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Oschatz Gestüt Cavertitz rettet Fohlen Chitto
Region Oschatz Gestüt Cavertitz rettet Fohlen Chitto
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09:33 28.08.2018
Rainer Schmidt, Lydia Richter und Kathrin Burkhardt (v.l.n.r.) kümmeren sich jeden Tag um Chitto. Quelle: Foto: Kristin Engel
Cavertitz

Während alle Pferde in Cavertitz gemütlich auf der Koppel stehen und genüsslich das grüne Gras kauen, kommt ein kleines Fohlen laut wiehernd quer über die Wiese gelaufen. Denn es hat seine Eltern und den schwarzen Eimer, den sie bei sich haben, gesehen. Seine Eltern besitzen jedoch keine Hufe, sondern stehen auf zwei Beinen. Es sind Lydia Richter, Rainer Schmidt und Kathrin Burkhardt, die dem kleinen Wesen mit liebevoller Hingabe und vielen schlaflosen Nächten eine Chance auf ein Leben ermöglicht haben.

Das kleine Fohlen erblickte am 30. April im Gestüt Sachsen das Licht der Welt. Lydia Richter kam nur wenige Minuten, nachdem es geboren wurde, hinzu. „Er hatte da bereits sehr lange Beine und Schwierigkeiten aufzustehen. Ich habe ihn aufgerichtet, damit er trinken konnte. Seine Mutter quietschte, als er saugen wollte. Es war ihr erstes Fohlen. Ich habe sie leicht angemolken, dadurch ging der Druck weg und das Fohlen konnte saufen. Das war herrlich zu sehen.“ Doch nicht immer meint es das Schicksal gut. Denn nur fünf Tage später starb in der Nacht ganz unerwartet die Mutter des kleinen Chitto.

Milchpulver organisiert

Es musste sofort gehandelt werden, wenn die Pferdeliebhaber das Hengstfohlen nicht auch verlieren wollten. Es war auch nicht bekannt, wann der Kleine das letzte Mal getrunken hatte. So wurde in Windeseile Milchpulver speziell für Fohlen organisiert. „Was auch in der Kürze der Zeit nicht ganz so einfach war. Immerhin handelte es sich um genau die Zeit, in der viele Fohlen zur Welt kommen und die Milch nicht so einfach erhältlich war. Selbst die Klinik in Leipzig konnte nichts mehr rausgeben“, erinnert sich Lydia Richter, die auf dem Gestüt ihre Freizeit verbringt, an die Tage voller Angst um das Leben des Tieres. Zudem gab es noch die große Sorge, dass der Kleine die Flasche nicht annimmt.

Ein bestimmter Nuckel muss es sein

Den Tierpflegern fiel deshalb ein Stein vom Herzen, als das kleine Pferd die Flasche nach anfänglichen Schwierigkeiten annahm. „Doch er trank nur, wenn ein ganz spezieller Nuckel an der Flasche befestigt wurde. Es durfte kein anderer sein. Das war gar nicht so einfach. Am Anfang bekam er ja noch 900 Milliliter Milch auf drei Flaschen verteilt. Der Nuckel musste immer von der einen auf die andere Flasche gesteckt werden. Und da man ja nur zwei Hände hat, musste man schnell die dritte Flasche holen. In der Zeit hat Chitto schon lautstark nach Nachschub verlangt.“ An einen ähnlichen Fall konnte sich Rainer Schmidt erinnern, der daher mit seinen Erfahrungen den beiden Frauen zur Seite stand. Auch hier war es ein Fohlen, das nur sehr schlecht die Milch aus der Flasche annahm. „Doch sie hat es geschafft! ‚Pretty Girl No 1‘ ist mittlerweile sieben Jahre alt und noch immer hier in Cavertitz.“

