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Oschatz Heimatgeschichte: Wellness in der Badergasse
Region Oschatz Heimatgeschichte: Wellness in der Badergasse
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16:28 03.12.2012
Oschatz

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Von Dr. Manfred Schollmeyer

Heute verbinden wir mit "Wellness" mehr, begegnen dem Begriff unter anderem in den Angeboten der "Freizeitindustrie", der Krankenkassen, der Apotheken sowie der "Ernährungsapostel" und werden an gesundheits-bewusstes Freizeitverhalten, gesunde Ernährung sowie entspannende Stunden in Bädern, Saunen und auf den Massagebänken der modernen "Wellnesstempel" erinnert. Aber ist das alles so neu?

Im Mittelalter hatte sich der Beruf des Baders herausgebildet, der sich als "Arzt der kleinen Leute" unter anderem der Wundbehandlung, dem Aderlass, dem Schröpfen, dem Haar- und Bartschneiden und der Körperpflege in den Badestuben zuwandte.

Diese Badestuben entwickelten sich im 16. Jahrhundert zu Zentren des gesellschaftlichen Lebens und die Bader kümmerten sich neben der körperlichen Reinigung und Pflege in den Zubern und auf den Schwitzbänken auch um Geselligkeit sowie gutes Essen und Trinken und verkauften Seelenbäder an das wohlhabende Publikum. Sie wollten damals schon körperliches Wohlbefinden vermitteln und die Gesundheit fördern, bevor besonders geschäftstüchtige Bader die Badestuben in manchen Städten zu Bordellen ausbauten, was dem Ansehen auf Dauer schadete, die Kirche auf den Plan rief und letztendlich zum Verbot dieser Häuser führte.

In Oschatz sind zwei Badestuben seit dem 14. Jahrhundert nachgewiesen. Die sogenannte "Oberbaderey" befand sich in der Rosmaringasse nahe der Obermühle, brannte 1616 ab und wurde danach nicht wieder aufgebaut. Dagegen hat die "Niederbaderey" in der Badergasse Nr. 14 noch nach dem Stadtbrand von 1616 bestanden. Allerdings ist nicht bekannt, wann diese mittelalterliche Badestube geschlossen wurde.

Zweifelsfrei war das Badehaus in der Zeit seines Bestehens das dominierende Gebäude in der Badergasse. Wie es dort zugegangen ist und wie es aussah wissen wir bis heute nicht. Man darf aber davon ausgehen, dass die Beschreibung des öffentlichen Badebetriebes durch den Nürnberger Meistersinger Hans Sachs (1494 bis 1576) auch für die Oschatzer Badestuben zutrifft. Bei ihm heißt es: "Nach dem Ablegen der Kleider wurde der Gast willkommen geheißen. Eine 'Untermaid' besorgte das 'Einnetzen' mit einer Lauge, die in den Badestuben nach diversen Rezepten selbst hergestellt wurden."

Und im Universallexikon von Johann Heinrich Zedler (1706 bis 1751) wird eine "Baderey" 1733 so beschrieben: "[-] Es ist nämlich ein niedriges Gemach, an dessen einem Ende ein Ofen, neben diesem Ofen aber ein Kessel mit heißen und ein Kübel mit kalten Wasser ist, daraus man schöpfen, und wie man es brauchen will, die Wärme mäßigen kann. An den Wänden sind Bänke vor und über einander, darauf man sich höher oder niedriger setzen kann, nachdem man stark oder gelinde zu schwitzen verlanget, und diese werden die Schwitzbänke genannt.

Diejenigen, welche nass baden wollen, setzen sich in eine Badewanne, die mit Wasser angefüllt ist. In diesen Stuben ist nun jemand bestellt, der die Badegäste aufwartet, auch ist ein Bader bei der Hand, wenn jemand schröpfen will."

Neben diesen Beschreibungen gibt es zahlreiche bildliche Darstellungen, auf denen man leicht das gesellige Leben und das frivole Miteinander in den Badestuben des Mittelalters erkennen kann.

