testpsychologischen Verfahren das Befinden der Patienten und nicht zuletzt melden uns vor allem die Patienten den Erfolg oder fehlenden Erfolg zurück.

Wie ist das zu schaffen?

Das stationäre, tagesklinische und ambulante Angebot ist Teil einer regionalen Versorgungslandschaft. Dazu zählen Gesundheitsämter, sozialpsychiatrische Dienste, die Anbieter von betreutem Wohnen, aber auch somatische Kliniken, niedergelassene Ärzte, Psychotherapeuten, Betreuer oder Gerichte. Hier spielt die Institutsambulanz eine wichtige Rolle als Mittler. Dort versuchen wir alle zu betreuen, die eine hohe Intensität der Zuwendung oder spezialisierte Angebote benötigen. Aktuell betreuen wir mehr als 1000 Fälle im Quartal ambulant. Dabei helfen auch die Tageskliniken Torgau und Riesa. Aus der Sicht der Patienten, die wir selbstverständlich teilen, lohnt sich der Aufwand.

Können die Tageskliniken überhaupt wirkungsvoll arbeiten, damit Patienten dauerhaft sicher im Leben stehen?

Auf jeden Fall, ein großer Vorteil ist unsere Ortsnähe und bei Bedarf kurze Wege. Außerdem gibt es in den Tageskliniken tolle, äußerst hilfreiche Projekte. In Riesa pflegen wir eine Partnerschaft mit Wirtschaftsbetrieben, in denen unsere Patienten Praktika machen können und eine realitätsnahe Vorstellung eigener Fähigkeit und Wirksamkeit erhalten.

Wie groß ist das Einzugsgebiet für Ihre Klinik?

Unsere Klinik hat die Aufnahmepflicht für die Regionen Großenhain, Riesa, Torgau und Oschatz. Solange noch ein Bett vorhanden ist, nehmen wir auch Patienten aus anderen Regionen auf. Wir bekennen uns zur Wahlfreiheit der Behandlung von seelisch kranken Menschen, da wir das Bündnis mit diesen suchen. Gerade in unsere Spezialambulanzen wie die Ambulanz für Erwachsene mit Autismus oder Hyperaktivitäts-Aufmerksamkeitsdefizit, die wir seit 16 Jahren aufgebaut haben, kommen Patienten durchaus von Görlitz, Frankfurt/Oder, Köthen oder Lehr/Ostfriesland zu uns.

Was verbirgt sich hinter dem Einsatz für die forensische Psychiatrie?

Die forensische Gutachterstelle, in der wir Ärzte ausbilden, fertigt Gutachten nicht nur in Sachsen, sondern auch bis ins nördliche Bayern an. So ist es mir auch eine Ehre, von der Juristischen Fakultät Passau einen Lehrauftrag erhalten zu haben.

Sie pflegen eine Zusammenarbeit mit der Lebenshilfe in Oschatz. Wie sieht diese aus?

Viele Bewohner stammen aus der früheren Hubertusburg und wurden ausgesiedelt. Meine Vorgängerin hat hier sorgfältig versucht, den Weg zu ebnen, den dann die Lebenshilfe unter dem damaligen Geschäftsführer Herrn Beer und nun Herrn Drexler fortgeführt hat. Diese Menschen verdienen eine bedarfsgerechte Weiterentwicklung, die die Lebenshilfe bereits heute vorbereitet. Ziel ist die Umfeldkonstanz, das Verhindern der stationären Aufnahme und maßgeschneiderte Angebote. Für spezielle Patienten machen wir auch gerne Hausbesuche.

Wie kann sich eine Psychiatrie auf dem Land halten?

