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Henriette Kretz berichtet Stauchitzer Schülern über die Verfolgung der Juden

Zeitzeugin Henriette Kretz berichtet Stauchitzer Schülern über die Verfolgung der Juden

Henriette Kretz ist 82. Sie erlebte eine glückliche Kindheit. Die war für das jüdische Mädchen und ihre Familie abrupt vorbei, als deutsche Truppen ihre polnische Heimat besetzten. Die Zeitzeugin berichtete den Schülern der Klassenstufen 8 und 9 in der Oberschule Stauchitz vom Verstecken, Gefängnis und Ghetto und der Hoffnung auf das Überleben.

Henriette Kretz war eins von zwei Mitgliedern ihrer großen Familie, die die Verfolgung der Juden überlebte.

Quelle: Axel Kaminski

Stauchitz. Henriette Kretz, geboren am 26. Oktober 1934 hat schon eine Menge erlebt. Das liegt nicht nur an ihren vielen Lebensjahren, sondern auch daran, dass sie als jüdisches Mädchen im damals polnischen Lemberg (heute: Lwiw/ Ukraine) aufgewachsen ist.

An die Anne-Frank-Oberschule war sie am Mittwoch gekommen, um über ihre Erlebnisse während der deutschen Besatzung zu sprechen, über eine Zeit, in der die „Judenfrage“ „endgültig gelöst“ werden sollte.

Ihrem Publikum, den Schülern der Klassenstufen 8 und 9, schilderte sie zunächst ihre Kindheit auf dem Lande, die sie als glücklich bezeichnete. Als Arzt kam ihr Vater als erster in der Familie mit dem Krieg in Berührung. Wegen der Verwundeten habe auch sie schnell begriffen, dass der Krieg etwas Schlimmes sei.

Vor dem Krieg floh die Familie aus dem Westen Polens in den Osten des Landes., wo der Vater eine Stelle in einem Heim für tuberkulosekranke Kinder fand. Als die Deutschen den Nichtangriffspakt mit der Sowjetunion brachen, kam die neue Heimat der Familie unter deutsche Besatzung und ihr Leben änderte sich grundsätzlich. Henriette Kretz berichteten den Schülern von den einschneidenden Veränderungen bis zur Aufforderung, in das jüdische Stadtviertel umzusiedeln. Später wurde das Mädchen bei einer polnischen Familie versteckt. Zu diesem Zeitpunkt waren zahlreiche andere Kinder und alte Menschen aus jüdischen Familien bereits erschossen worden..

„Die jungen SS-Soldaten, die an den Erschießungen beteiligt waren, dachten, sie tun etwas Gutes, vernichten Feinde und Untermenschen“, erklärte Henriette Kretz den Schülern. Niemand werde als Mörder geboren. Aber man könne fast jeden Menschen dazu bringen, für eine Idee oder Religion zu töten. „Man hat ihnen das Gehirn gewaschen. Das ist leicht“, kommentiert die Zeitzeugin das Geschehen und schlägt damit den Bogen in die Gegenwart

Henriette Kretz wurde in ihrem Versteck entdeckt, kam – immer noch war sie ein Kind – ins Gefängnis, wurde von dort später ins Ghetto überstellt, wo sie wieder ihre Eltern traf. Von dort gelang der Familie die Flucht in ein Versteck. „Als wir vom Rückzug der deutschen Truppen hörten, hofften wir auf das Überleben“, erzählt die 82-Jährige. Die Familie wurde entdeckt und abgeführt. Während der Tochter die Flucht gelang, hörte sie hinter sich Schüsse und Schreie. Auf sich allein gestellt suchte und fand sie bis zur Befreiung Schutz in einem Waisenhaus.

„Wir haben im Unterricht ziemlich viel über den 2. Weltkrieg gehört“, Natalie Beuchler (14) aus Oschatz. Vieles davon decke sich mit dem, was sie nun erfahren habe, manches nicht. Völlig neu sei diese Schilderung aus einer ganz persönlichen Perspektive. „Sie hat Schreckliches erlebt“, stellt die Oschatzerin fest. Die Ruhe im Speisesaal sei ein Indiz dafür, dass die sonst nicht ganz so ruhigen Schüler den Vortrag mit Interesse verfolgten.

„Wir behandeln den 2. Weltkrieg seit Beginn des zweiten Halbjahres im Geschichtsunterricht“, berichtet Harm Krüger (13) aus Ganzig. Mit fortschreitender Zeit sei bei ihm das Interesse gesunken. Zwar hätte auch der Bericht von Henriette Kretz ein paar Längen gehabt, aber „die Frau hat etwas, dass einen fesselt, wenn sie erzählt.“ Das sei schon etwas anderes, als wenn die Lehrer diesen Stoff im Unterricht behandeln.

Nachzulesen ist das Schicksal von Henriette Kretz im Buch „Willst Du meine Mutter sein?“

Von Axel Kaminski

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