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Hüpfen für den Titel – in Dahlen trainieren Rassekaninchen Hindernislauf

Ungewöhnlicher Wettkampf Hüpfen für den Titel – in Dahlen trainieren Rassekaninchen Hindernislauf

Sowas machen sonst nur Pferde: In Dahlen lassen Züchter ihre Rassekaninchen über Hindernisse hüpfen. Kaninhop heißt der skurrile Sport, der ursprünglich aus Schweden kommt. Selbst Zwerghasen scheinen Spaß am Hoppel-Training zu haben – was der derzeitige Sprungrekord beweist.

Hartes Training: Im Kaninhop werden internationale Turniere ausgetragen.

Quelle: Dirk Hunger

Dahlen. Der Anblick von Tieren auf dem Dahlener Kirschberg ist etwas Alltägliches. Auf der Anhöhe vor der Heidestadt wird traditionelle Landwirtschaft gepflegt, und dazu gehören auch alte Haustierrassen sowie Sportpferde. Letztere stehen hier auf der Weide oder werden in der Halle für den nächsten Springwettbewerb trainiert. An einem trüben Wintertag werden genau an dieser Stelle Hindernisse zu einem Parcours aufgebaut, Abstände festgelegt und Höhen bestimmt. Allerdings sind all diese Hindernisse gerade einmal eine Hand breit über dem sandigen Hallenboden. Und von Pferden keine Spur. Stattdessen werden Kaninchen auf den Parcours geführt. An der Leine.

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Der Rassekaninchenzuchtverein S 837 Döbeln-Pommlitz hat eine eigene Kaninhop-Gruppe. Dort trainieren die sportlichen Vierbeiner an Geschirr und Leine für Wettkämpfe. Nebeneffekt des Hoppel-Parcours: Die Zwergkaninchen werden nicht fett.

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So weit so schräg. Das, was auf dem Dahlener Kirschberg regelmäßig stattfindet, ist Kaninhop – eine Art Hindernislauf für Kaninchen. Und keinesfalls eine Spinnerei für ein paar tierversessene Einzelgänger. Die Sportart gibt es schon seit den 1970er-Jahren, sie kommt ursprünglich aus Schweden, und es werden sogar internationale Wettbewerbe darin ausgetragen. Was zunächst nur ein paar Kaninchenzüchter interessierte, findet auch in Deutschland mehr und mehr Anhänger. Leipzig war sogar schon Gastgeber für die Europameisterschaften.

Auch der Rassekaninchenzuchtverein S 837 Döbeln-Pommlitz hat eine eigene Kaninhop-Gruppe. Mitglieder wie Conny Schuknecht aus Döbeln und Nicole Zieger aus Liptitz kommen zum Training im Winter mit ihren Tieren nach Dahlen. Und es sieht zugegebenermaßen reichlich putzig aus, wenn die Frauen ihre Zwergkaninchen an Geschirr und Leine in die Halle führen. Hat ein Tier seine Aufgabe gut gemeistert, muss man schon gaaaanz tief in die Knie gehen, um lobende Streicheleinheiten zu verteilen. Man kannt sich gut vorstellen, wie die Reiter bei der ersten Begegnung mit den Winzlingen in der Halle ihre Witze gerissen haben.

Skurrile Sportart

Skurrile Sportart: Nicole Zieger achtet darauf, dass ihr Kaninchen beim Sprung eine gute Figur macht.

Quelle: Dirk Hunger

„Das ist schon ein ungewöhnliches Hobby und man muss viel erklären“, räumt Nicole Zieger ein. Deshalb habe sie es nicht verwundert, dass die Reitsportler erst einmal skeptisch waren, als die Kaninhop-Anhänger sich zum Training die Halle teilen wollten. „Wenn die Leute aber sehen, was unsere kleinen Kerle leisten, haben sie Respekt“, hat die 25-Jährige schon oft erlebt.

Beide Frauen haben sich schon vor Jahren vom Hoppel-Sport anstecken lassen. „Erfunden haben es die Schweden, ursprünglich, um ihre Rassetiere zwischen den Ausstellungsterminen zu beschäftigen. Die Kaninchen sollten nicht fett werden und bei den Schauen eine gute Figur machen“, erklärt Nicole Zieger. Leuchtet ein: Wer auf dem Laufsteg punkten will, muss gut aussehen. Topmodel lässt grüßen. „Der Sport hat sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Die Kanadier sind groß dabei, Tschechen und Franzosen auch, und Deutsche und Schweden liefern sich bei europäischen Wettkämpfen seit Jahren richtige Duelle an der Spitze“, erzählt Conny Schuknecht. Die 27-Jährige stieg zunächst klassisch als Züchterin in den Verein ein, mittlerweile steht bei ihr allerdings ausschließlich Kaninhop im Fokus, seit 2014 trainiert sie ihre Tiere. Unter den 32 Vereinsmitgliedern gibt es bislang sechs Gleichgesinnte.

