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Heimatgeschichte: Feldpostbrief eines Oschatzer Ulanen

Heimatgeschichte: Feldpostbrief eines Oschatzer Ulanen

"Liebe Wilhelmine und Kinder, Sonnabend, 24. Dezember 1870. Wie es uns ergeht und wo wir liegen resp. stehen, bedarf keiner Mitteilung, das erfahrt ihr jedoch schneller aus der Zeitung.

Diesen Brief,den ein Soldat von der Front an die Daheimgebliebenen in Oschatz schrieb, fand Claus Schimmel:

Anfang Dezember 1870 sind wir nach dem Osten in Marsch gesetzt worden. Nachdem dort die französischen Truppen vertrieben waren, wurden wir nach Beauvais zurückgezogen. Beauvais liegt bei Rouen/Amiens/Reims. Schwere Tage liegen hinter uns.

Nachts haben wir wenig Ruhe und am Tage gar nicht. Mittags kommen wir von der Alarmwache oder Schanzenbau und dann gehts auf Vorposten. Da dürfen wir aber nicht etwa Feuer anzünden, da wäre der Teufel los. Wilhelmine, bitte schick uns und mir persönlich soviel wie möglich warme Sachen, aber nur bald, recht bald. Geräucherte Wurst, Fleischextrakt, Salz etc. sind aber auch willkommen.

Luftballons sehe ich täglich von Paris her kommend. Leider ist noch kein wichtiger Ballon gefasst worden. Für das Auffangen wichtiger Depeschen werden hohe Belohnungen gezahlt, daher sind unsere Leute auch ganz des Teufels hinter diesen Luftkutschen her.

Heute nach dem Appell schreibe ich weiter. Liebe Wilhelmine, der Beginn des Abendgottesdienstes in der Kirche nötigte mich gestern meinen Brief abzubrechen, nicht aber meine ersten Gedanken. Sicher sind meine Weihnachtsgrüße angekommen? Meine liebe Wilhelmine, bist du auch wieder mit den Kindern in St. Ägidien gewesen?

In der durch mitgebrachte Lichter erleuchteten Kirche stand Kopf an Kopf gestern die trostbedürftige Gemeinde. Ein strahlender Christbaum mit dem ,Ehre sei Gott in der Höhe, Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen' stand vor dem Altar. Den Baum hätten unsere Clara, Luise und Karl-Gustav sehen sollen.

Ohne Orgel und Musik brausten gewaltig die Choräle. Die von den barmherzigen Schwestern mit ihren hellen Glockenstimmen gesungenen deutschen Weihnachtslieder waren trostreiche Gesten. Die Predigt des Geistlichen führte uns an den Thron des Vaters und an die Wiege des Sohnes. Der Stern Bethlehems strahlte in aller Augen wider. Ich habe noch nie eine solche Weihnachtsfeier erlebt.

Das Lehrerkollegium bei uns in Oschatz ist doch etwas steif. Nach meiner Rückkehr aus dem Feld gibt es bestimmt ein Diskurs?

Die dunklen Straßen waren hell von dem Glanze der Weihnachtsbäume, die aus jedem Hause strahlten. Fehlten auch viele liebe Kameraden, fehlten auch die Lieben aus der Heimat. Es fehlte auch der liebe Stollen, die Äpfel und Nüsse und andere Liebesgaben der Heimat. So herrschte dort überall Frohsinn und Heiterkeit, Lust und Liebe bei den Männern die Gaben aus der Heimat erhielten, die die Feldpost brachte.

Zeigten sie doch gegenseitig ihre Geschenke aus der Heimat. Ein Kamerad hatte eine geräucherte Speckseite von seinen Lieben erhalten. Er schnitt den Speck in kleine Stücke und verteilte sie. Freudestrahlende Gesichter zeigten gestern die guten hart geprüften Jungen bei ihren Zigarren und Pfeifen. Auch die Offiziere des Bataillons vereinten sich unter dem Christbaum und beschenkten sich gegenseitig sowie einige Kameraden. Wie soll ich die Worte und die Zeit finden, euch alles dies auch nur annähernd zu beschreiben.

Gestern um 8 Uhr abends traf noch ein Transport preußischer Garde-Landwehr aus Berlin hier ein, 600 Mann stark und nur Männer von 38 bis 40 Jahre. Diese Leute mussten sich von ihren Familien noch vor Weihnachten trennen und hatten neun Tage den Dampfwagen fast nicht verlassen, jetzt fehlt es an Quartieren.

Diese armen alten Männer hatten dazu auch noch sehr starken Hunger. Ihre Führer gingen von einem Haus zum anderen, so recht von Pontius zu Pilatus. Sie hatten schon mehrere Stunden auf dem zugigen kalten Markt zugebracht. Bei den bewegten Worten des Offiziers kamen uns bald die Tränen in die Augen. Den Leuten muss geholfen werden, aber wie? Liebe Herta, wo früher nur eine Kompanie gelegen hatte, liegt jetzt schon ein Bataillon. Zu später Stunde haben sie doch noch ihr Quartier bekommen, und saßen vor den Kaminen, verzehrten den Kartoffelsalat, reichlich Grog und rauchten ihren Tabak.

Montag, 26. Dezember 1870. Die Preußen haben sich ziemlich gut erholt, und nahmen rührend Abschied von den braven Schützen. Für mich hat der Heilige Abend eine mindestens dreifach höhere Weihe erhalten. Wie lange wir noch hier sind ist ungewiss? Wir hoffen, dass der Krieg bald aus ist. Liebe Wilhelmine, ich schreibe so schnell es geht wieder eine Depesche.

Grüße Clara, Luise, Karl-Gustav und die Eltern von mir. Mit herzlichen Grüßen und Küssen

Dein Joseph, Sergeant."

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