Für den kleinen Chitto hatten sie sofort versucht, eine geeignete Umgebung zu schaffen. „Wir haben uns ein Schaf besorgt“, sagt Kathrin Burkhard mit einem Schulterzucken. Eine andere Lösung gab es vorerst nicht, doch der frisch geborene Hengst sollte nicht alleine bleiben. So hörten sich Chittos Pflegeeltern einmal in der Nachbarschaft um – und ein Schäfer aus dem Dorf stellte schließlich eines seiner Schafe als Fohlen-Gesellschaft im Stall zur Verfügung. „Das war natürlich nicht die geeignetste Lösung, denn die beiden hatten sich nicht wirklich etwas zu sagen, aber sie waren nicht alleine. Das war das Wichtigste. Auch nach einer Ammen-Stute wurde gesucht“, erinnert sich Lydia Richter. All das spielte sich innerhalb weniger Tage, teils binnen Stunden, ab.

Die Oma springt ein

Eine Stute war bald gefunden, doch leider gab sie keine Milch. „Milchpulver ist natürlich ein super Mittel, um ein Fohlen aufzupäppeln, doch leider befinden sich in dieser natürlich nicht die Abwehrstoffe, die es über die echte Muttermilch bekommen kann.“ Bei der Stute, die von Stockhausen nach Cavertitz gebracht wurde, handelte es sich nicht um ein fremdes Tier. Es war die leibliche Großmutter von Chitto. Stück für Stück wurden sie zusammengeführt. Am Tag kamen beide gemeinsam auf die Wiese, in der Nacht kam Chitto wieder zu seinem Schaf, bis die Zusammenführung schließlich nach wenigen Tagen gelang und das Schaf zurück in seine Herde konnte.

Ziehoma Hera kümmert sich seitdem rührend um ihr kleines Enkelfohlen und bringt ihm auch das Einmaleins eines Pferdes bei. Denn nicht nur die Milch ist für das Fohlen wichtig, sondern auch der mütterliche Schutz und die Erziehung. Ohne diese werden sie zu sehr vermenschlicht und gehen mit Menschen wie mit Artgenossen um. Davon kann Lydia Richter ein Lied singen. „Natürlich habe ich auch mit ihm gekuschelt, er war ja so klein und süß, aber schnell musste ich feststellen, dass auch so ein Fohlenhuf wehtun kann. Auch das anfängliche freundliche Knabbern schlug bald in feste Bisse um. Da musste ich ihn auch das eine oder andere Mal verwarnen, dass es so nicht geht“, erzählt Lydia mit einem Augenzwinkern.

Dauereinsatz für die Helfer

Chitto merkte schnell, dass am Gesäuge seiner Oma keine Milch floss und stellte die Versuche bald ein. Umso mehr hieß es für die drei Helfer: Dauereinsatz. Während Rainer Schmidt und Kathrin Burkhardt fest im Gestüt angestellt sind und sich auch während der Arbeitszeit immer um das kleine Pferd kümmern konnten, verbrachte Lydia Richter ihre Zeit hier hauptsächlich ehrenamtlich, um den kleinen Chitto aufzupäppeln. „Wir drei wurden schnell zu einem eingespielten Team. Am Anfang musste er alle zwei Stunden gefüttert werden. Wir wussten nie, ob er es schaffen wird. Wir konnten nur unser Bestes geben. Wir hatten und haben auch jetzt noch einen richtigen Schichtplan und können uns blind aufeinander verlassen.“

Lydia Richter wohnt in Oschatz. Oft übernahm sie die Nachtschichten, was bedeutete, dass mitten in der Nacht der Wecker klingelte. „Wie oft habe ich den Wecker verflucht? Rainer und Kathrin wohnen gleich in der Nähe. Bei mir hat es sich nicht gelohnt, mich noch einmal hinzulegen. Doch ich konnte oft nach dem Füttern nochmal bei Kathrin vorbeikommen, wir schnatterten und fuhren dann meistens gemeinsam zu Chitto. Denn auch wenn es sehr an den Kräften gezehrt hat, haben wir uns immer darüber gefreut, bei dem Kleinen sein zu können. Rainer hatte uns immer als kleine Stärkung und Motivation eine Tafel Schokolade bereitgelegt.“

