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Oschatz Helfer auf vier Pfoten: Oschatzer Tierärztin bildet Blindenführhunde aus
Region Oschatz Helfer auf vier Pfoten: Oschatzer Tierärztin bildet Blindenführhunde aus
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16:00 21.03.2016
Blindenführhunde müssen für die sehbehinderte oder blinde Person Hindernisse erkennen und ihr Herrchen sicher vorbeileiten Quelle: LVZ
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Oschatz

„Sitz!“, „Platz!“, „Bleib!“ und viele andere Hörzeichen – insgesamt mehr als 30 – müssen Blindenführhunde kennen, um ihr blindes Herrchen oder Frauchen im öffentlichen Raum sicher zu begleiten. Dafür müssen die Vierbeiner viel lernen, und zwar in einer neunmonatigen Ausbildung. Diese bietet auch Tierärztin Guntrun Heidemann an.

„Ich bin eine Quereinsteigerin. Nach der Wende musste ich mich als Großtierpraktikerin neu orientieren und bin auf die Ausbildung von Führhunden gestoßen“, erzählt sie. Im Herbst 1997 habe sie dann ihren ersten Welpen für eine Ausbildung gekauft. Es war die schwarze Labrador-Hündin Sissi.

Seit 1997 Jahren bildet Gudrun Heidemann Blindenführhunde aus. Im Jahr zwei. Nach der Wende hatte Gudrun Heidemann noch als Tierärztin für Großtiere praktiziert. Später musste sie sich neu orientieren und entschied sich, Blindenführhunde auszubilden.

„Die auszubildenden Tiere werden erst einmal gehalten und erzogen wie ein Familienhund. Wenn sie ein Jahr alt sind, kann mit der Spezialausbildung begonnen werden – wenn die vorherige Untersuchung keine gesundheitlichen Auffälligkeiten feststellt.“ Wenn der „Tüv“ für Hunde doch etwas feststelle, müsse das jeweilige Tier ausgemustert werden. Im Jahr unterrichte die Oschatzerin etwa zwei Hunde. „Es kontaktieren mich blinde Bürger, die einen Hund möchten, und meist haben sie auch Vorstellungen zu der Rasse. Gern werden Großpudel genommen, weil die keine Haare verlieren“, sagt Guntrun Heidemann. Außerdem seien sie die perfekten Allergiker-Hunde. Die „Lehrerin“ hat aber neben Großpudel auch schon Golden Retriever auf ihre künftige Führarbeit vorbereitet, Riesenschnauzer und Labradore.

Nur zwei Schulen in der einstigen DDR

„Blindenführhunde gibt es schon seit dem Ersten Weltkrieg. Und Collis waren die ersten, die dafür genommen wurden“, weiß die Tierärztin. In der DDR habe es nur zwei Schulen dafür gegeben, eine in Potsdam und eine in Erfurt. Jetzt seien es vielleicht 50 oder sogar mehr in ganz Deutschland.

Derzeit steckt Quanta im Geschirr, die einmal einem blinden Mann bei Hannover helfen soll. Mit der schwarzen Labrador-Hündin zeigt die Tierärztin, was der Hund können, auf welche Hörzeichen er reagieren muss. Die Tierärztin sagt aber auch, dass es Hunde gibt, die sich für diese Aufgabe nicht eignen: „Dazu gehören wie erwähnt kranke Hunde, sehr dominante Tiere oder auch Huskys.“

Wenn sie die Ausbildung mit den einjährigen Hunden beginnt, geht es zuerst 20 Minuten schnurgerade auf dem Fußweg entlang. „Dann muss er Bordsteine erkennen und anhalten. Wenn frei ist, kann die Straße überquert werden. Und auf der anderen Seite muss er vor dem Bordstein auch wieder stehenbleiben.“

Die Schwierigkeitsgrade würden langsam gesteigert. Einem Blindenführhund werde auch gelehrt, Zebrastreifen zu erkennen und zu nutzen, weil diese Übergänge für die Personen mit Handicap sicher sind. „Da es in Oschatz keine gibt, fahre ich nach Riesa und übe dort mit den Hunden.“ Das dauert aber schon vier Wochen, bis der Hund das begriffen hat.

Fahrstuhl- und Straßenbahnfahren in Leipzig

„Wenn wir nach Leipzig reisen, kommt noch eine Schwierigkeit dazu, nämlich das Zugfahren mit Ein- und Aussteigen, und dass der vierbeinige Helfer auf andere Reisende Rücksicht nimmt.“ Und in Leipzig werde zum Beispiel im Zentrum auch geübt, sicher durch Menschenmassen zu laufen, Straßenbahn zu fahren und im Kaufhaus Fahrstuhl und Kasse zu finden.

Als Quanta merkt, dass Besuch da ist, freut sie sich und hat gar keine Lust auf Schule. Guntrun Heidemann muss eingreifen. Sie macht auch nicht viel Federlesen, denn die Hündin muss gehorchen. Dann führen beide vor, was Quanta schon alles kann. Die Ausbilderin ist zufrieden. Sie spart nicht mit Lob. „Es gibt ein ,super’ zu hören anstatt eines Leckerlis. Wenn die Vierbeiner jedes Mal ein Schmacko bekommen würden, müssten sie am Ende der Ausbildung erst einmal eine Schlankheitskur einlegen“, scherzt die Tierärztin, die jeden „fertigen“ Hund persönlich zu der Person bringt, die den Vierbeiner bestellt hat.

„Wenn der Hund mit mir und seinem neuen Besitzer den Einführungslehrgang absolviert hat und ich sicher bin, dass beide harmonisch zusammengefunden haben, melde ich die Prüfung an. Das heißt, der Blinde muss mit seinem neuen Hund vor einem unabhängigen Prüfer zeigen, dass das Tier alle wichtigen Situationen meistert“, berichtet die Lehrerin. Dafür gebe es ein einheitliches Prüfungsprotokoll mit über 20 Fragen. Das reiche von Unterordnungsübungen über schwierige Verkehrssituationen bis zum Verweigern der Rolltreppe. „Führhunde dürfen Rolltreppen nicht betreten, weil sie sich die Zehen einklemmen könnten.“

Die Prüfer seien meist erfahrene Hundetrainer oder Mobilitätstrainer, die eine kleine Zusatzausbildung gemacht haben, dürften aber selbst keine Führhundschule haben – wegen der objektiven Beurteilung. Erst nach der bestandenen Prüfung bezahle die Krankenkasse die laut Kostenvoranschlag genehmigte Summe. Das könnten bis zu 20 000 Euro sein.

„Diese Prüfungen gibt es seit etwa zehn Jahren und sind für die Kassen eine Art Qualitätskontrolle. Denn es gab schwarze Schafe unter den Führhundschulen.“

Von Gabi Liebegall

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