Die Hubertusburg wirkt auf viele mehr wie eine Kurklinik, in der allerdings durch das aktuelle Ensemble der Kliniken Neurologie, Kinderklinik, Radiologie und unsere hervorragende Synergien geschaffen wurden. Auf dem Land arbeitet man miteinander, das heißt auch mit den Kliniken in Oschatz, Riesa, Torgau. Hier wird uns geholfen und wir helfen umgekehrt. Ein Beispiel ist die psychoonkologische Versorgung. Dort bieten wir Menschen, die an Krebs erkrankt sind, Hilfe bei der Krankheitsbewältigung und insbesondere seelische Entlastung, damit das Leiden nicht auch noch durch eine seelische Erkrankung erschwert wird. Weiterhin können wir auf das therapeutische Reiten und andere tiergestützte Therapien zugreifen. Daneben bieten wir spezifische Leistungen für das Klinikum Sankt Georg in Leipzig an, wie beispielsweise für die Adipositasbehandlung.

Aber der Standort hat sicher auch Nachteile.

Der Nachteil ist die schlechte Erreichbarkeit, die in den letzten Jahrzehnten eher schlechter geworden ist. Dieses Problem teilen unsere Mitarbeiter mit den Patienten und deren Angehörigen. Wir merken dies besonders beim hochqualifizierten Personal, das eben nicht wie in Leipzig mit dem Fahrrad oder der Straßenbahn zur Arbeit fahren kann. Bei den aktuellen Benzinpreisen kommen für diese Mitarbeiter rasch bis zu 300 Euro im Monat zusammen.

Wie können Sie dann Ärzte hierher holen und auch halten?

Das ist ein Problem, dem wir uns offensiv stellen. Mehrfach jährlich fahren wir nach Leipzig oder Dresden und werben für unsere Klinik. Wir sichern flexible Rahmenbedingungen wie Teilzeitarbeit, pünktlicher Feierabend oder Kinderbetreuung im Klinikum Sankt Georg. Damit sind wir auch für Frauen mit Kindern interessant. Und uns ist das Betriebsklima wichtig. Es arbeiten auch vereinzelt ärztliche Kollegen aus anderen Ländern bei uns. Hier kann sich jedoch immer wieder herausstellen, dass dies in diesem zentral sprachgebundenen Fach im Einzelfall limitierend werden kann.

Wohin steuert die Psychiatrie der Zukunft?

Die Zukunft ist Flexibilität, eine Betreuungslandschaft, in der das Bett hinter der personengebundenen Leistung zurückfallen wird. Dies wird die Verweildauern weiter reduzieren, die Ambulanz stärker fordern und immer mehr spezialisierte Vorgehensweisen erzwingen. Die Anforderungen an die Mitarbeiter werden nochmals erheblich steigen. Hier steht zu hoffen, dass wir diese geeigneten Mitarbeiter dann auch finden. Dennoch brauchen wir auch in der Zukunft noch Schutzräume für die Menschen der Region, bedenkt man, dass bei einer Depressionsbehandlung die Medikamente mindestens drei Wochen benötigen, ehe eine Wirkung eintritt. Ausgebaut wird bereits derzeit der Bereich für Senioren im Haus, die Gedächtnisambulanz ist hoch aktiv, eine spezielle Psychotherapie befindet sich im Aufbau. All das wird im Wesentlichen ambulant stattfinden.

Wird mit psychiatrischen Erkrankungen mittlerweile offensiver umgegangen?

Das Problem der Psychiatrie sind die Ängste der Bevölkerung. Dies hat sehr alte Wurzeln, und immer wieder werden sie als Klischee in den Medien falsch vermittelt. Das erschwert es Menschen für sich und vor anderen zuzugeben, dass auch ihre Gefühle, ihr Erleben und Denken krank werden können und man sich nicht schämen muss.Interview:

Anlässlich der Festwoche findet am Sonnabend, ab 13 Uhr ein Tag der offenen Tür im Fachkrankenhaus statt. Am 20. Juni lädt die Psychiatrie gemeinsam mit dem Rosengarten-Verein zum Sommerfest ein.

Arbeiten von Patienten

Jana Brechlin

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