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Heimatgeschichte: Trotz Bedenken keine Wahl bei Verkehrsträgerwechsel

Heimatgeschichte: Trotz Bedenken keine Wahl bei Verkehrsträgerwechsel

In den 1950er Jahre blühte das Mügelner Schmalspurstreckennetz sowohl im Reise- als auch im Güterverkehr auf. Die Gütertonnage ließ die besten 1930er Jahre hinter sich.

Mügeln.

Doch schon zu diesem Zeitpunkt wurde ersichtlich, dass dieser Trend nicht allzu lange aufrecht erhalten werden konnte. Die Gründe dafür lagen auf der Hand. Das mehrere Jahrzehnte alte Fahrzeugmaterial und der Streckenoberbau wurden aufs Äußerste gefordert. Dennoch wurde an beiden nur so viel ausgebessert, dass die Funktionsfähigkeit erhalten blieb. Modernisierungen blieben Versprechungen.

 

Selbst die höchste Verkehrsverwaltungsstelle, die Reichsbahndirektion Dresden, betrachtete den Schmalspurbahnbetrieb trotz gewisser Transporterfolge als lästiges Anhängsel und Relikt einer vergangenen Zeit. Das traf besonders auf das Mügelner Netz zu, wo die ältesten Fahrzeuge genutzt, die ungeliebte Strickbremse "Heberlein" verwendet wurde. Außerdem herrschte dort ein erheblicher Personalmangel.

 

Vor allem der Personenverkehr geriet schon recht früh ins Blickfeld von Rationalisatoren. Schließlich ließ sich nicht verschweigen, dass sich der aufkeimende Kraftverkehr und die zunehmende Zahl privater Pkw nachteilig auf die Personenbeförderung auswirkten. So genannte Expertengruppen der Direktionen und Ämter begannen ab 1959, das Verkehrsaufkommen aller Schmalspurbahnen zu überprüfen. Im Ergebnis sollten schwach frequentierende oder an der Verschleißgrenze arbeitende Strecken auf die Straße verlagert werden.

 

Im Mügelner Netz traf das deren älteste Verbindung Mügeln-Döbeln, wo der Reiseverkehr stark rückläufig und der Güterverkehr stark saisonabhängig war. Die Zahl von 200 Reisende pro Tag bei sechs Zügen entsprach nicht den Erwartungen. Auch der Streckenbereich Wermsdorf-Neichen, der selbst von den Wermsdorfer Personalen inzwischen als ihr Hinterland bezeichnet wurde, geriet in Einstellungsgefahr.

 

Als der Ministerrat der DDR im Mai 1964 beschloss, 70 Prozent aller Schmalspurstrecken bis 1970 stilllegen zu wollen, musste von Seiten der Reichsbahn so schnell wie möglich Kontakt mit den Kreis- und Bezirksbehörden aufgenommen werden. Dabei blieb diesen Behörden, trotz gewisser Bedenken, gar keine Wahl, als einem solchen Verkehrsträgerwechsel zuzustimmen.

 

Somit wurde laut amtlicher Bekanntmachung entsprechend den Wünschen der Bevölkerung am 14. Dezember 1964 der Reiseverkehr auf der Kursbuchstrecke 164p (Mügeln-Döbeln) eingestellt. In Wirklichkeit wurde diese Stilllegung von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, denn die vier Eisenbahnfreunde aus Aue, Ostrau und Oschatz blieben im Abschiedszug nahezu unter sich. Am gleichen Tag - inoffiziell bereits 1962 - wurde auch die kaum noch genutzte Gmp-Mitfahrklasse (ein Personenwagen) bei nur einigen Zügen der Strecke Mügeln-Kroptewitz fallen gelassen.

 

Nachdem die Direktion Dresden 1966 den Abschied der osterzgebirgischen Stichbahn Mulda-Sayda zu einem euphorischen Volksfest arrangiert hatte, wollte man dies auch beim Abschied des Streckenbereiches Wermsdorf-Neichen so handhaben. Unter dem Motto "Das Alte weicht - das Neue bricht sich Bahn" wurde am 27. August 1967 unter großer Anteilnahme der Bevölkerung ein famos organisiert-inszenierter Verkehrsträgerwechsel durchgeführt. Erstmals verwendete man in diesem Zusammenhang die Bezeichnung "Wilder Robert".

 

Das Vorhaben, 70 Prozent aller Schmalspurbahnen bis 1970 stillzulegen, konnte in Sachsen vorerst nicht umgesetzt werden. Doch mit elf betroffenen Strecken war man auf bestem Wege. Das Aus der Strecke Oschatz-Strehla, die seit 1967 im Schnitt nur noch von 63 Reisende genutzt wurde - zuvor waren es 95 - war von der Direktion schon längere Zeit geplant. Doch die Straßen, auf denen der Personenverkehr per Bus rollen sollte, wiesen die Zustandsrate III/IV auf. Außerdem zögerten organisatorische Probleme zwischen den Kraftverkehrsbetrieben in Meißen und Waldheim den Verkehrsträgerwechsel hinaus. Unspektakulär und plötzlich wurde am 1. Februar 1972 das Aus verfügt.

 

Erst ab dem 24. Februar erfolgte die öffentliche Bekanntmachung, dass die Strecke aus technischen Gründen stillgelegt worden sei. Von dieser Information des Reichsbahnamtes Dresden nahm kaum jemand Notiz. Im gleichen Jahr, nun wieder unter Regie der Reichsbahndirektion Dresden und unter Initiative des Mügelner Bahnhofes, wurde am 30. September der Verkehrsträgerwechsel zwischen Mügeln und Wermsdorf vollzogen. Der zehn Wagen (40 Achsen) lange und von der Wermsdorfer Stammlok 99 584 geführte Abschiedszug stand voll und ganz im Blickpunkt der Öffentlichkeit, erreichte jedoch nicht den Abschiedsstatus von Wermsdorf-Neichen.

 

Nun blieb im Mügelner Schmalspurbahnnetz nur dessen Stammstrecke Oschatz-Mügeln übrig, auf der 1973 noch täglich vier Züge mit Personenbeförderung verkehrten. Hier erreichte am 27. September 1975 ein Zehn-Wagen-Zug mit der Aufschrift "Ich war der Letzte", von Oschatz aus kommend, Mügeln. Dass es hier zu einem würdigen Abschied kam, war der breiten Öffentlichkeit und der Organisation von Eisenbahnern und Eisenbahnfreunden zu verdanken, von denen es inzwischen viele gab. Damit war das aus sechs Streckenbereichen bestandene Mügelner Netz von der Personenbeförderung befreit. Was blieb, war der Güterverkehr auf der 17 Kilometer langen Strecke Oschatz-Mügeln-Kemmlitz, an deren Ast man von nun an mehrfach zu sägen versuchte.

Reiner Scheffler

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