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Oschatz Heimatgeschichte: Oschatzer Kinderreime vor einhundert Jahren
Region Oschatz Heimatgeschichte: Oschatzer Kinderreime vor einhundert Jahren
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15:28 12.03.2012

In einem Vorwort zu seinem Aufsatz betont Zeißig, dass er Reime gesammelt habe, die Kinder der Oschatzer Seminarschule um das Jahr 1910 gebrauchten. Nicht wenige Abc-Schützen konnten sechs oder mehr solche Reime vortragen, schreibt der Autor. Manche Verse habe er Kindern auf der Straße und auf der Wiese abgelauscht. Rohes, Anrüchiges habe er nicht berücksichtigt. Und wiedergegeben habe er die Ausdrücke in Hochdeutsch.

Am Schluss seines Vorwortes bemerkt Zeißig: "Nicht jeder Leser wird von der Kinderpoesie nach Inhalt und Form erbaut sein. In vielen Fällen mag der Zwang nach den Regeln "Reim dich oder ich fress dich" und "Reimt sich's nicht, so passt es doch" maßgebend gewesen sein. Die ungereimtesten Dinge müssen sich eben reimen. Jedoch die Schuljugend allerorten findet größtes Wohlgefallen an bloßen Worten und Reimspielereien, am Mischmasch zusammen- gewürfelter Dinge, an tollen Gedankenverbindungen und logischen Flohsprüngen, nicht zuletzt am Schelmischen und Derben. Die Verse sind für die Kinderwelt weniger Gedanken- als Ohrenweide, ein unbewusster Genuss an Rhythmus und Reim. Sie enthalten ja mitunter wunderliche Wortbildungen, lose aneinander gereihte Laute, die sich überhaupt nicht erklären lassen, die aber für die Knäblein und Mägdlein ein Hauptspaß sind".

Anmerkung des Verfassers: Kurt Tucholskys wunderschönes Erstlings-Werk "Rheinsberg", fast zur gleichen Zeit wie die Kinderpoesie-Sammlung entstanden, und die moderne Jugendsprache führen diese Gedanken Zeißigs in ähnlicher Form aus.

Die folgenden Auszüge aus dem umfangreichen Aufsatz des Oschatzer Pädagogen sollen einen kleinen Eindruck von der Oschatzer Kinderpoesie vor hundert Jahren vermitteln. Manches, was der Pädagoge damals aufschrieb, ist heute überholt. Das habe ich weggelassen wie Wiederholungen einiger Reime in ähnlicher Form. Vieles ist noch lesenswert und wird den einen oder anderen Leser der älteren Generation noch an seine Kinderzeit erinnern. Manches ist zum Schmunzeln. Und vielleicht geben die Verse Anregungen zum Nachmachen mit heutigen Kindern. Soweit das vertretbar ist, gebe ich sowohl Zeißigs Ausführungen als auch die Reime in der modernen Rechtschreibung wieder; einige Wörter habe ich ebenso wie Zeißig in unserem Sächsisch wiedergegeben. Führt Zeißig mehrere Versionen von dem einen oder anderen Reim an, habe ich meist nur eine Ausführung angegeben.

Hier eine Auswahl aus der umfangreichen Sammlung von Lehrer Zeißig: Abzählreime (Zeißig: Sie dienten meist zur Ermittlung des Haschers.)

1. Jene, diene (titsche) tatschen, eine ins Gesichte (oder: auf die Backe) klatschen. Eine noch dazu. Und die kriegst du.

Jene, diene, dinn, Und du musst sinn.

2. Auf einem See, See, See, da schwamm ein Reh, Reh, Reh. Und auch ein Pferd, Pferd, Pferd. Das schwamm verkehrt, -kehrt, -kehrt. Jene, diene (sch)wapp, (sch)wapp, (sch)wapp, und du schiebst ab.

