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Oschatz Heimatgeschichte: Sieben Milliarden Mark für ein Brot
Region Oschatz Heimatgeschichte: Sieben Milliarden Mark für ein Brot
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16:01 16.12.2013

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Und in der Wermsdorfer Schule war es im Winter bitterkalt, weil es kein Heizmaterial mehr gab. Zu allem Überfluss setzte am Heiligen Abend noch ein eisiger Schneesturm ein.

Von Christdore Wetzig

In der Amtshauptmannschaft Oschatz ist ab sofort eine Neueinteilung der Polizeiposten vorgesehen. In Wermsdorf unterstehen dem Hauptwachtmeister die Ortschaften: Wermsdorf, Ablaß, Liptitz, Mahlis, Wadewitz, Nieder- und Obergrauschwitz, Reckwitz und Zschannewitz. Die Lebenshaltungskosten in Sachsen steigen im Januar für Ernährung, Heizung, Beleuchtung und Wohnungen. Die Teuerung betrifft auch die Kohle. Ein Zentner Braunkohlenbriketts ab Lager des Händlers kostet ab Februar in Wermsdorf 2106 Mark.

Die böhmische Braunkohle wird in den Orten der Amtshauptmannschaft Oschatz etwa 8000 bis 10 000 Mark kosten. Dabei spielt die Entfernung eine große Rolle bei den Frachtkosten. Die Seidenraupenzucht soll wieder in Deutschland eingeführt werden. Am 17. Februar 1923 feiert der Gesellschaftsverein Tanzfreunde Mutzschen-Wermsdorf sein erstes Stiftungsfest. Da die Knappheit an Zahlungsmitteln noch immer anhält, ist der Verfallstag für Notgeldscheine auch in Sachsen auf Anfang April verlängert worden.

Weitere Teuerungen sind vorgesehen. Schulkinderspeisung wird notwendig für arme und kranke Kinder. Die Auswahl entscheidet der Fürsorgearzt und Lehrer. Kinder, die eine Speisung dringend brauchen, sind beim Vorsitzenden der Speisestelle, dem Ortspfarrer, zu melden. In der Gemeinderatssitzung vom 27. April kam es zum Gespräch, die Aufforderung der Amtshauptmannschaft, kurz vor der Einmündung des Saubaches in den Horstsee eine Kläranlage anzulegen. Diese Aufforderung konnte wegen zu hoher Kosten nicht angenommen werden.

Der Monat Mai war der heißeste Tag seit 50 Jahren. Vielerorts wurden plus 30,5 Grad gemessen. Ein neues Industrieunternehmen ist in der Nähe unseres Ortes im Entstehen geplant. Die Meißener Ofen- und Porzellanfabrik hat auf Wadewitzer Flur, unmittelbar an der Straße Remsa-Glossen nach Kaolin bohren lassen. Die Untersuchung der Erde hatte ein gutes Ergebnis, so dass mit dem Abbau in großem Umfang gerechnet werden kann.

Der Verkehrs- und Verschönerungsverein hat Ruhebänke im Wald und an den Wegen wieder in Stand gesetzt und neue Bänke aufgestellt.

Die Entwicklung der wirtschaftlichen Verhältnisse und die dadurch verursachten Preissteigerungen auf allen Gebieten des Bedarfs brachten große Not in Sachsen. Geldentwertungen und Preiswettlauf hatten zu Missständen geführt. Mitte September kamen Banknoten zu 100 Millionen in den Verkehr. Die Preise die heute gültig waren, stiegen am nächsten Tag schon wieder. Das Geld vom Tag musste verbraucht werden, weil das Geld am nächsten Tag für keinen Einkauf mehr reichte. Die Folgen: Diebstähle am Tag und in der Dunkelheit.

Flurschutz wurde auf den Feldern eingesetzt. In der Dunkelheit war der Flurschutz angewiesen, mit Leuchtkugeln große Flächen zu beleuchten. Zu dieser Not kam noch hinzu, dass das Jahr 1923 ein schlechtes Obstjahr war. Die Witterung während der Baumblüte war kalt und nass, und im Sommer setzte eine anhaltende Trockenheit ein. Alles war klein und verkrüppelt und verfaulte vor der Ernte. Die Sorge um das tägliche Brot steigerte sich von Tag zu Tag. Für die Wintermonate ist eine Notstandsküche in vielen Städten vorgesehen.

Der Bezirksvorstand Oschatz hat Notgeld herausgegeben. Die Scheine lauten über je 100 Milliarden Mark. Ein Brot kostete im Oktober sieben Milliarden Mark. Ein Brötchen hatte den Preis von 200 Millionen Mark. Die Schule hatte kein Heizmaterial und die Gemeindekasse keine Mittel zur Verfügung.

Wenn die angesetzte freiwillige Sammlung im Ort kein Ergebnis bringt, sollte die Schule geschlossen werden.

Trotz dieser nicht vorstellbaren Situation kam der Thomanerchor, wie bereits im Vorjahr, zu einem Konzert in den Goldenen Strauß. Auf Anregung des Oschatzer und Mutzschener Radfahrvereins gründete sich auch in unserem Ort dieser Verein. Bei der Vereinsgründung zählte man bereits 16 Mitglieder. In Mahlis bestand ein Radfahrverein bereits seit dem Jahr 1904.

Weihnachten war vorbei. Der eisige Schneesturm, der schon am Heiligen Abend einsetzte, war nicht einladend für einen Spaziergang in der tief verschneiten Winterlandschaft. Der Arbeiter-Turnverein hatte am ersten Weihnachtsfeiertag im Goldenen Hirsch eine öffentliche Abendunterhaltung mit anschließendem Tanz angesetzt. Eintritt frei!

Christdore Wetzig

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