In der Tierklinik

Trotz all der Mühe verweigerte Chitto nach vier Tagen die Milch. Er legte sich immer wieder hin, hatte Durchfall und war apathisch. War letztendlich alle Mühe umsonst gewesen? Sofort wurde er in die Tierklinik eingeliefert. „Es war eine schreckliche Zeit für uns. Obwohl er erst wenige Tage auf der Welt war, war die Bindung zu ihm unglaublich stark. Wir wussten nicht, ob wir ihn wiedersehen würden. Uns fiel ein Stein vom Herzen, als uns nach drei Tagen Bangen gesagt wurde, dass wir ihn wieder holen konnten.“ In dieser Zeit hatten es die Tierärzte geschafft, ihn weg von der Flasche und an den Eimer zu gewöhnen. „Als wir ihn holten, sagte man uns, dass wir ihm die Milch unbedingt in einem schwarzen Eimer geben sollten. Wir wunderten uns sehr. Als wir wieder in Cavertitz angekommen waren, hatten wir keinen schwarzen Eimer parat und füllten die Milch in einen weißen. Chitto hat keinen Schluck daraus getrunken. Schnell suchten wir überall nach einem schwarzen Eimer. Zu unserer Verwunderung hat er daraus sofort getrunken. Seitdem achten wir genau darauf, dass dieser Eimer nicht wegkommt.“

Innere Uhr im Pferde-Rhythmus

Zu dieser Zeit brauchte der junge Hengst noch alle drei Stunden seine Milch. Mittlerweile trinkt er etwa viermal am Tag jeweils 3,2 Liter. „Er ist mit draußen auf der Weide, frisst Gras und Äpfel. Ich denke, bald wird er keine Milch mehr brauchen.“ Und auch das Fell von ihm hat sich verändert. „Er ist jetzt schon komplett durchgehaart. Ein Fohlen hier bei uns, das zwei Monate älter ist als Chitto, ist noch nicht soweit. Er hat lange Beine und sieht einfach toll aus. Darauf sind wir sehr stolz“, sagt Kathrin Burkhardt.

Wenn die drei ihn jetzt so sehen, dann vergessen sie fast, dass sie – um dieses Fohlen zu retten – beinahe auf dem Zahnfleisch gekrochen sind, unter chronischem Schlafmangel litten und die Angst im Herzen trugen, dass letztendlich alle Mühe umsonst sein könnte. Doch der Anblick, den ihnen der kleinen Chitto – was übrigens „tapfer“ bedeutet – nun bietet, macht all den Kummer und die Sorgen wieder wett. „Wir redeten wie mit einem Kind mit ihm, gingen noch dreimal zurück, um ihm eine gute Nacht zu wünschen. ‚Du musst Milch trinken, damit du groß und stark wirst.‘ Wir waren froh, dass uns keiner gehört hat.“ Die beiden Frauen brechen in Lachen aus und es scheint so, als wäre es Rainer Schmidt nicht viel anders gegangen. Natürlich sei es toll, nachts einmal durchschlafen zu können, doch sie werden trotzdem um drei in der Nacht wach. Die innere Uhr hat sich ganz an den Rhythmus des kleinen Pferdes angepasst.

Noch bis Ende September bekommt Chitto regelmäßig seine Milch. Ein wenig wehmütig sehen die drei Pfleger dieser Zeit entgegen. „Der Kleine strahlt die pure Lebensfreude aus und hat wahnsinnig viel Energie. Dieses süße Wiehern, wenn er uns und seine Milch sieht, entschädigt für die schlaflosen Nächte. Eine Dankbarkeit, die so ein kleines Wesen einem entgegenbringt, geht ans Herz. Das zu sehen macht uns glücklich. Wir hoffen, dass aus ihm einmal ein tolles Reitpferd oder gar ein richtiger Hengst wird“, sind sich die drei sicher.

Von Kristin Engel

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