Auf einem See, See, See, Da schwamm ein Reh, Reh, Reh. Jene, diene, wapp, wapp, wapp, und du schiebst ab, ab, ab.

3. Ich und du, Müllers Kuh, Bäckers Esel, der bist du.

4. Wir machen nicht (oder keinen) großen Mist und du bist.

5. Auf einem Klavier, da steht ein Glas Bier. Wer daraus trinkt, der stinkt.

6. 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7 meine Mutter kochte (oder schnitt) die Rüben. Meine Mutter schnitt den Speck. Und du bist weg.

7. 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 13 Wie hoch steht der Weizen? So hoch wie ein Bauernhaus. Zuckermännel (oder Zucklernuttel) du bist raus.

8. 1, 2, 3, 4, 5 strick mir ein Paar Strümpf, nicht zu groß und nicht zu klein, sonst musst du der Haschmann sein.

9. Eine kleine Dickmadam fuhr in einer Eisenbahn. Eisenbahn krachte, Dickmadam lachte. Lachte, bis der Schutzmann kam und sie mit zur Wache nahm. Ix, ax ennen, du kannst rennen.

10. In der Lonnewitzer Straße kam der Wurstelmann gesaust. Warum kam er denn so gesaust? Weil er Würste hat gemaust. Ix, ax ennen, du kannst rennen.

11. Sechsmal 6 ist 36. Ist der Mann auch noch so fleißig, ist die Frau sehr liederlich geht die ganze Wirtschaft hinter sich. I, a, u. Raus bist du. Du bist nicht raus, sondern du.

12. In einer Kanne Wasser, in einer Kanne Rum. Und du bist dumm.

13. 1, 2, 3 Butter auf das Brot, Salz auf den Speck. Und du bist weg.

14. Auf einem Berg, da zankten sich zwei Zwerg um eine Lerch. Das war ein Gewärch. I, a, u - du bist nicht raus, sondern du.

15. 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8 Jäger ging auf die Jagd. Wie viel Hasen schießt er tot?

Das Kind, das das Wort "tot" trifft, gibt irgendeine Zahl an, die zur Entdeckung des Haschers abgezählt wird.

16. In einem Tintenfässchen, da saß ein Herkules'schen. Wie sah er aus? Ein Kind nennt eine Farbe, z.B. Grün. Das Weiterzählen folgt aus den Lauten Grün.

17. Morgen früh um sechs kommt die alte Hex. Morgen früh um sieben schabt sie gelbe Rüben. Morgen früh um acht wird der Kaffee gemacht. Morgen früh um neun geht sie in die Scheun. Morgen früh um zehn holt sie Holz und Spähn. Feuert an um elf, kocht dann bis um zwölf Fröschlein, Krebs und Fisch. Hurtig, Kinder kommt zu Tisch! I, a, u, raus bist du. Du bist nicht raus, sondern du Ix, ax ennen, du kannst rennen.

18. 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7 wo ist denn mein Mann geblieben? Was hat er für Hosen an? Jene, diene, wapp, wapp, wapp, und du bist ab, ab, ab.

19. Ich ging einmal nach Engelland.Begegnet mir ein Elefant. Elefant mir Gras gab. Gras ich der Kuh (oder Muh) gab. Kuh mir Milch gab, Milch ich der Mutter gab. Mutter mir ein Dreier gab. Dreier ich dem Bäcker gab. Bäcker mir ein Brötchen gab. Brötchen ich dem Fleischer gab. Fleischer mir ein Würstchen gab. Würstchen ich dem Hündchen gab. Hündchen mir ein Pfötchen gab. Pfötchen ich der Köchin (oder Magd) gab. Köchin mir eine Schelle gab, dass ich in der Ecke lag.

Anmerkung des Verfassers: Zeißig führt zu diesem Reim noch zwei Nebenformen an, die ich hier aber nicht bringe.

Kürzere Form:Zeißigs Einfache Weise:

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