Egal ob jemand Zwergwidder, rote Neuseeländer oder Holländer züchtet – für den Sport eignet sich nahezu jede Rasse. Auch Mischlinge sind dabei und so winzige Zwergkaninchen, dass man kaum deren Läufe sieht, geschweige denn glauben kann, dass diese Hoppler den Satz über ein Hindernis schaffen. „Doch, schaffen sie“, sagt Nicole Zieger im Brustton der Überzeugung und lässt es ihren Holländer-Bock prompt vorführen. Tatsächlich hoppelt das Tier in kurzen Trippelschritten auf das Hindernis zu, bleibt davor noch kurz stehen – und setzt zum Sprung an. Mit angezogenen Vorderläufen und gestrecktem Körper bringt das Kaninchen sogar noch ordentlich Luft zwischen sich und die bunt bemalten Stangen. In Dahlen sind es maximal 30, 35 Zentimeter, die die Tiere überwinden. International geht da mehr: „Der Rekord liegt bei gut einem Meter höhe über eine Distanz von drei Metern“, so Conny Schuknecht, „das hat schon was von fliegenden Kaninchen.“

Das sieht ziemlich putzig aus und ist tatsächlich auch erstaunlich. Allerdings ist nicht jeder davon begeistert. „Tierschützer sehen das kritisch. Da kommt schon mal der Vorwurf der Quälerei“, räumt Nicole Zieger ein. Die Kritik weisen die Anhänger des Kaninhop umgehend zurück – mit einem starken Argument: „Kaninchen machen, was sie wollen. Wenn die Tiere keinen Bock haben, läuft gar nichts.“ Wer einmal die Gelegenheit habe, Kaninchen in freier Natur zu beobachten, könne das bestätigen, meint Conny Schuknecht. „Das Springen liegt in ihrem Wesen.“ In ihrem Job in als Gebäudereinigerin kann sie sich die Trainingszeiten einteilen und dabei entspannt auf ihre Tiere eingehen. Erzwingen könne man gar nichts, anders als etwa beim Pferd, auf dem sich Reiter schon mal mit der Gerte durchsetzen. „Wenn ich mit einem Tier neu zu trainieren beginne, lass ich es einfach durch den Garten laufen und setze es vor ein Hindernis. Manchmal drehen sie dann ab, meistens springen sie aber gleich drüber“, beschreibt die Döbelnerin. Die Zwergwidder-Häsin Chica ist so ein Fall: Erst seit zwei Monaten im Training bringt sie schon erstaunliche Hüpfer zustande. Manchmal gibt es hinterher auch einen Belohnungshappen: ungezuckerte Cornflakes etwa oder ein Stück Apfel. Auch an das Tragen von Geschirr und Leine – meistens selbstgenäht in sehr schmalen Abmessungen – werden die Kaninchen langsam gewöhnt. Anfangs mussten die Kaninhop-Anhänger auch ihre Hindernisse selber bauen, mittlerweile hat sich der Sport so sehr verbreitet, dass es dafür professionelle Anbieter gibt.

Stehen Turniere an, gönnen die Frauen den Kandidaten zuvor ein paar trainingsfreie Tage – umso größer scheint dann die Springbegeisterung zu sein. „Eigentlich trainieren wir zweimal pro Woche, wenn ich aber eine längere Pause einlege, merke ich deutlich, dass die Tiere laufen wollen.“ Die Taktik geht auf, bei Turnieren im heimischen Döbeln, in Jena, Borna oder Leipzig sind schon häufiger vordere Plätze herausgesprungen. Angetreten wird in verschiedenen Schwierigkeitsstufen. Die leichte Klasse beginnt bei Hindernishöhen von 25 Zentimetern, in der Eliteklasse müssen dann schon 70 Zentimeter überwunden werden. Bestleistungen werden wieder gefordert, wenn dieses Jahr die Europameisterschaft erneut nach Deutschland kommt. Ausgetragen werden sollen die Wettkämpfe dann im Herbst in der Nähe von Paderborn. Dann werden auch Freispringer antreten: Kaninchen, die den Parcours ohne Leine absolvieren. Mit ausgewählten Tieren trainieren das auch die Döbelner Vereinsmitglieder. Und so schwer sei es auch nicht, findet Nicole Zieger. „Die Tiere hören auf ihre Namen und gehen auf Kommando rechts- oder linksrum.“ Die 25-Jährige hat bereits ganz vorne mitgemischt: Bei der Europameisterschaft 2012 in Leipzig landete sie mit einem ihrer Tiere auf dem 9. Platz – von über 1000 Startern.

Während viele Rassekaninchenzüchter meist kein Problem damit haben, wenn es eines ihrer Exemplare vom Stall auf den Teller schafft, ist das für die Frauen ein Unding. „Unsere Kaninchen kommen nicht auf den Tisch, die werden verwöhnt und sterben irgendwann an Altersschwäche“, sagt Nicole Zieger bestimmt. Außerdem, so die Liptitzerin, ist die Bindung zwischen Mensch und Tier viel zu eng, um aus den sportlichen Hopplern einen Braten zu machen. „Die Kleinen sind wie Hunde, die kommen uns überall hinterher.“

www.rassekaninchenzuchtvereinS837.de

Von Jana Brechlin

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