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Heimatgeschichte: Das geduldete Bordell in Oschatz

Heimatgeschichte: Das geduldete Bordell in Oschatz

Maria Genath wandte sich am 20. Juni 1901 an den Stadtrat mit der Bitte, man möge ihr doch gestatten in Oschatz ein Bordell zu eröffnen.

Oschatz.

 

 

 

 

Von Dr. Manfred Schollmeyer

In ihrem Schreiben äußerte Frau Genath ihre detaillierten Vorstellungen. Es heißt dort: "Ich beabsichtige hier eine Weinhandlung nebst Weinstube mit Bordell unter der Firma Anna Genath zu errichten und habe zu diesem Zweck das dem Herrn Baumeister Emil König zugehörige an der Albertstraße Nr. 2 (heute Bergstraße, der Verfasser) hier gelegene Hausgrundstück käuflich in Aussicht genommen. Ich betreibe das Gewerbe mit vier Mädchen seit über drei Jahren in Dresden, Kanalgasse Nr. 9. [-] In Rücksicht auf die mir im jetzt König'schen Hause zu Gebote stehenden Räumlichkeiten, würde ich den betreffenden Gewerbebetrieb im Parterre und der 1. Etage ausüben, so dass sich Personen der besseren Stände abgesondert halten können. Sollte jedoch dem hoch geehrten Stadtrat die Lage des König'schen Grundstücks zu meinem Gewerbebetrieb nicht genehm sein, so würde ich ebenso gern das dem Herrn Leutnant Klefeker gehörige an der Dresdener Straße Nr. 8 oder ein beliebig anderes, in mir vorzuschreibender Lage ankaufen, [-]. Ich erbiete mich auch, im Falle genehmigter Gewährung meines ergebensten Gesuchs, der hiesigen Armenkasse jedes Jahr je nach dem Geschäftsgang, eine bare Zuwendung zu machen. [-] Ich erlaube mir noch nachschriftlich zu erwähnen, dass mir das dem Herrn Jentzsch gehörige, Körnerstraße Nr. 23 gelegene Grundstück, ebenfalls zur Verfügung steht. Dieser äußerst günstigen Lage wegen, würde ich auch auf dieses reflektieren."

Dieses Ansinnen lehnte der Stadtrat umgehend am 1. Juli 1901 offiziell ab. Drei Wochen später, am 20. Juli 1901, ersuchte Frau Genath den Stadtrat in der Riesaer Straße Nr. 20 (heute Poetenweg Nr. 2, der Verfasser) in dem von ihr erworbenen Grundstück ein "Gartenhaus" bauen zu dürfen. Schon am 25. Juni 1901 genehmigte die Stadt den Bau des zweigeschossigen Hauses. Sofort wurde mit dem Bau begonnen, und die Bordellbesitzerin bemühte sich nun, das "Gartenhaus" in ein Bordell mit Weinstube zu verwandeln.

In ihrem Brief an den Stadtrat vom 9. August 1901 schrieb sie: "Ich beabsichtige in einem besonderen, vom Bordell getrennt liegenden Zimmer, eine Weinstube zu errichten [-]. Es soll und wird auch kein Weinrestaurant im vollen Sinn des Wortes werden, sondern ich bezwecke damit den mein Haus besuchenden Personen einen ungenierten Zugang zu verschaffen." Am 23. August 1901 erhielt die Stadt die Mitteilung, dass das von dem Baumeister Emil König projektierte Haus, im "Mauerwerk nebst Wand- und Deckenputz fertig gestellt [sei]." Dieser unglaublich zügige Zeitablauf ist schon außerordentlich bemerkenswert und deutet auf das immense Interesse der Bauherrin hin.

Dass die Dresdener Bordellbetreiberin am "schnellen Geld" interessiert war, belegen die ersten "Anmeldungen" von Prostituierten beim Stadtrat im Juli 1901. Obwohl die "Villa Anna" bald bezugsfertig wurde und der Bordellbetrieb angelaufen war, hatte die umtriebige Besitzerin im Dezember 1901 das Grundstück verkauft und ist nach Dresden zurückgegangen. Möglicherweise haben das offiziell ablehnende Verhalten der Stadt zu einem Bordell am Poetenweg und der sich anbahnende Widerstand Oschatzer Persönlichkeiten diese Entscheidung herbeigeführt.

In wiederholten Schreiben verlangte die Kreishauptmannschaft im Mai und Juni 1902, die Genehmigung des Bordells durch den Stadtrat rückgängig zu machen und das "öffentliche Haus" zu schließen. Elsbeth Rosenow, inzwischen schon dritte Besitzerin des Grundstückes und Betreiberin des Bordells, wurde wegen "Kuppelei" von der Stadt vorgeladen und wehrte sich vehement gegen die Schließung des Hauses, weil sie einen "Wertverlust" des Grundstückes fürchtete und meinte: "Wenn der geehrte Stadtrat zu Oschatz die Einrichtung eines öffentlichen Hauses hier geduldet hat, so geschah dies so viel mir bekannt ist, um dem Tun und Treiben hiesiger unkontrollierbarer Kellnerinnen, über welches vielfach Beschwerden eingelaufen sein sollen, ein Ende zu machen.

