Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -5 ° wolkig

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Junger Muslim aus Oschatz: „Nicht alle Moslems sind Terroristen“

Religion Junger Muslim aus Oschatz: „Nicht alle Moslems sind Terroristen“

Über den Islam, die Islamisierung und welche Gefahr von ihm ausgeht, spricht man nach den Anschlägen von Brüssel wieder vermehrt. Doch mit Muslimen spricht man selten darüber. Firas Zabdeh, Schüler aus Oschatz, dessen Eltern aus Palästina stammen, warnt davor, eine Religion unter Generalverdacht zu stellen – und wirbt für mehr Toleranz auf beiden Seiten.

Mitglieder der muslimischen Gemeinde in Brüssel zeigen sich solidarisch mit den Opfern des Terroranschlags.

Quelle: AFP

Oschatz. Noch Tage nach den Anschlägen in Brüssel dominieren die Ermittlungen dazu die Schlagzeilen. Nachdem sich Mitglieder der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) als Täter bekannt haben, ist Vor- und Pauschalurteilen gegenüber dem Islam als Religion Tür und Tor geöffnet.

Firas Zabdeh (17) ist Schüler in Oschatz und Moslem, stammt aus Palästina. Er warnt davor, alle Muslime als Fanatiker abzustempeln. Genau wie sein Bruder, ein erfolgreicher Fußballspieler, ist er in Deutschland geboren und aufgewachsen. „Ich fühlte mich hier nie ausgegrenzt, im Gegenteil“, sagt der Gymnasiast, der in den nächsten Tagen sein Abitur ablegt und unter anderem in der Theatergruppe des Thomas-Mann-Gymnasiums zuletzt in einer Hauptrolle mitgewirkt hat. „Ich bin ein Kind zweier Kulturen, der morgenländischen und der abendländischen“, sagt er. Problematisch sei es für ihn nie gewesen. „Ich war nie ausgegrenzt, nur weil ich keinen Alkohol trinke und kein Schweinefleisch esse.“ Unterschiede zwischen beiden „Welten“ hat er, wenn überhaupt, im Naturell der Menschen festmachen können. „Deutschland ist eine Industrienation. Wie alle Staaten des Westens gelten hier vor allem Struktur, Ordnungssinn, Pünktlichkeit und Produktivität als Maßgaben. Nur weil diese rationalen Eigenschaften in arabischen Ländern nicht so eine große Rolle spielen, heißt das nicht, dass ich sie nicht auch schätze.“

Die islamisch geprägten Völker lebten weniger mit dem Kopf als vielmehr mit dem Herzen. „Gastfreundschaft, Nächstenliebe und Miteinander fallen mir zuerst ein, wenn ich an meine Wurzeln denke“, so der Schüler. Seien es Lehrer, Klassenkameraden, Fußballer und deren Eltern, mit denen Firas Bruder Rami regelmäßig zu tun haben – bei allen Begegnungen geht es nicht darum, dass unterschiedliche Religionen das Leben der Aufeinandertreffenden geprägt haben. Nicht alle Muslime sind Terroristen, es sei ohnehin nicht zielführend, Nationen aufgrund ihres Glaubens zu beurteilen. „Religionen sind da, Leuten im Leben weiterzuhelfen. Letztendlich gehören Religionen nicht zu Ländern, sondern zu Menschen. Jeder hat die Freiheit, der Religion seiner Wahl nachzugehen. Also gehören Religionen, solange nicht in fanatischen Zügen ausartend und anderer Leute Rechte einschränkend, zu Deutschland“, antwortet Firas auf die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehöre. Tolerante und integrierte Muslime gehören nach seiner Meinung genauso zu Deutschland wie jeder andere deutsche Staatsbürger. Jedoch gibt es trotzdem auch fundamentalistische Anhänger des Islams, welche die Religion auf eine grausame Art und Weise instrumentalisieren. „Dabei geht es meist um Macht, um Einschüchterung oder den eigenen Vorteil dieser Prediger“, sagt der Oschatzer.

Radikale Salafisten oder Selbstmordattentäter sind in seinen Augen von extremen Lesarten des Koran geprägt, die jeder Grundlage entbehrten. Wenn islamischer Terror stattfindet, sterben dabei auch unbeteiligte Moslems. Darüber spreche nur niemand. Stattdessen werde gegen ganze Volksgruppen Stimmung gemacht. Nutznießer von Pauschal- und Vorurteilen seien Vertreter und Anhänger von Bewegungen wie Pegida oder teils auch der AfD. „Wer sich deren Programm durchliest, merkt schnell, dass es die Einschränkung der Rechte aller vorsieht, die in Deutschland leben – egal, wo sie herstammen.“

Eine Herausforderung sei der Umgang mit dem Islam im Zuge der voranschreitenden Globalisierung. „Je mehr Moslems rund um die Welt unterwegs sind, um so mehr dringt der Islam auch dorthin vor, wo andere Religionen dominieren. Dass beide nebeneinander existieren können, erfordert den Willen, das fremd Erscheinende zu betrachten, zu analysieren und in allen Facetten kennen zu lernen“. In Deutschland profitiere Firas Zabdeh beispielsweise von den Weihnachts- und Osterferien, die auf christlichem Glauben basieren. Andererseits gibt es während des Fastenmonats Ramadan für ihn keine Ferien. Beides gelte es zu tolerieren. Diese Bereitschaft wünscht sich Firas noch verstärkt in seinem Umfeld. Nicht trotz, sondern wegen der Anschläge in Brüssel.

Von Christian Kunze

Oschatz 51.3006128 13.1059825
Oschatz
Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Oschatz
  • Zeitung in Schulen

    Herzlich willkommen bei den Schulprojekten der Leipziger Volkszeitung und ihrer Regionalausgaben. mehr

  • Angestupst
    Mikrologo Angestust

    Die aktuelle Förderrunde der Aktion „Angestupst“ von LVZ und Sparkasse Leipzig ist beendet. So haben Sie abgestimmt! mehr

  • LVZ-Fahrradfest
    Logo LVZ-Fahrradfest

    LVZ-Fahrradfest 2016: Sehen Sie hier einen Rückblick mit vielen Fotos von allen Starts, Videos und mehr. mehr

  • 24 Stunden in der Region

    Firmen und Unternehmen in der Region Leipzig stellen sich vor. mehr

  • TAW - Technische Akademie Wuppertal
    TAW  - Technische Akademie Wuppertal

    Ein Werbespecial der LVZ für die Technische Akademie Wuppertal mit Infos zum breitgefächerten Angebot. mehr

  • Zoo Leipzig
    Zoo Leipzig

    Infos und Events aus dem Zoo Leipzig sowie zahlreiche Bilder aller Vierbeiner und der geflügelten Zoobewohner. mehr

  • Asisi - Welt der Panoramen
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Great Barrier Reef" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zum Great Barrier Reef im Panometer Leipzig und den asisi-Panoramen in Dresden. mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die LVZ in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten LVZ das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr

  • Onlineabo

    "LVZ-Online Extra" heißt das Online-Premiumangebot der Leipziger Volkszeitung, das Sie überall auf der Welt und rund um die Uhr nutzen kö... mehr