Eine Renaissance erlebte das Badewesen in der Badergasse Nr. 14 zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Nachdem seit dem Ende des 18. Jahrhunderts neben einem Chirurgen verschiedene Handwerker das Anwesen in der Badergasse Nr. 14 bewohnt und bewirtschaftet hatten, kaufte der Konditor Franz Starke 1895 das Grundstück von dem Böttchermeister Heinrich Zimmermann, baute das Haus um und eröffnete die Gastwirtschaft "Zur guten Quelle".

Die Besitzer und Pächter wechselten danach bis 1902 jährlich, was vermuten lässt, dass die Wirte mit dem "Geschäft" nicht zufrieden waren. Außerdem kamen sie wiederholt mit den Gesetzen in Konflikt. Allein zwischen 1898 und 1900 gab es drei Anzeigen gegen die Gastwirte, denen die Duldung sexueller Übergriffe und mangelhafte Hygiene in ihren Räumen vorgeworfen wurden. Das änderte sich 1902. Der Gastwirt Max Kießig erwarb die Gastwirtschaft "Zur guten Quelle" und erweiterte das Etablissement mit dem Bau eines Badehauses. Er hatte schon 1901 gemeinsam mit dem Bademeister Paul Forkel und dessen Ehefrau Selma ein "Dampfbad mit Massage-Institut" und eine Gastwirtschaft im Grundstück der Herrmann'schen Jalousiefabrik in der Theodor-Körner-Straße Nr. 7 eingerichtet.

Mit diesen Erfahrungen fügte er nun in der Badergasse die Gastwirtschaft "Zur guten Quelle" mit dem neuen Badehaus zusammen und nannte das Anwesen seit der Eröffnung im November 1902 "Restaurant Carolabad". Mit irisch-römischen Heißluftbädern, russischen Dampfbädern, sechs Wannen für kohlesaure Bäder, Fichtennadelbädern, sechs Duschplätzen und Massagen wurde das Bad in Betrieb genommen und hielt für die damalige Zeit ein breites Angebot unterschiedlichster Bademöglichkeiten für das Wohlbefinden der Gäste bereit. Zudem war es möglich geworden, nach dem Besuch des Bades die räumlich angeschlossene Gastwirtschaft zu besuchen. Damit war im Zentrum der Stadt eine neuartige gastronomische Einrichtung zum "Wohlfühlen" für Körper und Geist entstanden, heute würde man von einer "Wellness-Landschaft" oder einem "Wellness-Tempel" sprechen, denn das Konzept des Etablissements unterschied sich in nichts von den heutigen "Wellness-Einrichtungen".

Ob damit auch ein "Lusttempel" wie bei den Badern des Mittelalters entstanden war, den die Gesetzeshüter ständig im Auge haben mussten, weil von der Vorgeschichte durchaus denkbar, ist nicht bekannt. In den Geschäftsanzeigen des Etablissements bemühten sich der Bademeister und der Gastwirt wiederholt, auf die "peinlichste Sauberkeit" des Bades und auf das angenehme Ambiente des "bürgerlichen Familien-Verkehrslokals" hinzuweisen. Wie letztendlich die Angebote aus Küche, Keller und Bad von den Oschatzern angenommen wurden, ist nicht überliefert.

Dafür ist gesichert, dass Restauration und Bad schon 1911 und 1912 die Bierhähne schließen und die "Wasserspiele" beenden mussten. Es hatte sich wahrscheinlich alles nicht so richtig gerechnet.

Mit der Übernahme des Anwesens durch den Gastwirt und Rossschlächter Hermann Forker im Jahr 1912 änderte sich das Milieu schlagartig. Die seriöse "Schank- und Speisewirtschaft mit Rossschlächterei" wurde schnell über die Grenzen der Stadt bekannt und gehörte noch Jahrzehnte mit der "Wollwarenfabrik von Heinrich Nuster", später VEB Erstlings- und Kinderbekleidung Oschatz (EKO), zu den wichtigsten Gebäude für die Anwohner und Besucher der Badergasse.

Heute dominiert der "Nusterhof" allein die Badergasse. Natürlich ist das restaurierte Gebäude kein "Wellnesstempel", oder doch? Dann aber nur im besten Sinne des Wortes, ein Haus mit modernen Wohnungen zum Wohlfühlen und Gewerberäumen im Dienste der Gesundheit.

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