Dass solche Zustände bei der starken Garnison, sowie den ziemlich zahlreichen beschäftigen jungen Leuten hier wiederkehren, ist durch Schließung eines der strengsten Kontrolle unterworfenen öffentlichen Hauses wahrscheinlich unvermeidlich." Diese Sichtweise wurde vom Stadtrat in seinem Schreiben vom 2. Juli 1902 an die Kreishauptmannschaft Leipzig indirekt noch unterstützt, denn man war der Auffassung "Dass man dem Aufenthalte zweier Prostituierter in dem Hause Riesaer Straße Nr. 20 nicht entgegentrat, hatte seinen Grund darin, dass in Oschatz sich die Klagen über die Zunahme der Geschlechtskrankheiten mehrten, und es ist nicht zufällig, dass diese Klagen sich seit dem wesentlich gemindert haben".

Es gelang der Kreishauptmannschaft offensichtlich nicht, die Schließung des Hauses durchzusetzen. Ebenso waren die Bemühungen des Oschatzer Superintendenten Armin Ottokar Colditz (1856 bis 1933) erfolglos. Auffällig waren in diesen Jahren die sehr häufigen Wechsel der Besitzer, was aber dem "Gewerbe" keinen Abbruch tat. Ebenso auffällig erscheinen auch die wohlmeinenden Berichte der Schutzleute über die Ordnung und die Zustände rund um das Grundstück der "Villa Anna". Man muss davon ausgehen, dass der Bordellbetrieb mit Duldung des Stadtrates und der Ordnungshüter weiter problemlos unterhalten werden konnte. Wie wäre es sonst möglich gewesen, dass trotz lückenhafter Aktenlage vom Juni 1901 bis September 1927 mehr als 100 Mädchen namentlich nachzuweisen sind, die in den ersten Jahren vornehmlich aus Böhmen kamen und auch wiederholt in Oschatz "arbeiteten".

Diese Zahlen wurden auch durch die erfassten Untersuchungsgebühren an die Ärzte bestätigt, die von den Bordellbesitzerinnen für die ärztlichen Leistungen gezahlt worden sind.

Die Anstrengungen gegen die geduldete Prostitution in Oschatz gingen aber weiter. Ein Leipziger Rechtsanwalt wandte sich im Auftrag von Frauenvereinen und der Jugendfürsorge an das Sächsische Ministerium des Inneren, gegen die Prostitution in Oschatz vorzugehen. In seiner aufschlussreichen Stellungnahme stellte der Stadtrat 1912 unter anderem dazu fest: "In Oschatz besteht kein Bordell im gewöhnlichen Sinne des Wortes. Hier besitzt die von ihrem Ehemann getrennt lebende, [-] unter sittenpolizeilicher Kontrolle stehende Prostituierte Katharine Sch. ein abseits vom öffentlichen Verkehre gelegenes Haus und hält sich eine Wirtschafterin, [-] die ebenfalls der Kontrolle und polizeilichen Untersuchung untersteht."

Es änderte sich nichts, auch in den folgenden Jahren wurde das Bordell von der Stadt geduldet. Erst 1935 kam wieder Bewegung in den Konflikt. In einem anonymen Schreiben vom 28. März beklagte der Schreiber die "skandalösen Zustände in der Villa Anna" und behauptete, "[-] dass sich im Stadtverordnetenkollegium ein guter Stammgast der 'Villa Anna' befindet, der sich aus diesen Gründen stets für die Interessen dieser Leute einsetzt und bei jeder Abstimmung zu deren Gunsten seine Stimme abgibt."

Diese Vorwürfe gaben offensichtlich dem Stadtrat Anlass, den Bordellbesitzer Robert Schmidt ernsthaft und nachdrücklich auf das geltende Recht hinzuweisen und ihm mit Anzeigen bei der Staatsanwaltschaft zu drohen. Trotzdem ging der Bordellbetrieb weiter, denn im Oktober beantwortete der Bürgermeister eine interessierte Anfrage des Oberbürgermeisters aus Glauchau mit den Worten, "[-] dass es in Oschatz kein Bordell gibt. Es wohnen wohl hier einige weibliche Personen, die Gewerbsunzucht betreiben." Und der Anfrage der Ortspolizeibehörde Cottbus wurde 1937 beschieden, "[-] dass es in Oschatz kein öffentliches Haus gibt und dass zur Errichtung eines solchen auch keine Genehmigung erteilt worden ist. Es vermietet hier lediglich eine Grundstücksbesitzerin Zimmer an Prostituierte."

Mit diesem Schriftverkehr enden die Akten zur "Villa Anna". Es liegen leider keine Schriftstücke über die Zeit von 1938 bis 1940 und über das exakte Ende der geduldeten Prostitution am Poetenweg vor. Sicher ist, dass das Grundstück 1941 von einer Privatperson gekauft wurde und seit dieser Zeit als Wohnhaus genutzt wird. Es bleibt aus heutiger Sicht schon sehr verwunderlich, dass es dem Rat der Stadt fast 40 Jahre gelang - entgegen den gültigen Gesetzen in Deutschland - ein Bordell in Oschatz zu dulden.

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